Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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alten Marines ehrwürdige Züge waren von Angst und Schrecken verzogen, er zitterte cim ganzen Leibe, denn sie streßen ihn vor sich her und verspeiten ihn. Er hätte nämlich, sein Quartier verlassen und war auf der Rückkehr verspätet und so den Leuten in die Hände gefallen, die ihn ins Judenviertel zurückjagen wollten Denn die Juden hatten, wie in der heiligen Stadt Rom, ihr besonderes Viertel, aus dem sie nicht, außer in bestimmten Stunden, heraus durften. So jagte denn der Troß mit dem alten, zitternden Mann in der Mitte am Kaffeehause vorbei. Die drei Deutschen schauten hin und hatten bald erkannt, um was sich's handle. Ohne Kommando sprangen die Drei blitzschnell von ihren Sitzen auf. Der Vierschrötige schüttelte seine. Locken.wie ein Löwe seine Mähne, schwang seinen geladenen Ziegenhainerund sprang mitten in den Knäuel hinein und fing an, die Köpfe und Rucken der Palermitaner so gründlich zu bearbeiten, als sei er ein Haarkräusler oder ein Gerber. Die zwei Anderen waren durch die Gasse nachgebrochen und hieben nun auch unter den verdutzten Knäuel ein, schimpften auf Deutsch und Italienisch auf das rohe Volk, und während der Erste in seiner Arbeit fortfuhr, nahmen die beiden Anderen den Juden unter den Arm und zogen ihn aus dem Getümmel heraus. Das feige Volk hatte sich bald verlaufen, und der Bierschröter kam schweißtriefend nach. Das war einmal was für unsereinen," rief er lachend, „so was passirt einem nicht alle Tage auf diesem Stern. — „Nun, Alter," sagte er zum Juden, „vergeht, was Euch das Volk ge- -than, und sagt uns Eure Wohnung, wir werden Euch eskortiren." — Der Jude wußte sich nicht zu helfen vor Verbeugungen und Dankesworten und frug dann schüchtern, ob die Herren auch Juden wären, dieweil sie so an ihm gehandelt. .Da schlugen die Drei ein helles Lachen aus. „Nein,' Sohn Abrahams, Juden sind wir nicht, aber Christen und Menschen-, und darum soll Euch kein Leid geschehen." Der Jude schaute sie verwundert an, noch mehr aber die vor ihren Häusern kauernden Leute im schmutzigen Judenviertel, als sie den Alten inmitten der drei blühenden deutschen Jünglinge sahen. „Sie haben mich gerettet von den Gojims," rief der Alte unaufhörlich, „und sind selber Gojims!" Endlich waren sie am Hause. Schwarzäugige, schmutzige Kinder sprangen heraus und an dem Alten hinauf, küßten ihn und zupften ihn am Bart, es waren seine Enkel. Aber angstvoll kam. das alte Judenweib heraus mit ihren großen Kindern. Sie hatte den Alten schon verloren gegeben, als er über die Zeit ausblieb. In Kürze erzählte er, was ihm begegnet war, während sich die'Künstler das Treiben anschauten. Sie sahen, wie das dunkle Auge des großen Sohnes flammte wie das des Judas Makkabäus, als sein Volk geplagt ward — aber als der Alte dann auf die Drei deutete (denn sie verstanden kein Wort von dem allem), da drängten sie sich herzu und küßten die Hände der Fremdlinge unaufhörlich, bis endlich dem Vierschrötigen die Geduld riß und er auf Deutsch rief: „Laßt doch die Dummheiten, bleiben," was die dankbare Familie freilich ebenso wenig verstand, als wenn er gesagt, hätte : „Behüt Euch Gott, auf Wiedersehen, ein andermal wieder, recht gern, wenn's noth thut!" — Die Drei gingen ihrer Wege, froh und leichten Herzens, wie ein Mensch, wenn er seine Pflicht und Schuldigkeit gethan hät, und noch lange hallten ihnen die Segenswünsche aus dem Judenviertel nach. — Die Geschichte hatten sie bereits vergessen, wie man Las allerwege thun und sich nichts einbilden soll. Nur in das KWeehaus waren sie bei Abend nicht gegangen, von wegen der Stockprügel, die sie ausgetheilt. Es schien ihnen nicht gerade geheuer, weil der Italiener, wo er mit dem ehrlichen Stock nicht vorankommt, es mit dem hinterlistigen Dolche versucht. Sie sahen sich Palermo mit seinen Herrlichkeiten des Weiteren an und kamen nach 14 Tagen wieder in das Kaffeehaus. Es dauerte nicht lange, da sahen sie in Begleitung dreier hochgewachsener junger Leute einen Greis im Turban und Kaftan auf sie zukommen. Es war der Alte, den sie herausgehauen hatten. „Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs," rief der Alte, „daß ich Euch finde. Seit vierzehn Tagen bin ich jeden Tag hierher gekommen, Ench zu suchen und zu danken. Aber ich fand Euch nicht und konnte' nur beten beim Leuchter, daß Adonai segnen möge den Fremdling, der Gutes gethan an Israel und selber nicht aus Israel ist- Ich' habe nicht viel. Euch zu geben, aber ick habe gehört, daß Tedeseo (der Deutsche) raucht wie der Muselmann über dem Wasser. Aus der Heimath — und die Fremde ist bitter — habe ich noch drei Pfeifen, sie sind echt, Ihr könnt es glauben, nehmt sie. Mehr habe ich nicht, was Euch freuen kann. So oft ihr rauchet, gedenket daran, daß Israel nicht vergißt, was man ihm Gutes thut." Dann hob er noch einmal segnend die Hände über die Drei und ging, ohne den Dank abzuwarten, - von dem Tische weg. Die Drei schauten dem Alten nach, dann auf die Pfeifen und Jeder auf den Anderen, und Keiner sagte ein..Wörtlein. Was aus den Pfeifen der beiden Anderen geworden ist, weiß ich nicht. Meines Vaters Pfeife aber lag im Pulte verschlossen. Nun kam sie mir doppelt ehrwürdig vor, und ich begehrte nicht mehr, sie zu rauchen. Aber von jener Zeit hieß sie bei uns die Toleranzpfeife. Und die kann .Jedes, auch die geneigte Leserin, rauchen, sogar ohne Türkenkopf und Wasserschlauch." - Fürwahr! Eilt herrliches Denkmal der Duldsamkeit eines preußischen 'Hofpredigers in einer trüben Zeit des Klaffe«- und Raffenhasses sehen ivir da vor uns, ein Deiskmäl, das der edle Verblichene sich selbst in der Mitte unseres Volkes gesetzt hat. Und dieser Mann war der Vertrauensmann dreier Kaiser und der Neljgionslehrer unseres zukünftigen deutschen Kaisers, und seiner Geschwister. Welch echt menschliches Mitgefühl mit dem armen, verfolgten Juden offenbart sich hier in dem Vater des Erzählers! Welche Hochschätzung vor dieser Gesinnung thut sich bei dem Sohne kund! Und wie liebevoll weiß der Erzähler die tiefsten, aber alich die eigensten Seiten MtseE Glaubensgemeinschaft hervorznheben, wenn er von der unauslöschlichen Dankbarkeit des armen Juden spricht, der nicht ruht und nicht rastet, bis er dem Manne, der ihm, dem verachteten, verhöhnten und verfolgten Juden, Schutz und Schirm gewesen ist, ein wenn auch nur schwaches Zeichen seiner. Erkenntlichkeit gegeben hat. Aber daß dieser ungebildete Handelsjude so viel Herzensbildung verräth und nicht einen Dank für die kleine Gabe abwartet, weil er die Dankbarkeit für seine Menschenpflicht hält, auch das vergißt der Erzähler nicht, hervorzuheben. Q, daß es doch lauter solche Hofprediger gäbe, welche' herrlichen Triumphe würde die Humanität am Ausgange des 19. Jahrhunderts feiern! Und zu einer solchen Bethätiguug der Humanität fordert der Erzähler nicht blos seine Leser, sondern auch seine Leserinnen in schalkhafter Weise, die nur in einem liebevollen, echt menschlichen Herzen ihre Quelle findet, auf. — Daß aber der Sohn dieselbe echt menschliche Gesinnung hegte wie sein Vater, das geht aus einer Erzählung in der zweiten Volksschrift: „Ans dem untersten Stockwerk" hervor. Auf Seite 83 dieser Schrift ii.-f. erzählt Frommel Folgendes: „In der Schule gab's nun allerhand Gesellen. Man schließt sich zu dieser Zeit so frisch und rückhaltlos an und fragt nicht viel, woher einer ist, noch ob sein Vater vom Adel oder ein Schneider ist. Mich zog's unter anderem auch zu einem hinkenden Judenknaben, der „krumme Elias" genannt. Sein Vater war ein alter Trödler und ein strenger Jude. Der Elias aber hatte eine prächtige Sopranstimme, ich fang Alt, und das verband uns. Ich ging auch einmal mit ihm nach Hause, da war alles Mögliche aufgestäpelt, Teppiche, Vasen, Waffen, was mich höchlich interessirte. Am allerschönsten war's aber, als der Junge mich überredete, am Freitag Abend zu ihm-zu kommen. Wie der greise Vater unter Gebeten die messingene Lampe ansteckte, und wie Alles feierte! Selbst der Lumpenkram hatte etwas Sabbathliches. Oder wenn Laubhütlenfest kam und wir' draußen saßen unter der schnellgepflanzten Kürbislaube und Wein mit Wasser<tranken! Auch in die Synagoge kam ich bei dieser Gelegenheit zum'Mitstngen (!) und sah hinunter in den halbdunklen Raum und hörte mit einem gewissen Schauergefühl das dumpfe Gemurmel Der krumme Elias wurde später Künstler, ich hielt ihm Vorträge aus der Kunstgeschichte. Er ist übers Weltmeer gegangen und hat vielerlei erfahren. Aber er ist indessen ein tüchtiger, braver Mensch und ein treuer Christ geworden; und welche Freude, ihn nach vierzig Jahren so wieder zu sehen! als mein Freund nicht blos, sondern Bruder im Glauben! Welche Lebensgänge in auf- und absteigender Linie!" — Finden wir bei einem Schriftsteller uns unserer eigenerr Mitte eine schönere, tiefer empfundene Schilderung der „Prinzessin Sqhhcith" und der Sukkah, wie hier bei dem kaiserlichen Hofprediger? Und