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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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566 , Es war ein gefährlicher Gegner, mit dem Israel damals zu ringen hatte; mit doppelter Waffe nahte er sich, mit glatter Zunge und mit glattem Schwerte. Die Kultur der Griechen war nach Asien hinübergekommen und hatte in raschem Fluge Länder und Völker erobert; hellenische Bildung wurde in den Kampf geführt gegen die ' Lehre des Sinai; hellenische Bildung! herrliches, viel umfassendes Wort! Wer möchte sein Haupt nicht neigen vor dem Weisen, der den Gifttrank weniger scheute als die Sünde und die Lüge, aber die Selbsterkenntnis als Las höchste Gut gepriesen hat; denn er war nicht der einzige Vertreter des griechischen Geistes; neben ihm gab es Klüglinge, die sich rühmten; sie könnten einen Satz und sein Gegentheil mit gleich wirksamen' Gründen beweisen, denen die Achtung vor der Wahrheit völlig verloren gegangen war,. die ihren Verstand wie eine Waare zu Markte trugen und sich jedem Beliebigen verkauften; diese feilen Gesellen konnten das Schlechteste mit schönem Scheine verbrämen und betrogen und verwüsteten das Herz des Volkes. Niemals war es den Hellenen in den Tagen ihres Glanzes und ihrer Freiheit in den Sinn gekommen, einen Menschen göttlich zu verehren; aber damals, als sie Asien sich unterwarfen, war die Menschenvergötterung, jene lächerlichste und lästerlichste Art des Götzendienstes, alltäglich geworden; dabei raunte im Geheimen Einer dem Anderen zu: „Sei gescheidt und glaube gar nichts." Das waren die Hellenen, die gegen Glauben und Sitte Israels zu Felde zogen, die frivole Aufklärung, die, weil es Aberglauben und Ammenmärchen giebt, nun sogleich alles Heilige und Ehrwürdige dazu zählt und Pflicht und Gesetz als Schranken betrachtet, um die ein kluger Mensch sich nicht viel flimmern dürfe; es war ein entnervtes Geschlecht, das zwar von dem Guten und Erhabenen schön zu reden verstand und Sprüche voll Weisheit ständig im Munde führte, aber die Geißel von Despoten und Gauklern geduldig ertrug. . Das war kein leichter Kampf, den Judas schlichter Glaube gegen diese gleißende- Wortkunst zu bestehen hatte. Aber wie der Herbstwind wohl die Blätter und die morschen Zweige niederschleudert, jedoch Stamm und Aeste, so diese gesund sind, muß stehen laffen, so hat auch damals jener herbstliche Aufklärungssturm nur Diejenigen weggerissen, die ohndies an dem gemeinsamen Glauben nicht fest hasteten; der Kern der Nation blieb treu, unberührt von der neuen Modeweisheit. Da nun die glatte Zunge des Verführers keinen rechten Erfolg Hatte, so wurde die andere Waffe hervorgeholt; das Schwert sollte der Zunge nachhelfen, daß die ungelenken und ungelehrigen Juden Hellenen würden und ihre altmodischen Heiligthümer und frommen Sitten aufgäben. Das war jener Fanatismus des Unglaubens, der auch unseren Tagen nicht ganz fremd ist, der nach seiner hochmüthigeu Meinung alles begreift und nur das Eine nicht begreift, wie die Menschen so thöricht sind und am Heiligen halten, und der sie nun mit Gewalt zur Vernunft bringen will. Zahllose Opfer hat dieser Kainpf gefordert, eine fast sträfliche Sehnsucht nach dem Opfertode hatte sich des Volkes bemächtigt, sie drängten sich fast dazu, mit ihrem Leben zu zeugen für die Wahrheit. Da erweckte Gott in Modin, der entlegenen Bergstadt, die Führer im heiligen Streit; der Syrer wurde verjagt und der Tempel geweiht, und Juda Makabi sang das Lied von der Weihe des Hauses im davidischen Geist: „Ich erhebe Dich, Ewiger, da Du mich emporgezogen hast." Jubelnd umstanden die Tapferen den Führer; sie hatten ihr köstlichstes Kleinod wieder erlangt. Aber die Freude dauerte nicht lange; es war doch nur wie ein schöner Mintertag, dem bald neue Stürme folgten; es kamen unselige Tage, da wurde Israel..in die Tiefe gestoßen, und Niemand zog es empor; rasch kam das Unheil, wo am Abend der Jubel ertönte, da veknahm man schon am Morgen die Klage; wüst und in Trümmern lag das Haus, das die Makkabäer geheiligt hatten. Aber in aller Marter und Noth sang 'Israel das alte Lied, und wenn Chauuka kam, da zündeten sie die Lichter an, als stände noch das geweihte Haus, als wüßten sie gar nichts davon, daß der Sturm der Zeiten dieses Haus hmweggefegt hatte. Auf Tempeltrümmern das Lied von der Tempelweihe, im Todesbangen das Lied von der Erlösung; so hat. die Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit den Muth für die Zukunft belebt, sie war der verjüngende Trank, der die matten Herzen rascher schlagen ließ; sie hat uns durch den langen, harten Winter begleitet, und im tiefsten Drucke hat Licht und Lied des'Chanukafestes die Hoffnung aufgerichtet, daß bessere Tage kommen werden. Aber wenn wir nun das Gleichniß so weit geführt haben und gern zugeben, daß der Triumph der Makkabäer wie ein schöner De zembertag die Seelen belebt hat, um des Winters Frost und Schauer leichter zu überwinden, so können wir doch nicht leugnen, daß ein noch so milder Wintertag keine rechte Frucht hervorbringt, daß der Frühling mit seinem Leuchsen und Prangen, mit seinem Sprießen und Keimen, mit seinem Blühen und Duften ungleich herrlicher ist. Juda Makabi war ein Krieger von seltener Art; die Geschichte aller Zeiten, hat nur wenige Helden und Feldherren, die mit so reichem Loorber geschmückt sind, sein Name ist uns ein leuchtender Ruhmesschild. Aber in unserer Mitte war der Kriegsruhm nie das Höchste. David durfte einst den Tempel nicht aufrichten, weil er zu viel der Siege erfochten hatte, weil die Hand, die so viel Wunden geschlagen, nicht würdig schien, den Grundstein zu legen zum Hause Gottes, das dem Frieden und der Versöhnung geweiht ist. Oftmals ist, so wir das Schicksal Israels erwägen, unser Jahrhundert mit dem Zeitalter der Makkabäer verglichen worden; heut wie'damals begegnete sich das Judenthum, dar so lange abgeschlossen gelebt hatte, mit der Kultur der Zeit; aber die Kultur der Gegenwart ist nicht krank und matt wie jene heidnische, die zum Tode reif war; sie ist trotz mancher Auswüchse kerngesund, und man kann wohl sägen, trotz mancher Bitterniß ist es eine Lust, in diesem Zeitalter zu leben. Nicht Despotenlaunen, sondern Gesetz und Recht herrschen über die Geschlechter der Sterblichen; nicht Menschenvergötterung, die schlimmste Form des Götzendienstes, waltet, sondern die Mächtigen der Erde beugen sich vor dem Gott in den Höhen. Warum sollten wir von dem Geiste dieser Zeiten geringschätzig und verächtlich reden, warum sollten wir Feindschaft setzen zwischen, ihm und dem alten Judenthum, da doch beiden so viele Ziele gemeinsam sind? Tiefsinnig ist das Wort des weisen Sängers: „Nur wo sich die Völker trennen gegenseitig tm Verachten, keins von beiden wird bebekennen, daß sie nach demselben trachten." Juda Makabi ist uns ein Vorbild in seiner Treue, in seinem heldenhaften Sinne, und niemals werden wir aufhören, von ihm zu singen und zu sagen, aber wir brauchen in unseren Tagen keinen trotzigen Kämpfer, der unseren Feinden ein Schrecken ist, der uns trennt, sondern weit eher entspricht unserem Ideal der Mann, der im Vordergründe der in diesen Wochen im.Gotteshause gelesenen Schrifttheile steht, Joseph, der Sohn des Jakob, der in Aegypten viel Unfreundliches erfahren; aber als die Aegypter sein bedürfen und ihn zur Macht berufen, da hat er all die Unbill, die er erduldet hat, vergessen und vergeben da gehört er mit ganzer Seele dem Volke, dem er ein Retter und Erlöser wird. Das ist die Aufgabe, die den Edlen in Israel, und da eigentlich Jeder bestrebt sein sollte, ein Edler zu sein, die ganz Israel vorgezeichnet ist. Wir bewundern Juda Makabi, aber wir beklagen sein Loos, daß er von Kampf zu Kampf hat wallen müssen und nur eine kurze Rast gewonnen hat, das Heiligthum zu weihen.'

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