Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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von germanischen, romanischen, slavischen Stämmen gesprochen wird. Zeigt schon der Segen Noa's die höhere Kultur des Sem und Japhet, so tritt das besonders bei zwei Völkern hervor, die von ihnen abstammten. Die Griechen (Javon), als Nachkommen Japhets und Israel, als Nachkommen Sem's, nehmen eine bevorzugte Stellung unterden Nationen ein und waren doch wesentlich verschieden von einander. Diese Erscheinung werdet Ihr auch in dem engen Kreise der Familie wahrnehmen. Kinder, die demselben Hause angehören, haben in späteren Tagen nicht blos verschiedene Lebensschicksale, .so daß das Eine im Wohlstano und Glück dahingehen kann, während das Andere mit Noth und Entbehrungen kämpfen muß, sondern fie sind auch innerlich anders geartet nach Anlagen, Neigungen, Empfindungen, Charakter und Bestrebungen. Ein Kind sucht sich geistig zu entwickeln, strebt nach Bildung, während das andere sich begnügt, ein Handwerk zu erlernen; das eine hat Neigung zur Kunst, das andere widmet sich dem geschäftlichen Verkehr. Man darf darin eine weise Anordnung Gottes erkennen, denn die Mannigfaltigkeit der Berufsarten fördert das Wohlergehen aller Menschen. Der Eine giebt von dem, was er hervorgebracht, an.Andere und empfängt dafür das, was ihm fehlt. Durch dieses Ausgleichen breitet sich der-Segen über Alle aus. Ganz dasselbe ist bei den einzelnen Völkern der Fall. Das Eigenartige der Griechen bestand in der Kunst und Wissenschaft, die sie so hervorragend entwickelt haben, daß man noch jetzt zu dieser Quelle zurückgeht, um von ihnen zu lernen. Sie waren das Volk der Bildung. Das Eigenartige Israels war die Pflege der Religion. Von dem Augenblick, da Abraham als Vorbild mannigfacher Tugenden , hingestellt wurde, der sich durch Friedensliebe, Uneigennützigkeit, hingebende Theilnahme, Gastfreundschaft, Mitleid selbst mit dem schwachen, unglücklichen Sünder auszeichnete; von dem Augenblick, da Isaak sich dem höheren. Willen zu unter-' werfen und sein Leben für Gott hinzugeben bereit war; von dem Augenblick, da. Jakob sich den ehrenvollen Namen Israel, Gotteskämpfer, errungen hatte, war für die Nachkommen, die diesen Namen trugen, der Weg vorgezeichnet, den sie gehen mußten, sie sollten menschlich denken, fühlen und handeln, sie sollten stark sein, auch das Leben für die Ehre Gottes zu opfern, sie sollten sich des Namens Israel würdig zeigen. Dadurch ist Israel auch das eigentliche Religionsvolk geworden, in dessen Mitte die heilige Schrift entstanden ist mit den hohen Wahrheiten über Gott, mit den unübertrefflichen Lehren der Sittlichkeit und Menschlichkeit, mit all den großartigen prophetischen Reden, die keine andere Litteratur aufzuweisen hat, mit all den tief mpfundcnen, heiligen Liedern der Psalmen, die nicht nur in unseren Synagogen gesungen und gebetet werden, sondern auch an den Gottesstätten anderer Bekenntnisse. Die heilige Schrift enthält nichts von dem, was wir Wissenschaft nennen, und auf dem Boden Palästinas werden keine Werke Und Schätze der Kunst ausgegraben; aber sie war das grundlegende und unvergängliche Religionsbuch der Menschheit und machte Israel zum Religionsvolk. Allerdings dauerte es tausend Jahre, bis sich die Lehren der Schrift ganz und gar in das Herz des Volkes eingruben. Wir hören genug Klagen aus dem Munde der Propheten, die nicht müde wurden, die Großen wie die Kleinen zu warnen und mit scharfen Worten zurechtzuweisen; wir dürfen aber nicht glauben, daß sie die Einzigen waren, die so begeistert dastanden. Neben ihnen gab es gar viele, die von gleichen Gedanken beseelt waren, die nur die Begabung, wohl auch den Muth nicht hatten, dem Volke so offen die Wahrheit vorzuhalten. Niesenberge stehen nicht vereinzelt, sie sind immer umgeben von kleineren Bergen, von Hügeln, an deren Füßen dann die Tiefen und Thäler liegen. Und die' Propheten waren Männer mit einem Riesengeist, sie überragten ihre Zeitgenossen mit der Größe ihrer Ueberzeugung, mit der Hoheit ihrer Gesinnung, und sie legen dadurch das beste Zeugniß ab, daß Israel stets das Religionsvolk gewesen ist. So standen sich die beiden Völker gegenüber, Israel mit seiner Pflege der Religion, die Griechen mit der Pflege der Wissenschaft und Kunst. So lange sie nicht in Berührung kamen, konnte jedes ungestört seinen Weg gehen. Die Griechen meißelten ihre Göttergestalten, sie errichteten prachtvolle Bauten, die noch immer die Bewunderung an sich fesseln; ihre Denker forschten und suchten, sich ein tiefes Wissen anzueignen, selbst im Gebiete der Natur. Israel lenkte seinen Blick in das Innere, es war in sich gekehrt, sein Denken und Fühlen war Gott, sein Smnen darauf gerichtet, Gottes Willen zu thun und seine Gesetze zu befolgen. Aber es konnte nicht ansbleiben, daß die beiden Völker, die räumlich nicht weit von einander wohnten, in engere Beziehung traten, besonders seitdem mit dem Siegeszuge Alexanders des Großen griechische Lebensanschauung, griechischer Geist in weiteren Kreisen sich bemerkbar machte. Nun mußte, sich zeigen, ob sich der Segen Noas erfüllen werde, ob Japhets Söhne sich friedlich ausbreiten und ihre Wohnsitze nehmen würden in den einfachen Zelten des Sem, oder ob d,ie Kinder Sems ihre schlichten Zelte abbrechen würden, um einzuziehen in die geschmückten Hallen der Kinder Japhets. > Seit Jahrhunderten hatte das jüdische Volk seine Unabhängigkeit .verloren, es wechselte nur wiederholentlich die Fremdherrschaft; so lernte man das Griechenthum kennen. Die griechische Kunst hatte viel Anmuthiges, sie bezauberte durch die Schönheit der Form, durch die Gedanken, die sie wiedergab, und es fanden sich viele unter den Juden, >ie Gefallen daran hatten. Sie waren weit davon entfernt, den frommen Gottesglauben mit dem Götterwesen zu vertauschen oder die einfachen Sitten gänzlich zu opfern zu Gunsten der griechischen Lebensweise, die damals bereits sittenlos geworden war. Man wollte nur das Gute und - Schöne anfnehmen. Die große Masse des Volkes mochte von dem Fremdartigen nichts wissen, man wollte die altväterlichen Gesetze und Bräuche nicht hingeben, man ahnte instinktmäßig, daß im weiteren Verlaufe sich daraus nur eine Treulosigkeit gegen Gott herausbilden werde. Nun war wenige Jahrzehnte, nachdem die syrische Herrschaft über Palästina begründet worden, durch den Einfluß des Königs Antiochus Epiphanes die Macht in die Hände der griechenfreundlichen Männer gelegt, und als das Volk den Bestrebungen derselben nachhaltigen Widerstand leistete, fing man an, gewaltthätig einzugreifen, bis schließlich' der König in seinem Uebermuthe unter Androhung der Todesstrafe dem Volke seine Religion zu nehmen versuchte. Sabbath, Festfeuer, Speisegesetze wurden verboten, die Rollert der heiligen Schrift vernichtet, der Tempel, der einzige Ort auf der ganzen Erde, in welchem der Opferkultus zu Ehren Gottes stattfand, zu einem Zeustempel umgewandelt, und Priester, Diener des einzig - einigen Gottes, brachten am 25. Kislev 167 n. d. n. Z. das erste Opfer dem Griechengott. So hatte die Befürchtung des Volkes schon nach wenigen Jahren sich bestätigt, denn die väterliche Religion war erschüttert, fast vernichtet. In dieser Bedrängniß fand sich der Mann, der mit starkem Geiste zeigte, daß er nicht umsonst den Namen Israels trug. Mathatias, ein Priester aus dem Geschlechts der Hasmonäer, ein Greis von 70 Jahren, er trat als Gotteskämpfer ein. Dort in Modim, einer kleinen Stadt bei Jerusalem, war es, wo. er in frommem Eifer neben dem königlichen Beamten den ersten Juden, der das Heidenopfer brachte, zu Boden streckte, das Götterbild zerschlug, den Altar zertrümmerte, unterstützt von seinen , fünf Söhnen Jochanan, Simon, Juda Makkabi, Elasar und Jonathan. Dies war das Zeichen, daß man nicht Willens sei, die Religion preis zu geben. Sie flüchteten zunächst ins Gebirge, die Kunde von der kühnen That führte bald eine größere Anzahl Gläubige zu ihnen, und von dort aus weckte man die Begeisterung. in weiteren Kreisen. Als Mathatias nach wenigen Monaten vor Ueberanstrengung dem Tode nahe war, setzte er noch Juda zum Führer im Streite ein und forderte von allen seinen Söhnen, Religion und Vaterland nicht zu verlassen. Mit geringer Schaar, die von der Liebe zu Gott entflammt war, überwältigte Juda die weit größeren Heere der Syrer, entriß Jerusalem dem Feinde, um den Tempelkultus wieder herzustellen, und am 26. Kislev 164, drei Jahre, nachdem die Stätte entweiht worden war, wurde fie von Neuem geweiht, wieder brannte das Licht auf dem Leuchter des Herrn, wieder wurde das Opfer gebracht zu Ehren Gottes. Aber auch nach dem gleichzeitigen Tode des Antiochus waren die Kämpfe nicht zu Ende. Drei der Brüder,. Elasar, Juda und Jochanan, blieben auf dem Felde der Ehresie starben den Heldentod. Da übernahm Jonathan die Führung, und als dieser durch Verrath gefallen war, da stellte sich SiMon in den Riß. „Ich bin nicht besser, als meine Brüder," sprach er, will treu zum Glauben und zum Volke, stehen", und dieses ernannte ihn sofort zum Volkssürsten und erklärte sich dadurch unabhängig. Der neu eingetretene syrische König mußte aus Besorgniß für seinen Thron die Unabhängigkeit anerkennen und bestätigte sie durch das Münzrecht, das auf Simon überging.. Obgleich auch er dem Meuchelmord erlag, der von syrischer Seite angestistet war, ging der Erfolg des heldenmüthigen Kampfes nicht mehr verloren. Man hatte sich für die freie Religions