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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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Mur die wenigen alten Leute.verrichteten ruhig ihre Gebete und vermieden es, an der allgemeinen Unterhaltung theilznnehmen. Zu ihnen gehörte Reb Rephoel. Seit jenem Gespräche am Abend der Hoschanna Rabba war ein Geist des Friedens über ihn gekommen, obwohl die geschäftlichen Schwierigkeiten seines Schwiegersohnes noch nicht behoben waren und Max den Neujahrsbrief noch immer nicht beantwortet hatte. Jedoch die Worte des Talmud, daß der Hochmuts) der Reichen den Besitz in Unrechte Hände bringe, hatte-in ihm den unausgesprochenen, aber doch entschiedenen Vorsatz reifen lassen, sich den Segen des Schriftwortes zu erwerben, das dort im Talmud zitirt wird: „Die Demüthigen werden erben das Land und sich ergötzen an der Fülle des Friedens." Am Morgen des ersten Festtages wurde er, wie üblich, zur Thora gerufen und spendete ungewöhnlich große Summen für alle Wohlthätigkeitsinstitute der Gemeinde. „Eine Kunst!" sagte Gumpel in-der Gruppe, welche dieses Ereigniß sofort kömmentirte, „bei ihm sind zehn Gulden weniger wie bei mir ein Kreuzer." „Er muß sich stark fürchten vor dem Todesengel," meinte Loser, der noch immer in des Alten Schuldbuch stand und seither mehrere Male vergeblich angeklopft hatte, „wenn er anfängt, in die Tasche hineinzugreifen. Das eine hat noch Gott gut gethan für uns arme Leute, daß inan sich mit Geld keine Stunde Leben kaufen kann." „Er weiß," fiel hier Benisch ein, „daß sein Geld, wenn er einmal die Augen zuthut, in löcherige Taschen hineinfällt." „Du weißt viel," bemerkte Anschel. der alte Klient, der seit dem Niedergange des Wollgeschäftes fast ganz auf wohlthätige Gaben angewiesen war, „du hast noch nicht die Knöpf' zu bezahlen, die der Kutscher von Reb Rephoels Schwiegersohn an seiner Livree trägt." „Das ist wahr," erwiederte der Angeredete, „aber auch nicht die Schulden, die der Herr von dem Kutscher in seinem Kopf trägt." Reb Rephoel hörte diese Bemerkungen nicht, noch wurden sie ihm hinterbracht. Schließlich hätten sie auch keinen Eindruck auf ihn gemacht. Er war in diesen engen Verhältnissen aufgewachsen und alt geworden und wußte hinlänglich, daß der große soziale Abstand zwischen ihin und der Mehrzahl seiner Mitbürger ihm nur Neider und keine Freunde schaffen konnte, auch hatte er sich ja vorgenommen, jeden Hochmut!) abzulegen, besonders da ihm Gott geholfen ' hatte tmd sein Gesundheitszustand ein erträglicherer geworden war. Wer in sein Herz hätte sehen können, als man das Gebet der Seelenandacht verrichtete! Wie tief fühlte er sich ergriffen, als er im Gebete den Namen seines Vaters unb seiner Mutter nannte und au den frommen Großvater und den großen Urahnen dachte! Wie lange waren sie schon dahin! Wie bald wird er bei ihnen sein! O, daß sie sich vereinigen möchten in mächtiger Fürbitte bei dem. höchsten Leuker der Geschicke, um das drohende Unheil von dem greisen Haupte des Enkels abzuwenden! „Mögen ihre Seelen," sagte er mit kaum vernehmbarer, weicher Stimme, „geknüpft sein an das ewige Leben in Gemeinschaft mit Abraham, Isaak und Jakob, mit Sarah, Rebbekah, Rachel und Leah, mit all den frommen Männern und frommen Frauen, die im Paradiese weilen, Amen." Und in tiefer Erregung wischte er sich, über seinen Ständer gebeugt, mehrere Male die Augen, bis sein von Aufregung durchzitterter Körper die Ruhe wiedererlangt hatte. Aufmerksam hörte er diesmal der Predigt des Rabbiners zu, der über das alte und ewig neue Thema: „Alles ist eitel." aus dem Eklektiker — so sagte der gelehrte Herr, statt „Ecclesiastes" — Kohelet sprach, während er sonst bei der Predigt über den Ständer gebeugt zu sitzen und in den „Herzenspflichten" von Bachja zu lesen pflegte; respektvoll erhob er sich am Schluffe der Predigt, um ein deutliches „Jejascher Koach" dem Prediger zuzurufen, während er sich sonst mit einem leichten Kopfnicken begnügt hatte, ja, am Schluffe. des: Gottesdienstes entschuldigte er sich sogar bei dem Herrn Rabbiner, daß er ihm nicht den nach dem talmudischen Gesetze obligaten Feiertagsbesuch machen kypne. - ■ '. ' v / „Sie müssen nicht für ungut nehmen, Herr Rabbiner," sagte er in seinem Zeitungsdeutsch, „daß ich mich bei Ihnen nicht einfinde. Für alte Leute ist es am besten zu Hause^ besonders wenn sie nicht gesund sind." Ja, mehr als das, er ging seit Jahren wieder zum ersten Mal zum Duchan, um den Priestersegen zu sprechen, neben Benisch dem Glaser und Salmele dein Packträger. „Ich habe mir vorgenommen," sagte er zu dem Levitender ihn beim Händewaschen erstaunt ansah, „jetzt wieder regelmäßig, wenn ich kann, zum Duchan zu gehen. Es hört ohnehin auf, darum muffen wir Greise es' halten, so lange wir können." Noch eins wollte er thun, um seine Selbstdemüthigung zu vollenden. Er wollte selbst beim Abendgottesdienste des Großvaters Thorarolle in der Prozession herumtragen. Er hatte Mordche sogar ausdrücklich beauftragt, den Vorsteher zu ersuchen, ihm diese Ehre zuzuweisen. Das war auch keine kleine Erniedrigung, denn der Vorsteher war Scholem Hirsch,. dessen Vater als „Emigrant" geheiratet hatte, dessen Mutter bei Reb Rephoels Eltern Dieustmagd gewesen und der selbst noch als Junge in Reb Rephoels Hause Freitische gegessen hatte und heute noch im Gebetbuche nicht recht Bescheid wußte. Die Erlaubniß wurde natürlich bereitwilligst ertheilt, und darum besuchte Reb Rephoel an dem Abende des Thorafestes die Synagoge, was er schon seit Jahren wegen des bei diesem Gottesdienste herrschenden Unfugs nicht gethan hatte. Der obligate Theil des Abendgebetes war vorüber. Der fromme Jude schenkt seinem Gotte nichts. Wenn er einen Festtag hat, muß Gott neben den täglichen Psalmen, Segenssprüchen, Doxologien u. s.' w. nocheine Festtagsauswahl dazu bekommen, gerade wie bei der Tafel Suppe und Fleisch nicht fehlen dürfen, wenn Braten und Torte dazu kommen. Die Buudeslade wurde geöffnet, und Mordche stellte sich davor hin, mit einem Zettel in der Hand, von dem er die Namen der Theilnehmer an der Prozession ablas. Gleich nach dem Kantor und dem Rabbiner wurde der „verdiente Gemeindeälteste und Gelehrte Rabbi Rephoel Kohen". gerufen, der mit des Großvaters Thora in der Hand wartete, bis der Zug sich formirte und alle Thorarollen an die Träger vertheilt waren. Reb Rephoels eigene Thora, die einzige, die noch im Privatbesitze sich befand, war bei dieser Gelegenheit geholt worden. Joffel trug sie. Einen Augenblick fühlte der alte Gemeindemagnat den Wunsch in sich aufsteigen, die Reihe zu verlassen, um dieses Sacrileg nicht sehen zu müssen, aber es war nur ein Augenblick. Sofort erinnerte er-sich an das, was der Talmud über den Reichthum der Stolzen sagt. „Die Demüthigen/' zitirte er in seinen Gedanken, „werden erben das Land und sich erfreuen der Fülle des Heils." Die Prozession begann. Voran schritten zwei Knaben mit brennenden Wachslichtern, ein dritter folgte mit einer Tafel, auf welcher der Text des Marschliedes geschrieben war. Daun kam der Kantor, ein Mann von etwas unter Mittelgröße, mit wallenden Locken, die bis zum Nacken herabfielen einen Knebelbart und Augen, chie so wild rollten, wie die eines Prairiejägers auf den Anlockungsbildern einer fahrenden Menagerie. Der Herr Rabbiner hatte Reb Rephoel seinen Platz abtreten wollen, aber der Letztere wehrte entschieden ab. Der Herr Dr. Kriegsfelder, graduirt von einer bisher noch uneutdeckten Universität, trug ebenfalls sein Haar bis auf die Schultern herabfallend, sein dunkles Gesicht war von einem kurzen.

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