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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 bürgerlichen Rechte aller Volksgenossen in, soweit sie deutschen Stammes' find, und erstreben die Schaffung eines Fremdenrechts für alle unter uns wohnenden Angehörigen fremder Nationen. (Juden, Italiener, Polens Dazu bemerkte Pfarrer Naumann in seiner vortrefflichen .Einleitungsrede: ' ’•* Es seien nun mehrere Anträge gestellt worden, die eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte für Juden und Polen verlangen. Man habe, um den Staat zu stärken, zunächst die Katholiken und alsdann die Sozialdemokraten unter Ausnahmegesetze gestellt und Anläufe gemach?, um auch die Juden unter Ausnahmegesetze zu stellen. Der Erfolg war stets, daß die Unterdrückten sich zu immer größeren und festeren Gruppen zusammenschlossen. Wenn die Antisemiten Erfolg hätten, dann ward der Erfolg nur, daß eine halbe Million Staatsbürger zu einer festgegliederten Gruppe erstarkte. Er müsse jede Beschränkung staats' bürgerlicher Rechte aufs Entschiedenste bekämpfen. Durch Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden würde nicht das Mindeste erreicht werden. Ob er (Redner) mit jedem Menschen kordial Merkehren würde, sei eine gesellschaftliche Frage. Allein die gesellschaftliche Frage habe mit der Politik nichts zu thun. Deshalb müsse er jede Beschränkung staatsbürgerlicher Rechte. grundsätzlich ablehnen. (Rufe : Sehr richtig!) * Am 19. November hat hier ein Delegirtentag der konservativen Partei stattgefunden, über den die „Kons. Korr." einige Mittheilungen macht. Daraus geht hervor, daß die Konservativen einerseits an dem Tivoliprogramm festhalten, daß sie aber andererseits gegen die Konkurrenz der Antisemiten und Agrarier Vorgehen wollen. Bon den Juden ist in diesem Programm erfreulicheweise nicht mehr die Rede, wenn nicht in der Resolution, deren endgiltige Redaktion erst noch erfolgen soll, noch ein Punkt darüber sich befindet. Dagegen warnte Freiherr v. Manteuffel in seinem Vortrage vor den Antisemiten unter Zustimmung der Versammlung. Man solle sich auf sie als auf Bundesgenoffen ja auf keinen Fall verlassen. „Die Antisemiten sind nur dann Bundesgenossen, wenn wir ihnen helfen, aber kaltlächelnd wenden sie sich ab, wenn sie uns ihre Hilfe angedeihen lassen sollen. Sie verschaffen sich zudem ihre Mandate fast ausschließlich durch Einbrüche in unseren Besitzstand und scheuen sich vor Berührung derjenigen Wahlkreise, wo hauptsächlich ihre jüdischen Feinde sitzen." Die Antisemiten nennen den ganzen Delegirtentag „einen neuen Sieg des Judenthums!" * Zur Statistik des Duells in Deutschland hat in dieser Woche, in der vom Zweikampf so viel die Rede war, ein hiesiges Blatt auch für uns sehr, interessante Daten Leigebracht. Bon ben 1215 wegen Zweikampfs Bestraften waren der Religion nach 897 evangelisch, 237 katholisch, 74 jüdisch; im Vergleich mit der ah-. gemeinen Bevölkerung stehen also die Katholiken erheblich unter, die Juden und die Evangelischen über dem Durchschnitt. Der Prozenkantheil der Katholiken ist gegen früher etwas gesunken, derjenige der Juden erheblich gestiegen. Diese Thatsache giebt umsomehr zu denken, als ja die Juden vom Offizierstande ausgeschlossen,, allein vollständig unter den bürgerlichen Gerichten stehen. Jndeß ist! diese Zunahme von Duellen aus der Zeitströmung leicht zu erklären, die Konflikte jüdischer Studenten, Richter u. s. w. gerade wegen ihres Bekenntnisses nur zu oft provozirt, £ ' In Budapest hat sich eine Art Reformgemeinde unter dem Titel „Frei Israel" gebildet. Der geistige Leiter der Bewegung; ist Dr. Joseph F. Kondor, gewesener Konntatsrabbiner und Kongreß-! deputirter. Aus dem sehr schwülstigen. Aufruf ist zu entnehmen, ' daß die Anhänger dieser Partei den Talmud verwerfen und sich nur an die biblischen Gesetze halten wollen, aber auch an diese wohl nur im Geiste. Hauptsächlich scheint es denselben um die Sanktionirüng von Mischehen zu thun zu sein. Es giebt über diesen Punkt verschiedene Meinungen. Wenn es aber im Aufruf heißt: „Mit jeder Ehe, die ein Christ mit einer Israelitin oder ein Israelit mit einer Christin eingeht, geschieht eine Heiligung des göttlichen Namens, Kiddusch haschem", so ist das eine Behauptung, die durch die Thätsachen mehr als genügend widerlegt wurde, daerfahrungsgemäß in neunzig von hundert Mischehen , das Judenthum der unterliegende Theil ist. Uebrigens hat in Budapest schon in den fünfziger Jahren eine Reformgemeinde bestanden, die der selige Dr. David- Einhorn leitete, die aber nach seinem Abgänge sich wieder aufgelöst hat. * In der französischen Deputirtenkammer hat außer der Interpellation Dreyfuß, deren Ausgangvorherzusehen war, namentlich die Debatte über die Verwaltung in Algier Interesse erregt, in welche die algerischen Deputirten Samary, Thomson, Etienne, Viviani und Andere emgriffen. Der Kritik, welche Samary an dem Dekret Cremieux über die Ertheilung des Wahlrechtes an die eingeborenen Juden übte, begegnete Thomson mit dem Hinweise darauf, daß die Radikalen die Ertheilung dieses Wahlrechtes forderten, jetzt aber dagegen remonstriren, weil die Juden in Algier mit den gemäßigten Parteien stimmen. Leider kam auch der berühmte französische Dichter Francois Coppe den Antisemiten in einem Aufsatz im „Journal" zu Hilfe, in dem er gegen die Juden in Algier hetzte. Ein positives Resultat hat die ganze Debatte nicht gehabt. Aus -er Berliner Gemeinde. Berlin, 24. November, ie Agitation der Scheinorthodoxie in unserer Gemeinde richtete sich bei der letzten Wahlagitation — und' auch schon früher — hauptsächlich gegen den Geist und die Richtung unserer Gemeinde-. und Religionsschulen. Dieser war ihnen nicht jüdisch, nicht religiös — und es wurden Behauptungen aufgestellt, die wohl geeignet erschienen, jene Institute in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Wir ergreifen daher, obwohl wir sonst das Prinzip verfolgen und auch künftig daran festhalten wollen, Predigten und Reden überhaupt nicht zum Abdruck zu bringen, doch in diesem Falle gern den Anlaß des bevorstehenden Chanukafestes, um pnseren Lesern hier wie auswärts durch eine Ansprache, die einer der verdientesten unserer Religionslehrer, Herr Dr. S. Apolant, bei der Schulfeier des letzten Chanukafestes hier gehalten, den Geist zu zeigen, der unsere Gemeindeschulen durchweht. Die Rede lautete: . Meine lieben Kinder! Die heilige Schrift erzählt uns, daß Noa seinen beiden Söhnen Sem und Japhet für die kindliche Ehrfurcht, die sie ihm bewiesen, den väterlichen Segen gab, von dem er den Ham mit Rücksicht auf dessen unwürdiges Verhalten gegen den Vater ausschloß. Dieser Segen lautet: „Weithin lasse Gott den Japhet sich ausbreiten und er wohne in den Zelten des Sem." In der weiteren Schilderung werden dann Noa's Söhne als die Stammväter der verschiedenen Völkerschaften bezeichnet, die man in der älteren Zeit kannte und deren Zusammengehörigkeit man theils nach den Wohnsitzen, theils nach der^ Aehnlichkeit der Sprachen bestimmte. Ist ja selbst heute noch dies der Maßstab, woran man die Verwandtschaft der Völker erkennt, so daß

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