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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Joachim Radoy wegen Aufhetzung gegen die israelitische Religion zur Verantwortung. Radoy hatte aus der Straße ein großes Gemälde ausgehängt, welches die Fabel vom Ritual morde in Tisza Eszlar veranschaulichte. Dann setzte er an das Bild einen Text, welcher besagte, wie die Juden von Eszlar dem Christenmädchen das Leben genommen und ihr Blut dann zu rituellen Zwecken verwendeten. Der königl. ungarische Gerichtshof nahm die Aufreizung gegen die israelitische Religion als erwiesen an und verurtheilte den Angeklagten zu 2 Wochen Gefängniß und 10 fl. Geldstrafe. — In gewissen Kreisen kolportirt man das Gerücht, daß der ungarische Handelsminisler Ernst Daniel, dem der Kaiser erst vor einigen Tagen die Würde eines Barons taxfrei verliehen hat, von jüdischer Abstammung ist. Zufolge einer kompetenten Information bin ich in der Lage, zu erklären, daß dieses Gerücht einfach aus der Luft gegriffen ist. Minister Baron Ernst Daniel stammt von der Szamosujvörnömeter altadeligen Familie ab. Amerika. 6. 8. Netv-York, im November. Die jüdische Litteratur hat eine interessante Bereicherung erfahren. Herr David Werner Amram, Rechtsanwalt in Philadelphia, hat ein Buch über das jüdische Eherecht unter dem Titel: The Jewish Law of Divorce erscheinen lassen. — Als ein Bild amerikanischer Zustände, welches einen gelegentlichen Rückschluß auf jüdische Verhältnisse gestattet, mag folgende Zeitungsnachricht dienen: In Coalton, Ohio, gingen der Pastor der dortigen Baptistenkirche John Oiler und ein Mitglied seiner Gemeinde folgende Wette ein: Im Falle Me. Kinley zum Präsidenten gewählt werden sollte, will der Pastor mit einem von innen nach außen gewendeten Anzug predigen, während für den Fall, daß Bryan gewählt werden sollte, der Gegner mit umgewendetem Anzuge in der Kirche erscheinen wird. — Wie amerikanisch übrigens das Judenthum geworden ist, läßt sich aus folgender Nachricht in Chicago er Blättern ersehen, die in alle Windriä tungen telegraphirt wurde. Unter der mit mächtigen Lettern gedruckten Aufschrift: „Ein Rabbinerquintett" wird die weltgeschichtlich bedeutende Thatsache gemeldet, daß Fräulein' Julie Messing und Herr Henry Mitchell ein Paar geworden sind und daß dabei fünf Rabbiner, der Vater, Bruder und drei Onkel der Braut, mitgewirkt haben. Es ist, wie der Bericht hinzufügt, das erste derartige Ereigniß in der Geschichte des Judenthums in den Vereinigten Staaten. — Herr Ali red Grünebaum, Sohn des verstorbenen Rabbiners Dr. Elias Grünebaum aus Landau in der Pfalz, hat die Bibliothek seines Vaters nach San Francisco kommen lassen, um sie der dortigen Universitätsbibliothek zu schenken. — Wie noch immer gewissenlose Spekulanten die ärmsten der Armen sich zum Opfer auserwählen, zeigt folgender Vorfall. Eine Landgesellschaft lockte etwa 200 russisch-jüdische Kolonisten aus New- Iork und Philadelphia nach Ätwo od in Colorado unter den glänzendsten Anerbietungen. Dort angelangt fanden sie nur den Boden, welchen sie zu einem exorbitanten Preise bezahlen sollten, aber weder Häuser, noch Vieh und Saatkorn, wie man ihnen versprochen hatte. Von allen Mitteln entblößt gingen die meisten von ihnen nach Denver, wo sie der, da Denver als klimatischer Ort von armen Lungenkranken aus allen Theilen der Union aufgesucht wird, ohnehin überbürdeten Gemeinde' zur Last fallen. Die jüdische Wohlthätigkeitsgesellschaft^ in New - Pork weist für den Monat September 2464 Unterstützungsbewerber auV, deren Unterstützung einen Aufwand von 10145 Dollars erforderte, während die Einnahmen für diesen Monat nur 6334 Dollars betrugen. Dieselbe Gesellschaft in Chicago weist für das mit Ende September abgeschlossene Jahr 11771 Unterstützungsbewerber aus, won denen 85 Prozent Russen waren. Der Aufwand belief sich aus 27 056 Dollars. — Frau Henriette Sei denb erg aus New-Iork hat das Waisenhaus, das Hospital, das Altenheim und das Siechenhaus'mit je 500 Dollars letztwillig bedacht. — Recht amerikanisch ist folgende Ankündigung an der Spitze der in S a n Fra n ei s co erscheinenden Zeitung Emanuel: Rabbiner Dr. Voorsanger wird Freitag, 16. Oktober, Abends über folgendes Thema predigen: Die Gesundheit unserer Stadt'und unsere darauf bezüglichen Pflichten. — In der New-Iorker Orthodoxie ist ein Schisma ansgebrochen. Chajim Jakob Widrewitz, Rabbiner der Chassidim-Gemeinde und Samuel Hirsch Levi, ein anderer russischer Rabbiner in New-Iork, haben die Aufsicht über eine Groß- Schlächterei übernommen. Dadurch aber störten sie. die; Cirkel des russischen Großrabbiners Jakob Josef und des ungarischen orthodoxen Rabbiners Dr. Klein, deren Existenz von dem Monopole, welches sie bisher genossen, abhängt. Die Letzteren zitirten daher die unter der Aufsicht der Elfteren stehenden Schächter vor ihr unfehlbares Tribunal. Diese Schächter aber verlangten ein unparteiisches Schiedsgericht, was Rabbiner Jakob Josef und Dr. Klein als Auflehnung gegen die von Gott eingesetzte Autorität der Rabbiner bezeichneten und infolgedessen die Schächter als unzuverlässig proklamirten. Dem gegenüber behaupten die in ihren Schächtern gekränkten Rabbiner, daß Rabbiner Jakob Joseph und sein ungarischer Kollege sich durch Verweigerung eines Schiedsgerichtes einer Auflehnung gegen das göttliche Gebot schuldig gemacht hätten. Der Prophet Elijahu wird dringend um Intervention gebeten. Von Nah und Fern. --- Die preußische Akademie der Wissenschaften hat in ihrer Sitzung vom 29. Oktober Herrn Oberlehrer Dr. Wendland in Charlottenburg zur Vollendung der von der Akademie angeregten Philo-Ausgabe 600 Mark bewilligt. — Dr. phil. Hermann Bloch aus Berlin, Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae historica ist als Privatdozent für Geschichte in den Lehrkörper der Universität Straßburg eingetreten. — Der Präsident der Hamburger Bürgerschaft, Herr Siegmund Hinrichsen, feierte sein 25 jähriges Jubiläum als Mitglied dieser Körperschaft. Die Stadtgemeinde, überhaupt alles von Bedeutung, gratulirte, darunter Baron von Schleinitz, der Kommandant von Hamburg und Altona, sowie Hauptmann Baron de la Motte-Fouque, der Letztere Namens des Offizierkorps des 76. Infanterie-Regiments, dessen Musikkapelle dem Jubilar ein Ständchen brachte. Das Geschenk, das er vom Vorstand der Bürgerschaft erhielt, besteht in einem reizenden Schiffe aus Blumen, an welchem ein prachtvoller goldener Federstiel befestigt ist. — Im Elternhause verstarb zu Rodalben (Pfalz) der Kand. theol. Dr. David Bloch, 29 Jahre alt, ein Zögling der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. — Baumeister Dr. D. Joseph hat einen Ruf als Professor der Archäologie an die Universität Brüssel erhalten. Ob derselbe diesem ihn hoch ehrenden Anerbieten Folge leisten wird, ist noch nicht bekannt. — Die jüdischen Volksschullehrerinnen vertheilen sich in Preußen nach der Abstammung bezw. dem Beruf des Vaters folgendermaßen: Ackerbau 1, Bergbau und Bauwesen 4, Industrie und Handwerk, Handel und Verkehr 40, Offiziere, Geistliche 0, Lehrer, Beamte, Aerzte, Schriftsteller, Künstler 10. häuslicher Dienst 0, ohne Beruf 3. Jnsgelammt beträgt also die Zahl der jüdischen Volksschulehrerinnen in Preußen 58 gegenüber 4477 evangelischen und 3853 katholischen. — Der verstorbene Freiherr Moritz v. Hirsch-Gereuth hat, wie seinerzeit gemeldet, für Wohlthätigkeits-Anstalten in Mähren eine Million Franks testirt, und zwar zur Hälfte für israelitische Wohlthätigkeits-Jnstitute, zur anderen Hälfte für solche, die ohne Unterschied der Konfession wirken. Die Zutheilung der Beträge an Anstalten war den Testaments-Exekutoren überlassen, welche diese nun durchgeführt haben. Für die Auszahlung hat Frau Baronin Clara Hirsch-Gereuth den 9. Dezember, als den Geburtstag ihres Mannes, bestimmt. Es erhalten sämmtliche israelitischen Kultusgemeinden Mährens Beträge von 1600 fl. bis 5000 fl., die Brünner Kultusgemeinde 10 000 fl., der mährisch-jüdische Waisenhilfsverein 100000 fl., das Brünner Kinderspital 40 000 fl., der patriotische Landeshilfsverein 50000 fl., die Barmherzigen Brüder für ihre vier Spitäler in Mähren 41 000 fl. u. s. w. — Noch ein zweiter jüdischer Senator wurde vom König von Italien ernannt: Ulderico Levi. Derselbe war eine Zeit lang Adjutant des Generals Cialdini und Mitglied der Deputirtenkammer für Reggio. Es verlautet, daß er die Ehre, die ihm der König verlieh, abgelehnt hat. — Also, Freund Ahlwardt kehrt wieder heim aus. Amerika. Es behielt ihn nicht, — und so gedenkt er zu Weihnachten wieder im Kreise seiner Getreuen zu sein. — In London ist die Gräfin Rachel d'Avigdor im 80. Lebensjahre gestorben. Ihr Schwiegervater war ein Mitglied des großen von Napoleon einberufenen Sanhedrin. Die Verstorbene, eine streng orthodoxe Jüdin, trennte sich von ihrem Manne Salomon Henri d'Avigdor, als dieser nach Paris ging, wo er ein persönlicher Freund Napoleons des Dritten wurde, der ihm sogar den Herzogstitel verlieh. Sie war Präsidentin und Mitglied vieler wohlthätiger Vereine, bezeugte großes Interesse für jüdische Schulen und jüdische Künstler und Künstlerinnen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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