Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 Während der Elohist, der von einer stufenweisen Umbildung und dem Fortschritte spricht, ein Optimist mit Entwickelungsglauben ist, erscheint dagegen der alte Jehovist von der tiefsten Schwermuth beseelt und sieht alles schwarz: Einsicht, Verstehen in höherem Sinne ist dem Menschen untersagt. Und doch werden sie von diesen verbotenen Gütern angezogen und suchen sich des Schatzes zu bemächtigen, den Gottes Eifer ihnen vorenthält, ungefähr wie die Menschen nach der griechischen Mythe das Gut des Feuers begehren, das Zeus ihnen versagte. Der Jehovist ist nicht wissenschaftlicher, aber tiefer als der Elohist. Man sehe, von welch' verzweifelt schwermüthiger Lebensanschauung er ist: „Die Erde ist verflucht. Mit Kummer sollst du dich Zeit deines Lebens ernähren. Dornen und Disteln sollst du erzeugen, und du sollst die Kräuter des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod verzehren, bis du wieder zu Erde geworden bist, denn von ihr bist du genommen, Staub bist du, und zu Staub sollst du wieder werden." Diese Auffassung von dem Leben als einer Beschwerde, als einer Art Sklavenarbeit, hoffnungslos und aussichtslos, ist es, die uns bei Hiob entgegentritt: Ach, des Menschen Loos auf der Erde ist das des Kriegers, Seine Tage gleichen denen des gedungenen Söldners. Wie des Sklaven Loos, der nach Schatten seufzt. Wie des Taglöhners Loos, dessen Hoffnung seine Löhnung ist. So wurde Drangsal Monate mein Loos, Und kummervolle Nächte mein Theil. Kaum Hab' ich mich gelegt, so sage ich: Wann soll ich aufstehen. Die Nacht zieht sich in die Länge, Und ich werf' mich in Angst auf mein Lager bis zum Tagesgrauen. Schneller als des Webers Schiff gehen meine Tage Und schwinden ohne Hoffnung hin. Denke ich, mein Bett soll mich trösten. Mein Lager meine Klage mildern. So schreckst du mich mit Träumen, Erschreckst mich durch Gesichte. Darum hat meine Seele den Tod gewählt. Meine Knochen haben nach Vernichtung gerufen. Wir sehen, daß das Grundproblem in Hiob die Frage ist, welche die Kernfrage im Judenthum bildet. Wie geht es zu, daß es unter des gerechten Gottes Herrschaft oft. dem Schuldbeladenen gut geht und dem Unschuldigen unendlich schlecht? Und wir sahen, daß diese Frage mit ihrer Abweisung beantwortet wird. Es ist anmaßend von dem Menschen, so unwissend, wie er über die Geheimnisse des Daseins und so ohnmächtig, wie er im Vergleiche zu den anderen Geschöpfen Jehovas ist, dessen Plänen und den Mitteln nachspüreu zu wollen, die er anwendet, um sie auszuführen: Wo warst du, da ich die Erde gründete? Sag' mir es, wenn du Erkenntniß hast! Wer hat deren Maß gesetzt — du weißt es ohne Zweifel — Wer spannte die Richtschnur über sie? Hast du an des Meeres Quellen gestanden? Bist du auf des Meeres Grund gewandelt? Haben des Todes Thore sich dir gezeigt? Hast du sie gesehen, die Thore der Finsterniß? Kamst du zu des Schnees Bewahrungsorten? Zu den Böden, woher der Hagel kommt? Weißt du den Weg, auf welchem das Licht sich verbreitet Und der Ostwind über die Erde fährt? Hat der Regen einen Vater, Wer erzeugte die Tropfen des Thaus? Kennst du die Gesetze des Himmels, Und lenkst du dessen Herrschaft über die Erde? Das ist der Schlußsatz, der inimer wiederkehrt. Mit anderen Worten: Der Mensch hat keine Einsicht in das Wesen der Natur, kein Wissen von den Gesetzen des Weltalls und darf solches Wissen nicht begehren. Jeder Versuch, zu einer zusammenhängenden Naturerkenntniß und dem vernünftigen Begreifen des Laufes oder der Gesetze der Weltenlenkung zu gelangen, wird im Keim erstickt. Eine Wissenschaft konnte auf dem Boden dieser Weltanschauung kaum gedeihen. Die religiöse Grundauffasiung selbst machte es unmöglich, Wissenschaft zu erzeugen. Alle Kraft sammelte sich immer mehr auf die Entwickelung des religiösen Grundgedankens und eine diesen beantwortende Geschichtsschreibung und Poesie. Das Buch Hiob steht in dieser Poesie gleichzeitig da als der weiteste und pathetischste Ausdruck sowohl des freien menschlichen Fragens und Zweifelns, das zeitweise zum Aufruhrgeiste werden konnte, als auch der religiösen Grundauffassung, die den Keim des Aufruhrgeistes ertödtete. -II—1,-—-II—II-J L i 1 FEUILLETON | I Jj lPur>i>iM»inwii>iniiiiujtwniü<iiitiimininiti<iiiiiiiüirwiiüiiiiimmrinmiitii»imf»iiuniiimun«niüiiniiminmiiiHiigyil 1 -II—II-» Aas Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorisirte Ueberfetzung von Frau Dr. I. Wedell. (Fortsetzung). dessa, Montag. — Es ist beinahe ein Jahr her, daß ich dieses Buch geschlossen habe, und nun, nach einer Periode des Friedens, kehre ich wieder zu Dir zurück. Paul ist plötzlich in meinen stillen Haushalt hereingeschneit. Seit elf Monaten lebe ich in diesem kleinen, zweistöckigen Hause nahe der Werft mit Isaak und der Ekonomka als einzigen Gefährten. So lange ich meine Sorgen dem ehrwürdigen, alten Rabbiner anvertrauen konnte (der nach materieller Nahrung, als ich ihn zu mir nahm, fast so hungerte, wie ich nach geistiger) brauchte ich Dich nicht, mein alter Vertrauter. Aber dieser Besuch Pauls öffnet wieder alle meine Wunden. Den Rabbi habe ich entfernen müssen, aber selbst wenn er da wäre, würde er die schreckliche Lage nicht begreifen. Der Gott Israels allein weiß, was ich dabei empfinde, daß ich Ihn verleugnen muß, daß ich meinen Glauben vor meinem eigenen Sohn verbergen muß. Er darf nicht hier bleiben. Neujahr mit seinen Fest- und Fastlagen naht heran. Ueberdies kann Pauls Anwesenheit, da man Immer von Spionen umgeben ist, zur Entdeckung führen, daß ich nicht das bin, wofür die Behörden mich halten. Vielleicht wäre es richtiger, ich kehrte in das Dorf zurück. Aber nein. Dort ist ja der Kirchgang ein Zwang. Ein Dorf ist so klein. In diesem großen, geschäftigen Seehafen verschwinde ich fast oder kann es wenigstens möglich machen. -Einige