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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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Die Kurie der drei Stände des vereinigten Landtages hat — in : ihrer Sitzung vom 15. Juni 1847 — diesen Vorschlag unverändert angenommen, dainit auch ihrerseits der Ansicht beitretend, daß als mit 'Entrichtung der Abgaben während der letzten drei Jahre vor der Wähl/ im Rückstände geblieben nur die Mitglieder änzusehen seien, welche ihre Verpflichtungen gegen die Gemeinde biZ dahin, d. h. bis zur' Wahl "noch nicht erfüllt haben, daß Gemeindemitglieder, die bis zur Zeri der -Wahl ihre Verpflichtungen gegen die Gemeinde erfüllt haben, des Wahl- . rechts theilhaftig sein sollen (der Erste Vereinigte Landtag in Berlin 1847, IV; Theil, Verhandlungen nach den stenographischen Berichten Seite 1710) 1809). Die Herren-Kurie hatte schon in ihrer Sitzung vom 14. Juni 1847 dem § 8 in der Fassung des Entwurfs ihre Zustimmung ertheilt (Seite 2031 a. ä. O.). Hiernach bedarf es kaum noch eines EingeheG auf die Ausführung, daß als rückständige Beiträge diejenigen anzusehen seien, deren^Emziehung nicht in Gemäßheit des § 68 des Statuts, angeblich lautend: Die Beiträge 'werden vierteljährlich pränumerando erhoben (richtiger 12. April - nach dem Nachtrage vom —^—-—— 1893: die Beiträge werden in 20. September ' , Raten, welche ' durch den Gemeinde-Vorstand zu bestimmen sind, im H'-Vöraus erhoben), Äwir.tt, worden sei, sondern in der Form des § 69 des Inhalts: . Nachdem, die Heberolle von der Aufsichtsbehörde für vollstreckbar erklärt worden, werden die rückständigen Beiträge auf Antrag des . Gemeinde-Vorstandes im Verwaltungswege eingezogen, erfolgen müsse.; Mag der § 69 immerhin die nicht gemäß § 68 zur Hebung gelangenden Beiträge als „rückständige" bezeichnen, maßgebend ist lediglich der. § 12 des Statuts, nach diesem aber bleibt, wie gezeigt, den Gemeinde-Mitgliedern, die zur Zeit der Wahl mit keinem BeitrM mehr im Rückstände sind, das Wahlrecht unverkürzt erhallen. . .Nach alledem war die angefochtene Entscheidung in der Hauptsache zu bestätigen, der Kostenpunkt aber gemäß §§ 103, 1071 des Landesverwaltungsgesetzes vom 30. Juli 1883, wie geschehen, zu regeln. Urkundlich unter dem Siegel des königlichen Oberverwaltungsgerichts und der verordneten Unterschrift. L. 8. gez. Lohaus. * Kofprediger Frommet und die Inden. Bon Hermann Becker. f er soeben verstorbene Hofprediger Frommet war bekanntlich von seiner wichtigen Stellung als höchster evangelische Militärpfarrer entbunden worden, um den kaiserlichen. Prinzen in Plön den Religionsunterricht zu ertheilen. Bei der außerordentlich hohen Werthschätzung, welche der Religionsunterricht und die religiöse Gesinnung überhaupt bekanntlich in unserem Herrscherhause genießen, war die Wahl gerade dieses Geistlichen von symptomatischer Bedeutung. Wenn wir ferner bedenken, daß der Verstorbene auch das Vertrauen der hochseligen Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. in hohem Maße besessen hat und ebenso bei der Kaiserin Friedrich persona grata gewesen ist, dann sind wir natürlich auch wißbegierig genug, etwas über seine Stellung zu den Juden und dem Judenthum zu erfahren. Wir sind nun in der Lage, zwei Zeugnisse des Verstorbenen selbst über seine Gesinnung in judaicis mittheilen zu können, von welchen namentlich das erste herzerhebend genug ist. Bekanntlich war Ernst Frommel auch ein vielgelesener Polks- und Jugendschriftsteller. Als vor ca. 6 Jahren, die königlichem : Schulbehörden zum ersten Male die Anlegung von Schülerbibliotheken durch Hergabe von guten Jugendschriften förderten, da waren auch die Frommelschen Jugendschriften unter den Büchern, welche den Volksschulen.(in Posen auch den jüdischen) geschenkweise überwiesen wurden. Für unsere Zwecke kommen folgende zwei . Jugendschriften in Betracht: „Ans der Familien - Chronik eines, geistlichen Herrn." Vierte Auflage. Stuttgart 1888, bei Steinkopf, und „Aus dem untersten Stockwerk", Ein Supplement zur „Familien- Chronik eines geistlichen Herrn". Dritte Auflage, Stuttgart 11888 bei Steinkopf. In der Familienchronik, in welcher der. Verfasser lebenswahre und prächtige Schilderungen aus seinem Vaterhause und scharf gezeichnete, dabei aber voll kindlicher Liebe getragene Charakterschilderungen seiner Eltern und Verwandten darbietet, lautet ein Kapitel (S. 11 bis 21) „Meines Vaters Türkenpfeife". , Wir hoffen, den Lesern dieser Zeitung eine besondere Freude zu bereiten, wenn wir dieses ganze Kapitel wörtlich-hierher setzen. Es lautet: „Mein Vater hat nie geraucht und doch eine Pfeife gehabt. Daß er nicht rauchte, kam daher, daß er es für eine abscheuliche Gewohnheit hielt, und die selige. Mutter stimmte dem vollkommen bei. Und doch hielt er eine Pfeife hoch und werth. Sie hatte einen langen geringelten Schlauch/ oben eine große Bernsteinspitze/ die wie eine Eichel aussah, und unten einen schönen rothen, türkischen Knopf mit Gold eingelegt. Ging der Vater einmal an die obere Schublade seines Pultes und unsereins kam just dazu, gab's viel Fragen .und wenig Antwort. Vergilbte Zettel, getrocknete Blumen, ein schöner Rosenkranz aus Jerusalem, alte Münzen und auch die Türkenpfeife lagen-darin. Ja, warum der Vater alle diese Sachen so hübsch aufhob-ünvufest wieder zuschloß und sagte: „Das ist nichts für Euch, Ihr lieben Kinder!" Unsere Blicke blieben noch länge an der wieder geschlossenen Schublade hängenaber sie war und blieb zu. — Als ich von der/Universität kam, wo ich unter anderen Künsten leider auch rauchen kernte) gelüstete - es mich gewaltig nach der schönen Türkenpfeife, sie zu Prokuren. Da wurde denn die Rede auch einmal ganz sachte auf den Türkenkopf gebracht, und wie das Rauchen aus so einer langen Pfeife gesünder und weniger kostspielig wäre, und was dergleichen Dinge mehr waren. Der Vater lächelte still vor sich hin und hörte dem Ding ruhig zu, aber er wußte sogleich, wo's hinaus wollte, und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: „Du'kriegst sie aber doch nicht." Nachdem alle Beredsamkeit von meiner Seite am Ende war, schwieg der Vater noch immer still. Und das ist immer peinlich, wenn der Eine so viel spricht und der Andere sagt kein Wörtlein darauf. Endlich brach er das Schweigen auf Zureden der Mutter. Mit dem Türkenkopfe hatte es nämlich so seine Bewandtniß. warum er nicht geraucht werden durfte. Auf der schönen Insel Sizilien, die unten an Italien ruht, wie das Schooßhündlein zu Füßen seiner Herrin, liegt die Stadt Palermo, hoch aufgebaut mit ihren Burgen und Palästen und großen freien Plätzen. Dahin war in seinen jüngeren Jahren auf der Fahrt nach Welschland der Vater gekommen, er war ein Maler und seine beiden Freunde Baumeister, wovon der eine die Ludwigskirche, der ändere die Auerkirche in München erbaut hatte. Die wollten dort studiren aus dem großen Buch, wo statt Buchstaben Berge und Fluren, Paläste und Kirchen stehen und wo jede Nacht ein Komma und jedes Nachtquartier ein Pünktlein ist. Zwei von ihnen, der Vater und der eine Baumeister, gehörten nicht/geväde zu den. Stärksten, dagegen war der andere Baumeister ein breit söhultetiger, stämmiger Mann, dessen Stock allezeit geladen war, wenn Roth art/den Mann kam. So saßen denn die Drei einst an einem.Abend vor einem Kaffeehaus. lieber ihnen war ein Zelt gespannt, und ringsum standen blühende Oleander und Aloen, auf dem Tisch Kaffee und Eis und was so von diesen Herlichkeiten mehr sind. Die drei deutschen Jünglinge in ihren weißen Strohhüten und breit ausgelegten weißen Hemdenkragen und langen Haaren unterhielten sich von diesem und jenem, vom krümmen und geraden Lauf in der Welt,' vom vielen Gelde, was die Hamburger Kaufherrn haben, und von dem wenigen, was die Künstler haben, vom Sultan in Konstantinopel und vom Herrn AmtMänn in Balingen im Schwarzwald. Da tobte es plötzlich aus der Seitengasse heraus, wie wenn das wilde Heer des Hans von Rodenstein im Odenwald daher käme, mit Pfeifen und Heulen und Schreien, und zwischen-. drein hörte man nur die flehende, wimmernde Stimme eines' alten' Mannes. Es war ein Haufe palermitaner Männer, Weiber ünh Kinder, die auf der Hetzjagd begriffen waren. Das Wild aber/-das sie hetztenwar - ein alter Jude mit langem, eisgrauem - Bart/ in schwarzgelbem Kaftan, mit einem weißen Turban auf dem Kopf: Des

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