Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerlin, 20. November 1896. 60. Lahrgang. Nr. 47. Weitcrge zur „Attgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 20 Berlin. 13. November. In einer auch von Gästen sehr zahlreich besuchten Versammlung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt Herr Oberlehrer Dr. Blaschte ein Referat über das Buch „Die Methodik des jüdischen Religionsunterrichts" von Dr. Maybaum. In ausführlicher Darlegung, die von einem eingehenden Studium desselben Kunde gab, verbreitete sich der Redner über den Inhalt des Buches und hob die großen Vorzüge wie die Mängel, die ihm als der ersten Erscheinung auf diesem Gebiete anhaften mußten, hervor. Die Versammlung dankte dem Referenten für das eingehende, streng sachliche Referat. Der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler, ging sodann auf die einzelnen Punkte des Referats näher ein, die er berichtigte und zum Theil noch ergänzte. An der weiteren Diskussion, die erst lange nach Mitternacht ihren Abschluß erreichte, betheiligten sich sowohl Mitglieder als auch Gäste in größerer Zahl und bewiesen dadurch, welch großes Interesse das Erscheinen des Maybaumschen Buches in Lehrerkreisen erweckt hat. Vor dem Beginn des Referats wurden einige geschäftliche Angelegenheiten, wie die Aufnahme eines neuen Mitgliedes und die Wahl zweier Kassenrevisoren, erledigt. Die statutenmäßige Generalversammlung findet, wie der Vorsitzende mittheilte, am 5. Dezember statt. 20 Berlin, 12. November. Am vergangenen Sonnabend beging der '„Israelitische Fortbildungsverein Montefiore" unter großer Betheiligung im Grand Hotel Alexanderplatz sein XII. Stiftungsfest. An den von Fräulein Rosa Struck gesprochenen Prolog schloß sich die wohlgelungene Aufführung von Racines „Esther", bei der wir besonders das treffliche Spiel des Fräulein Bella Goldberg in der Titelrolle und die prächtige Verkörperung des Ahasverus durch Herrn Hugo Lewin hervorheben möchten. Hierauf ging das Lustspiel „Papa hat's erlaubt", in Szene, eine ausgezeichnete Leistung sämmtlicher Mitwirkenden, aus deren Zahl noch besonders Fräulein Anna Berlitz und Fräulein Helene Wilde hervorragten Dann eröffnete der Vorsitzende, Herr Raphael Gradenwitz, die Kaffeetafel und wies auf das Ziel des Vereins hin, durch Vorträge in jüdischer Geschichte und regelmäßigen Unterricht in biblischer und rabbinischer Litteratur die israelitische Jugend von den mannigfachen Lockungen der Großstadt fern zu halten und sie mit der Bedeutung und den Pflichten des Judenthums vertraut zu machen. Alsdann hielt der anläßlich dieses Festes wegen seiner großen Verdienste um den Verein zum Ehrenmitglieds ernannte Herr Dr. Ed. Biberfeld, ferner die Herren Dr. Hirsch und Meier Hildesheimer sowie die Vertreter verschiedener Vereine Ansprachen, bis die Tafel aufgehoben wurde und die Geselligkeit in ihre Rechte trat. 20 Berlin, 11. November. Der bekannte Musikdirektor Louis Schlottmann vollendete heute das siebzigste Lebensjahr. In Berlin geboren, ist er hier auch dauernd ansässig geblieben. In jüngeren Jahren ist Schlottmann vielfach als Pianist aufgetreten, und man schätzte an ihm ebenso die gewandte, zuverlässige Fertigkeit und den gebildeten Geschmack wie die musikalische Einsicht, die er beim Bortrag Beethovenscher Werke besonders nachdrücklich zur Geltung brachte. Als Komponist ist er im größeren Publikum durch seine frische, poesievolle Ouvertüre zu „Romeo und Julia", vornehmlich aber durch die einst vielgesungenen, im volksthümlichen Ton gehaltenen Lieder „Schön Rohtraut" und „Wach auf, du schöne Träumerin" bekannt geworden. Ein Cyklus von Gesängen mit Goetheschen Texten harrt noch der Beachtung, die ihm als einer bedeutsamen Schöpfung zukäme. In letzter Zeit hat sich Schlottmann von der Oeffentlichkeit mehr zurückgezogen, doch schafft er für sich aus innerem Drange wohlgemuth weiter. Mit seinen Anschauungen und Empfindungen wurzelt er im klassischen Boden, den er mit heiligem Ernst pflegt und, wenn es gilt, mit sprühender Begeisterung zu vertheidigen weiß. Jndeß verhält er sich gegen die neue und neueste Kunst nicht grundsätzlich ablehnend, vielmehr bestrebt er sich, sie zu verstehen und. mit ihr engere Fühlung zu gewinnen, wo er Berührungspunkte mit seiner Individualität findet. Möge dem trefflichen, vom Idealismus getragenen Künstler, der zugleich ein offener, liebenswerther Mensch und Jude ist, manches freudvolle Jahr noch beschieden sein. 20 Berlin, 13. November. Mit dem gestern Hierselbst verstorbenen Rittmeister a. D. George Beer ist eines der letzten männlichen Mitglieder der einst so zahlreichen Familie Beer, welcher der Dichter Michael Beer (der Autor des Struensee), der Astronom Wilhelm Beer und der Komponist Meyerbeer angehörten, aus dem Leben geschieden. Nur noch ein Bruder des jetzt verstorbenen Herrn George Beer lebt in Paris und ist nunmehr das letzte Mitglied der Familie; er und sein eben verstorbener Bruder waren Söhne von Wilhelm Beer. Eine große Trauerversammlung, in der die Geheimräthinnen v, Leyden, Cpinola, Lady White, Frau Generalkonsul Kreismann, Frau Professor Richter geb. Meyerbeer und die Herren Graf Kalkreuth, Geheimrath Wilh. Herz und zahlreiche Mitglieder des Unionklubs, zu dessen Begründern der Verstorbene gehörte, anwesend waren, erwies dem Verstorbenen gestern die letzte Ehre. Herr Rabbiner Dr. Weisse hielt die Trauerrede. — Zu Häupten des neuen Grabes in dem Meyerbeer'schen Erbbegräbniß prangen die Verse, die dem Andenken des berühmten Oheims des Verstorbenen, Michael Beer, gewidmet sind: „Ihm reicht die Dichtkunst ihre Götterrechte, — Schwingt sich mit ihm den ew'gen Sternen zu." Zur Rechten kündet eine einfache Märmortafel auf einem kleinen Sockel das Gedächtniß des großen Komponisten Meyerbeer. * Berlin, 16. November. Wie der Sprecher der humanistischen (freireligiösen) Gemeinde, Herr Schäfer, in einer Versammlung mittheilte, hat die städtische Schuldeputation dem Anträge, disstdentische Kinder in den jüdischen Religionsunterricht einzuschulen, kürzlich stattgegeben und die betreffenden Kinder dem öffentlichen jüdischen Religionsunterricht überwiesen. Natürlich würde, so führte Herr Schäfer aus, von dieser Erlaubniß vor der Hand noch nicht Gebrauch gemacht werden, nachdem der Berliner Magistrat sich geweigert habe, irgend einen Religionszwang auf die dissidentischen Mitbürger auszuüben. Kr. Thorn, 13. November. In der diese Woche stattgehabten Wahl der Stadtverordneten wurden die Kaufleute Herr D. Wolff wieder- und Herr S. Rawitzki neugewählt. Wiewohl es sich nur nm die Wiederwahl des erstgenannten Herrn, der schon 12 Jahre in der Versammlung in verschiedenen Kommissionen als Referent für deren Beschlüsse thätig war und sich stets als ein sehr tüchtiges Mitglied bewährt hatte, handelte, so hatten die hiesigen Antisemiten die unglaublichsten Anstrengungen gemacht, um diese Wahl zu Hintertreiben. Der General - Anzeiger, welcher in Hunderten von Exemplaren des Tages vorher gratis vertheilt wurde, hatte die gemeinsten und böswilligsten Verleumdungen über Herrn D. Wolff sowie auch über hiesige jüdische Rechtsanwälte und andere angesehene liberale Mitbürger der anderen Konfession verbreitet, aber wie immer in so versteckter Form sich geäußert, daß er mit dem Strafrichter nicht in Berührung kommen kann. Trotz dieser Machinationen haben die Antisemiten eine arge Niederlage erlitten; von allen ihren 13 ausgestellten Kandidaten kam nicht ein einziger durch. Sie bewirkten nur, daß nicht ein, sondern zwei Juden mit großer Majorität gewählt wurden, was für den gesunden Kern unserer Mitbürger Zeugniß ablegt. — Am 29. Oktober hat-der hiesige Litteratur- und Kulturverein wieder seine Thätigkeit ausgenommen. Herr Rabbiner Dr. Rosenberg hielt den ersten Vortrag über den „Schulchan - Aruch", an den sich nachher eine sehr lebhafte Diskussion anschloß. Außer diesen Vorträgen hat der Vorstand des Vereins es sich zur Aufgabe gestellt, die Kenntniß der jüdischen Geschichte in einem Cyklus zu vermitteln und in diesem Winter in sechs Borträgen den Zeitraum vom „babylonischen Exil bis zur Zer-