Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60/ Jahrgang. Ur. 48. Krriin, 27. November 1896. .( Allgemeine eitung des Audenlhums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, P ostoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezagen Vierteljahr!. 3 M. Nedaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabliiner 8*- Ludwig Phitippfon-Äonn. Verlags-Grpedition: iöerlin, Lerufatemerftr. 48/49 Alle Zusendungen 'fnr Redaktion und Expedition sind an die-Adresse: Verlag der . „Allgem. Zeitung deS Juventhums", Berlin 8lV./ Zenrsalemer Straße 48/49 zu richten. . Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zum Chanukafeste. — Die Wockie. — Aus der Berliner Gemeinde. — Das Erkenntnitz des Ober-Verwaltrmgsgerichts. — Hofprediger Frommel und die Juden. Von Hermann Becker. — Feuilleton: Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwilt. (Schluß.) — Kitterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Vromberg, Lissa, Altona, Aus Westfalen, Chemnitz, Frankfurt a. M., Pirmasens, Wien. — Von Nah nnd Fern. — Miseellen. , Amn Chanukafeste. Berlin, 24. November. ™ Einem rauhen lind strengen Winter ein milder, soilniger Tag die wolkenschweren Wochen freundlich unterbricht, so erregt dieser eine lichte Tag weit freudiger unsere Seele, als wenli im Sommer lange Zeit der Himmel sich hell und heiter , über unseren Häuptern wölbt. Dieser milde, lichte Tag ist uns eine Botschaft, ist uns eine Bürgschaft, daß der Winter nicht ewig währen, daß die Somie die Nebel und ihre Schauer verdrängen wird. Wen: das Leben schwer ist, wie ein harter, kalter Winter, dem entfacht ein Sonnenblick des Erfolges den fast erloschenen Lebensmuth und giebt ihm die Kraft, gelassen die Bürde weiter zu tragen; war auch der Erfolg nur vorübergehend, wie ein Meteor aufleuchtend und wieder verschwindend, er reicht dennoch aus, um die- Zuversicht zu beleben, daß einmal die Nebel der Sorge dauernd weichen werden vor der Sonne des Heils. Solch ein langer, banger Winter war Israels Geschichte Jahrtausende hindurch, seitdem Staat und Tempel unter den Schlägen Babylons zusammengestürzt war. Auch der Sieg der Makkabäer, den wir in diesen Tagen feiern, hat'daran wenig geändert; als die Hand Gottes in der Vorzeit strafend über Aegypten dahinfuhr, wurde durch diese Gottesthat ein Jahrtausend staatlicher Selbstständigkeit eingeleitet; aber die Siege Juda Makabis, trotz ihres Glanzes und ihrer Größe, haben es nicht verhindert, daß wenige Jahrzehnte nach seinem Tode der Aufruhr das Land zerrüttete und fremde Mächte das Schicksal Israels bestimmten. In den alten Schriften finden wir die Frage: „Was hat denn dies Chanukafest eigentlich zu bedeuten"?-; Lohnt es sich, ziemt es sich, ein dauerndes Fest mit wachsendem Lichterglanz für einen Triumph zu. stiften, der, wie blendend auch er im Moment gewesen ist, doch den endgiltigen Sieg unserer Widersacher nicht verhindert, kaum aufgehalten hat? Aber wie sehr würden wir die Größe der Makkabäerkämpfe verkennen, wenn wir ihren Werth cm bem kurzlebigen politischen ,Erfolge messen wollten. Inda Makabi hielt nur kurze Rast, als er den Tempel weihte und das Licht entzündete zum Preise Gottes und zur Feier des Sieges. Aber dieses Licht ist nicht erloschen, es hat . uns durch die Jahrtausende begleitet, und der . Name des frommen Helden ist noch heut unser Ruhm und unsere Ehre. Als im vorigen Jahrhundert die Herolde einer neuen Zeit das.Recht Israels laut verkündeten, da haben es sonst ganz verständige und uns wohlgesnmte^Männer Anfangs nicht gewagt, zu verlangen, daß die Israeliten in Reih und Glied mit den anderen Bürgern dem Vaterlande mit der Waffe dienen sollten; sie fürchteten vielleicht mit dieser Forderung uns zu schaden, weil die Juden, matt und müde vom tausendjährigen Drucke, den Aufgaben des Kriegers, nicht gewachsen schienen. Aber in einigen unserer Freunde erwachte die Erinnerung an die Makkabäer, die einer Welt gegenüber sich .behauptet hatten und sie trauten dem Stamme, aus dem Matatias und seine Söhne entsprossen waren, auch. die Kraft zu, diesen schönsten und schwersten Dienst des Bürgers dem Staate zu leisten. So haben diese Helden noch zwei Jahrtausende nach ihrem Tode für . uns gekämpft und gesiegt und, indem sie uns mitgeholfen haben, im Heere des Vaterlandes eine Stellung zu gewinnen, uns aus der ^Schmach der Rechtlosigkeit mit emporgehoben. Israel durfte von dem Siege Juda.Makabis, ob er auch .keine dauernde Segensspur im politischen Leben des Volkes zurückgelassen hat, den Vers des heiligen Liedes anstimmen: „Ob dieses Sieges wird man Gott singen und ihn ehren und niemals schweigen"; durch alle Zeiten wird diese stolze Erinnerung tönen, denn niemals hat sich das ganze Volk Israel heldenhafter erwiesen als in diesen Tagen. Wohl hatte schon oftmals Gott freundlich und segnend sein Antlitz Israel zugewandt in den Tagen der Vorzeit;. aber nur in einzelnen ausgezeichneten Männern lohte das heilige Feuer; die Menge blieb kalt und starr. Als die Aegypter Israel verfolgten, da heißt es : Gott wird für euch streiten, und ihr dürft ruhig sein", und ein weiser Lehrer sagt: Die. Israeliten haben die Befreiung aus Aegypten gar nicht verdient, sie sind nur erlöst worden: aus Rücksicht auf die späteren Geschlechter, auf Diejenigen, die später in Feuers-; gluthen standhaft blieben und nicht von ihrem Glauben ließen.. Die heilige Schrift erzählt von einzelnen Gottesmäunern, die hoch sich erhoben, die gleichsam zum Himmel hinaufragten; . aber das. Volk blieb unten in der. Tiefe, es wurde nicht hiuaufgezogen .: zu den Höhen, auf denen die Propheten und die Weisen standen. Jedoch dieser Schatten, der so viele Zeiträume der Geschichte' Israels verdunkelt, er ist für das Zeitalter, an welches das Makkabäerfest uns mahnt; nicht vorhanden.. Da ist das Volk der eigentliche Held;; Juda Makabi ist nur der. Erste unter Gleichen.; wir scheu, , eine Nation, Unsägliches leidend, Unsägliches vollführend, weil sie tief verwundet wird vom Hochmuth des Tyrannen. .