Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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welche das Sachverhältniß-kannte, verklagte mich bei der Behörde und verursachte mir so viele Scherereien, so daß ich, um diesen Neidhammeln einen Streich zu spielen, mich taufen ließ." „Die Beweggründe für meine Taufe," begann der Dritte, „waren viel edlerer Natur. Ich hatte ein Berhältniß mit einem christlichen jungen Mädchen angetuüpft, und eines Tages, als wir gerade allein im Zimmer waren und ich meiner Liebsten die Hand um die Taille legte, trat plötzlich ihr Bruder ein. Mit blitzesschneller Wendung riß er einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn mir unter die Nase und schrie: „Jud', entweder du heirathest das Mädchen oder ich schieß' dich nieder." Was sollte ich thun? Zwischen zwei Uebeln wähle ich immer das kleinere, und so habe ich denn geheirathet, und darum mußte ich mich taufen lassen." „Ich," begann der Nächste, „war von wirklich heiligen Gefühlen getrieben. Mein Junge hatte es sich in den Kopf gesetzt, Offizier.- zu werden. Selbstverständlich ließ er sich taufen. Wie er nun sein Examen beendet hatte, kam er nach Hause und sagte, er könne nicht Offizier werden, so lange seine Eltern Juden seien, da seine Kameraden nicht in einem jüdischen Hause Verkehren würden. Was thut man nicht für ein Kind! Ich ging hin und ließ mich taufen." Der Nächste erhob seine Augen zum Himmel und sagte mit langsamer, feierlicher Stimme: „Ich habe das heilige Sakrament der Taufe empfangen aus Liebe zu meinem Herrn, der für meine und euere Sünden am Kreuze gestorben ist." Darauf brach die ganze Gesellschaft in lautes Lachen aus und rief: „Schmule, das kannst Du dem Goj erzählen." Mein junger Mann war von meiner Offenheit ein wenig be=:; treten und stammelte etwas von der Unglänbigkeit Derjenigen, welches die innere Wiedergeburt nie erfahren hätten, und ich wünschte ihm den nöthigen Optimismus für die schwere Arbeit im Weinberge des j Herrn. Dann trat ich in ein Restaurant, ein jüdisches Restaurant" im jüdischen Viertel New-Aorks, von einem russischen Juden geleitet, aber es ist nicht koscher, und ich verlies; es wieder. Aas Buch Hiob. Von Georg Brandes. vm. ie eigentliche Grundvorstellung des Buches Hiob läßt sich auf die Auffassung zurückführen, die die älteste israelitische Darstellung über die Erschaffung der Welt erzeugte und die; in dem jehovistischen Dokument des ersten Buches Moses entist halten. Neben dieser Grundauffaffung und deren Konsequenzen läuft ganz gewiß im Alterthume ein zweiter Gedankengang, wahrscheinlich beeinflußt durch die höhere weltliche Kultur der umwohnenden Volksstämnle, ein Gedankengang, nach welchem es keine Sünde und auch keine Unmöglichkeit für den Menschen ist, Gottes Wesen und Wirken in der Welt zu erfassen; aber dieser Gedankengang ist jünger und weniger ursprünglich, und er verschwindet auch früh. Das erste Kapitel des ersten Buches Moses ist die Frucht eines solchen Vernunft- und Kulturglaubens: „Die Welt war eine öde Vermengung,^ und Finsterniß lag über dem Abgrunde, imb Gottes Geist ruhte über den Wassern. Da sagte Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht." Aus dem Chaos entwickelt sich hier alles systematisch, ein keimender Versuch, eine Evolution wissenschaftlich darzustellen. Wie Wellhausen richtig bemerkt: Zuerst entsteht das Große, dann vas Kleine, das Waffer vor den Fischen, der Himmel vor den Vögeln, das Land und die Pflanzen vor den Thieren, die Thiere vor den Menschen. Hier ist — wahrscheinlich unter Einwirkung babylonischer Wissenschaft — ein Versuch gemacht, eine Stufenleiter von Wesen aufzustellen. Und wohl zu merken: Der Mensch ist hier als mit Gott verwandt aufgeführt, wesentlich mit Gott; und er wird unmythologisch auf einmal' in zwei Geschlechtern erschaffen: „So erschuf Gott den Menschen in seinem Bilde; in Gottes Bilde erschuf er ihn." Und Gott fordert den Menschen auf, sich die ganze Welt unterchänig zu machen, d. h. eine Art Gott auf Erden zu sein, und er unterwirft dem Menschen alles, giebt ihm die Früchte aller Bäume zur Nahrung und setzt ihn ein zur Herrschaft über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alles Lebende, das sich auf Erden regt. Da für die ursprüngliche Auffassung des Alterthums Macht Wissen und Wissen Macht umschließt, so sieht man, daß Elohim den Menschen sowohl Macht als Wissen wünscht. Keine Auffaffung kann in schärferem Gegensatz zu der stehen, die in Hiob zu Worte kommt, welche die uralte ist, die in dem zweiten Kapitel des erstes Buches Moses hervortritt, wo das Jehova-Dokument beginnt, d. h. mitten in dem vierten Vers, inmitten eines Satzes, dessen Anfang abgeschnitten ist, mit den Worten: „Dieses Mal schuf Jehova Erde und Himmel und alle Pflanzen des Feldes, die nie vorher hervorgesprossen waren." Hier ist die ganze Schöpfungs- Geschichte vollständig verschieden. Alles ist hier ursprünglich und naiv: Jehova formt den Mann aus dem Staube des Feldes und haucht den Geist des Lebens in seine Nase. Dann pflanzt er einen Garten, setzt den Mann hinein, erlaubt ihm, von den Früchten aller Bäume zu essen, und verbietet ihm nur die Früchte des Weisheitsbaumes. Der Mann ist ganz allein im Garten. Da es für ihn nicht gut ist, allein zu sein, und er nach Gesellschaft verlangt, bildet Jehova zuerst die Thiere und führt sie ihm vor. Der Mann giebt ihnen.Namen, aber findet in ihnen für sich keine Gesellschaft; da findet Jehova einen besseren Ausweg — er bildet das Weib aus der Rippe des Mannes. Das ist das Vorspiel zu dem großen Drama, dessen Stadien das paradiesische Idyll, die Versuchung, der Fall und die Austreibung des Menschenpaares aus dem Edengarten sind, weil es sich verführen ließ, wie Gott werden zu wollen, nach der Kenntniß von Gut und Böse zu streben, d. h. von Nützlich und Schädlich, kurz nach Erkenntniß und Wissen zu verlangen. In dem ersten Kapitel, das einem anderen Grundtexte entstammt, wird dem Menschen die Aufgabe gestellt, sich zum Herrscher über die ganze Erde zu machen, und da Macht und Wissen untrennbar sind, so wird von dem Manne gefordert, daß er die höchste Einsicht erreichen soll. Hier in dem zweiten und dritten Kapitel ist es dem Menschen streng verboten, von dem Weisheitsbaume zu essen, denn dann vermißt er sich, wie Gott sein zu wollen. Will er Einsicht in die Beschaffenheit der Natur erlangen, dann strebt er über die Schranken seines Wesens hinaus. Den Weltenlauf verstehen zu wollen, erforschen, nach welchen Regeln er gelenkt wird, das bedeutet in Gottes Werkstätte schallen und ihm auf die Finger sehen — eine Ueberhebullg ohne Gleichen. Während im ersten Kapitel die Gottheit den Menschen ausdrücklich nach ihrem Bilde erschaffen und ihn zu ihrem Stellvertreter auf Erden gemacht hat, stellt Jehova in dem zweiten Kapitel es als sträfliche Vermessenheit dar, tiefere Einsicht erlangen und so Gott gleich sein zu wollen. Es ist die letzte Auffassung, die durchdringt und die uns mit einer Energie ausgesprochen begegnet, welche beit Fragetrieb und Zweifel des Menschen abweist in Hiobs klagereichem, aber erbaulichem Buche.