Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Pechschwarzen Vollbart umrahmt, der ihn: ein etwas zigeunerhaftes Aussehen gab. Er bemühte sich offenbar, feierlich und gedankenvpll auszusehen, so daß er den Eindruck machte, den ein Rathsdiener oder Universitätspedell bei einem feierlichen Aufzuge in uns hervorbringt. Die faltenreichen Talare mit dem seidenen Tallis und der schimmernden Goldborte darauf, die katholische Priestermütze Mit einer Troddel an der Spitze war man seit dem Jnslebentreten des Wiener Tempels gewohnt. Reb Rephoel konnte ihren Anblick noch immer nicht vertragen. „Komödianten!" brauste es in seinem Innern, während er die wenigen Zähne, die in seinem Oberkiefer übrig geblieben waren, fest auf die Unterlippe preßte, um das Gleichgewicht seiner Seele zu gewinnen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die populäre Melodie des Hosiannah wirkte inspirirend auf die Anwesenden. Die freudige Stimmung einer Kriegerschaar kam über sie. Es galt sich zu rüsten für den schweren Kampf des winterlichen Erwerbslebens, den der Hausirer und der Marktbesucher mit den Unbilden der Witterung, der bester situirte Ladenbesitzer mit den Chancen der schweren Zeiten und Alle mit dem Neide ihrer Nachbarn zu führen hatten. Darum noch einmal in den Festestaumel: „Hosiannah, hazlichanah, Hilf uns Herr, laß unser Werk gelingen, erhöre uns, wenn wir zu Dir rufen!" Vier von den sieben Umzügen waren beendet. Die Thora mit ihrem massiven Silberschmuck war doch ein wenig zu schwer für den alten Rephoel. Ja, vor Zeiten haben sie alles solid gearbeitet, echte Leinwand und echte Wolle, nicht Baumwolle mit einer dünnen Decke aus Wollgespinnst, eichene Tische und Schränke, nicht wie jetzt weiches Holz mit einem dünnen Ueberzug. So war auch dgs Pergament zu einer Thorarolle und der Silberschmuck dazu, alles solid und massiv. Nun, es wird nicht ewig dauern, obwohl dieser^ Chasan mit seinem unmäßigen Gedehne einem überdrüssig werden muß. Jetzt fängt er gerade an: Der Du stützest die Fallenden, Hosiannah! Doch was ist das? Der große messingene Kronleuchter, der von der Kuppel in der Mitte herunterhängt, wackelt, gewiß, es ist keine Täuschung! Auch die Kerzen brennen so eigenthümlich düster, gerade so wie am Jom-Kippur-Nachmittag, wenn man nicht weiß, ob das die Schuld der dunsterfüllten Atmosphäre oder der eigenen schwachen Augen ist. Auch die Ständer schwanken unaufhörlich hin und her; die Leute sind auch gar zu unruhig. Das Sepher ist auch zu schwer. Wenn er es nur niederstellen könnte, um sich ein bischen auszuruhen! Merkwürdig, da ist ja der leibhafte Großvater mit seinem langen weißen Bart, dem Barette auf dem Kopfe, dem Seidenmäntelchen um die Schultern, mit den tadellosen kurzen Sammthosen, den schwarzen Strümpfen und den blanken Silberschnallen an der: Schuhen. Dort steht er vor der offenen Bundeslade; jetzt zieht er den Tallith über den Kopf und winkt dem Enkel: „Phole, Phole, schnell, komm herauf zum Duchan, gieb Acht, damit Du den „Nigun" lernst. Du bist ja schon Barmizwah." Was, doch in einem Augenblicke für Ideen durch ein armes Gehirn fahren können! Rephoel muß stehen bleiben. Krampfhaft drückt er mit der rechten Hand die Thorarolle an sich; die linke greift nach einem Halt, sie greift in die Luft, der alte Mann schwankt . . . noch sieht er den Großvater winken, das ist ältest dessen er sich erinnern kann. Der Hintermann hat ihn glücklich aufgehalten, bis Jemand ihm das Sepher aus der Hand genommen hat. Das ist gut, denn wenn es gefallen wäre, hätten alle Anwesenden vierzig Tage lang fasten müssen. Der Gottesdienst wird unterbrochen, die brennende Kerze wird aus der Lade herausgenommen, die Thorarollen au Ort" und Stelle gebracht, Reb Rephoel wird zu seinem Sitz getragen, geschäftige Hände bringen Wasser und spritzen ihm ins Gesicht, Jemand hält ihm eine Citrone unter die Nase, Mordche reibt ihm mit' dem Kiddusch-Wein die Schläfen und flößt ihm durch die gewaltsam geöffneten Lippen einen Schluck ein. Reb Rephoel schlägt die Augen auf. „Der Ded, der Ded,"*) flüsterte er. „Er ist nicht bei sich," wisperte es um ihn herum. „Wie ist Euch. Reb Rephoel? fragte Mordche besorgt. „Mein Kopf ist schwer," lautet die Antwort. „Soll man den Doktor herrnfen?" „Nein, nein, zu Hause," kommt es langsam aus der schwer athm enden Brust. Mordche ruft feilten Substituten Jokew zu sich heran, heißt ihn die Lichter auslöschen und die Schul zusperren, während er mit Anschel zusammen den kranken Greis in seine nahegelegene Wohnung bringt, wo Gutrud mit lautem Jammergeschrei ihnen entgegeneilt. Ein strenger Blick Mordches und ein kaum hörbares: „Bist Du sinnedig?" bringen sie zur Ruhe. Der Doktor erscheint. Er findet nichts Bedenkliches. Es ist ein Schwächeanfall, und der Patient braucht nur Ruhe. Mordche ist doch vorsichtig, man muß an alles denken. „Soll man um die Kinder telegraphiren?" fragte er. Der Arzt zuckt die Achseln. „Ich kann es nicht widerrathen," sagt er, „ein alter Mann, mit einem chronischen Hebel behaftet, Schwächezustand, hm!" Mordche weiß nun, was er zu thun hat. Es klopft an die Thüre, Mordche öffnet; es ist Chawe, die barmherzige Schwester der Gemeinde. Es ist gut, daß Du kommst, Chawe, sagte er. „Ich habe gerade nachgedacht, um wen ich schicken könnte, denn ich muß noch in Schul gehen, um das Silber zu holen, und telegraphiren will ich auch noch um die Kinder, und die Gutrud mit ihrem Geschrei kann einen gesunden Menschen umbringen, geschweige einen Kranken." „Geh Du nur in Gottes Namen," sagte Chawe ruhig, „ich werde schon auf alles Acht geben." (Fortsetzung folgt.) Sprertzsaat. Geschätzter Herr Redakteur! Äi Ihrem geschätzten Blatte vom 23. d. M. finde ich eine Notiz aus 33 Abanj - Szäntö, welche die Nachricht enthält, daß Rabbiner Lüzür Löw die Wahl des Dr. Wilhelm Väzsonyi, dem die ungarischen Juden die Rezeption ihrer Religion zu verdanken haben, nicht unterstützen wollte. Die Behauptung bezüglich der Wahlunterstützung wollen wir unberührt lassen, denn das ist eine rein politische Angelegenheit, die hier nicht besprochen werden kann. Die zweite Behauptung aber, daß wir ungarischen Juden dem Dr. Väzsonyi die Rezeption unserer Religion zu verdanken haben, ist eine Unwahrheit, die in den Berichten dieser geschätzten Zeitschrift während der letzten fünfzig Jahre ihre Widerlegung findet, denn seit den vierziger Jahren bis zur Gegenwart haben die Besten unseres Stammes, vereint mit den Besten der ungarischen Nation, für die Rezeption gekämpft, bis endlich die Idee im Parlamente durchdringen konnte! Das ist der wahre historische Inhalt dieser Angelegenheit. Budapest, 27. Oktober. Kaim Polläk. l) Großvater, aus dem Slavischen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Vauchwitz in Berlin.