Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Rubel in die' geistlichen Hände gedrückt - und — Vergessenheit senkt sich auf mich. - Heute Abend werde ich erfahren, wem ich diesen plötzlichen Besuch verdanke. Paul ist strahlend. Er spielt mit seinen ungesagten Neuigkeiten, wie' ein Kind mit seinem Spielzeug. Er läßt allerlei geheimnißvolle, Winke fallen. Er umschmeichelt mich wie ein zärtliches Windspiel. Aber er hebt den Leckerbissen für heute Abend auf, wenn das Getrampel der Matrosen und Bauern aufgehört hat und wir behaglich in meinem Studiczimmer sitzen werden lind wenn wir, unsere Cigarren rauchend, auf die ruhigen Lichter der Schiffe im Hafen blicken. Hoffentlich sind es gute Nachrichten — Himmel, steh'mir bei — -ich fürchte Pauls gute Nachrichteil. Gute Nachrichten, die zu erzählen, Paul extra von Petersburg herüber kommt, müssen nach den früher gemachten Erfahrungen schreckliche sein. Gebe Gott, daß ich Kraft fiude>, das Anhören zu ertragen. Wie feige bin ich! Habe ich mir nicht., seit Langem vorgenommen, daß Paul seinen eigenen Weg gehen soll und ich den meinen? Was können mir also seine Neuigkeiten anhaben? Er wird nie erfahren, daß ich ein Jude bin, bis er von meinen sterbenden Lippen das Einheitöbekenntniß hört. Als. ich hierher kam, war ich zu diesem Entschluß gekommen. Paul war auf denl Wege, ein Schriftsteller über theologische Fragen zu werden, Wenn ich ihm die Wahrheit enthüllt hätte, würde ich ihn nur betrübt und nichts Gutes erwiesen haben; und wenn ich der Welt meinen Judaismus befannt hätte, würde ich ihm nur geschadet Mld seine Aussichten verrillgert haben. Mag dies nun ein Decknantel für meine Feigheit, für meine Furcht vor den Repressalien der Behörden sein; nichtsdestoweniger ist es so, Bozhe rnoi, (mein Gott!) ist es nicht Strafe, genug, daß ich mich nicht mit meinen Brüdern im Gebet vereinigen kann? Ich muß hier bleiben, wo'ich unbekannt bin und meine Religion unauffällig und im. Geheimen ausüben kann. Schon die Grwißheit. daß ich in einer jüdischen Gemeinde lebe, befriedigt mein Herz. Wir sind hier mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Miethe und Feuerung sind hier sehr theuer, aber wir nehmen zu und kommen, Gott sei Dank, voran. Durch Isaaks Vermittelung gebe ich an die Armen. Ich freue mich über die hübschen Synagogen, obgleich ich sie nicht betreten darf. Ja. hier fühle ich mich geborgen. Warum sollte ich mich über den Besuch meines Knaben aufregen? Paul wird mir seine Neuigkeiten erzählen, ich werde ihm gratuliren, er wird in die Hauptstadt zurückkehren, und alles wird wie. früher sein. Montag. — Mitternacht. — Nein — es kann nicht wieder wie früher sein. - Ein letzter Schritt mußte uns für alle Ewigkeit trennen, Voi! Paul hat ihn gethan. Alles ging wie vorhergesehen. Wir .saßen zusammen am Fenster. Es war eine herrliche Nacht, und ein weicher, frischer Wind kam von der See. Die Lichter im Hafen glänzten, die Sterne glitzerten am Himmel.■ Aber als Paul mir seine guten Nachrichten erzählte, zuckte der Horizont wie eine Flamme vor meinen Augen. Er wiederholte in ausführlicherem Detail, wie es in seinem Briefemöglich war. was ich schon gut genug wußte; die Geschichte von dem großen Erfolg seines Buches, das in. alle theologischen Bibliotheken Europas ausgenommen worden, vier Auflagen in diesem Jahre erlebt habe und ins-Deutsche und Italienische übersetzt worden sei; die Geschichte, wie er ermuthigt worden sei, nach St. Petersburg zu kommen und lvie er dort in der Presse gefeiert worden. Und dann -die große Neuigkeit — die Redaktion der Nowoje Wremja. der .großen St. Petersburger Zeitung, war ihm angeboten worden. Im Nu wurde mir alles klar, was damit gesagt war, und in meinem Schreck wurde ich beinahe ohnmächtig. .Paul würde dies berühmte Antisemiten-Organ redigiren, Paul würde Tag für Tag jene giftigen Leitartikel verfassen, welche den Mob aufreizen, sich gegen ihre jüdischen Mitbürger zu wenden, sie zu zerreißen und ihrer Menschenrechte zu berauben. Paul würde Tag für Tag eine -Fluth von Sarkasmus und Verachtung , über meine unschuldigen Brüder ausschütten. Die alte Angst, mit der ich vor einem Jahre jenen Artikel gelesen hatte, übermannte mich wieder; aber kein Zornesausbruch erfolgte, wie damals; mit krampfhafter Willensanstrengung hielt ich mich ruhig. Eine große Sache stand auf dem Spiele, und ich rüstete mich zum Kampf. „Paul," sagte ich, „Du bist ein Glückskind." Mit eisigen Lippen küßte ich ihn auf die Stirn. Er sah meine große Erregung, hielt sie aber nur für natürlich.. „vn" (Ja), sagte er, „ich bin wirklich ein Glückskind. Es ist keine Kleinigkeit. Wenig Menschen haben zu fünfundzwanzig Jahren solche Aussichten." „Und wie willst Du sie nutzbar machen?" frug ich. „Oh, ich werde die Zeitung in denselben allgemeinen Grundsätzen weiter führen, natürlich mit Verbesserungen." „Worunter Du hoffentlich doch wohl das Verlassen der schiefen Bahn des Antisemitismus verstehst?" Er sah mich erstaunt an. „Keineswegs. Die Eigenthümer machen das Festhalten an den alten Grundsätzen zur Bedingung. Sie sind sehr gut. Sie schützen mich sogar gegen etwaige Verfolgungen, indem sie einem Strohmann ein beträchtliches Gehalt zahlen. Isü-lui (auf jeden Fall) habe ich eine sehr gute Stelle." (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben, der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Vierzehntes Kapitel. Der Großvater winkt. Ser Freudeutag der Thora, das lustigste Fest des Jahres war gekommen. Die Knaben trugen Fahnen aus buntem Papier, an deren Stöcken rothe Wachslichter befestigt waren, die ernstesten Männer fühlten sich zu allerlei Späßen aufgelegt, die Hausfrauen buken die geflochtenen runden Barches, froh aufathmend, daß die Plage der vielen Feste vorüber sei, die kleinen Mädchen wurden gegen. die Regel, welche strenge Trennung der Geschlechter befiehlt, in den Männerraum der Synagoge mitgenommen; manche lustigen Brüder warfen Nüsse und Aepfel unter die vor der Synagoge versammelte Jugend, um sich an deren Balgereien zu -ergötzen; selbst der sonst so ängstlich gehütete Ritus der Synagoge mußte sich der herrschenden Lustigkeit anbequemen. Der Vorbeter sang die rührendsten Melodien des Versöhnüngstages mit den lustigsten Gassenhauern durcheinander, das Proletariat wurde zur Thora gerufen, und zwar der buckelige, blöde Borech mit dem Ehrentitel eines Chower, und der pietistische Leeser, welcher für die abwesenden Gemeindemitglieder die Jahrzeiten hielt und alle Tage ein oder mehrere Kaddischgebete zu verrichten hatte, kurz ein wahres Eugros- Lager in Seelenheilartikeln führte, „der geneigte Leser", wie ihn die gebildete Jugend wegen seiner vorgebeugten Gestalt nannte, wurde mit dem Titel eines Raw aufgerufen; in der sonst recht stillen Synagoge herrschte ein solcher Lärm, daß Mordche mit einer etwas allzu kühnen Hyperbel bemerkte, so etwas sei ihm in den siebenundvierzig Jahren seines Dienstes noch nicht vorgekommeu.