Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Färbung. Man fühlt sich versucht, mit R. Jochanan auszurufen: ,TWn Eine viel versprechende Gesellschaft hat sich hier gebildet, die eine Zeitschrift '2H^EN H2 herausgiebt und unter ihren Mitgliedern begabte Litteraten, wie Eisenstein, Dr. Brainin, Dnbsewitz, die neuhebräischen Dichter Dolitzki und Rabbinowitz u. A. zählt. Eine originelle Erscheinung ist Gerson Rosenzweig, „Schuh-Händler und Poet dazu". Rosenzweig ist ein Talent auf dem Gebiete der Parodie. Seine Massekhet Amerika und sein Traktat der Schuhe sind wahre Miniaturstücke dieser Litteraturgattung. Der Talmud eignet sich allerdings sehr zur parodisüschen Bearbeitung, und wie mir scheinen will, hat schon lange vor Kalonymus ben Kalonymus, nämlich schon zur Zeit des Talmud, die Lust zur Parodie bestanden. Es erscheint mir nämlich sehr verdächtig, daß es gerade R. Zohamaj (Rabbi Schmutzfink) ist, der gesagt haben soll: Wie mau mit schmutzigen Händen nicht zum Altar treten darf,, so darf man mit schmutzigen Händen kein Gebet sprechen. (Berakhoth 53 b.) Und der Verdacht wird dadurch gestärkt, daß R. Nachmau sagt: Ich frage weder nach R. Gemüll, noch nach R. Glanzwichse, noch nach R. Schmutzfink, was allerdings die Alliteration des Originals nicht wiedergiebt. _ Die Schilderung des geistigen Lebens im Ghetto führt uns auf zwei Anstalten, die von den besser situirten und gebildeten Glaubensgenossen gegründet wurden, um die Erwerbsfähigkeit und das soziale Niveau der Ghettobewohner zu heben. Diese segensreichen Anstalten sind die jüdische Gewerbeschule unddasHebrew Institute. Das letztere ist eigentlich ein ganzer Komplex von Anstalten, die unter einem Dache in einem fünfstöckigen Gebäude vereinigtfind. Es enthält einen Theatersaal, in welchem populäre Vorträge und musikalische Aufführungen stattsinden und welcher auch sonst an hohen Festtagen zu gottesdienstlichen Zwecken verwendet wird. Es wurde auch der Wunsch ventilirt, einen regelmäßigen Sabbathgottesdienst daselbst einzurichten, um ohne jede Kultnsreform für die besser gesinnten polnischen Elemente einen Krhstallisationspunkt zu einer Gemeinde zu schaffen. In» nächsten Stockwerke befindet sich eine Freibibliothek, die sehr viel benutzt wird und fortwährend Gutes stiftet; eine Haushaltungsschule schließt sich daran; für Freibäder ist gesorgt, ein Dachgarten giebt den in e»lge Wohnungen zusammengepferchten Müttern und Kindern Gelegenheit, die schwülen Abende in freier Luft zu verbringen. Auf dem Platze vor dein Institute befindet sich ein monumentaler Brunnen, der ein Geschenk des edlen und für alles Gute nn öffentiichen Leben New-Uorks »inermüdlich thätigen Jakob H. Schiff ist; eines Mannes, der ohne jegliches Aussehen, ja mit ängstlicher Vermeidung aller Reklame unendlich viel Gutes schafft. Hier ist eine Anstalt, der an Umfang und Wirksamkeit kein europäisches Institut an die Seite gestellt werden kann, eine Anstalt, welche den deutlichsten Beweis für den großen Aufschwung liefert, welchen das Judenthum seit der Zeit der Gründung der Klausstiftungen aufzuweisen hat. Ueber die Gewerbeschule will ich im Zusammenhänge mit den anderen großen Wohlthätigkeitsanstalten sprechen. Auf dem Gebiete der Selbste»nanzipatio»» habe»» die russischen Juden bisher weniges geleistet. Am verdienstlichsten wirkt in dieser Richtung die russisch-jüdisch-anlerikanische Gesellschaft, -deren Jahresbericht übrigens klagt, daß der gebildete russische Jude im Allgemeinen sich von seinen Landsleuten fernhält, wie auch Mancher seinen * Geburtsort von Suwalki nach Königsberg oder von Czenstochau nach Rogasen verlegt. Auch auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit sind sie, abgesehen von der Armuth der großen Mehrzahl, noch bei jenem Mangel an jeder Organisation stehen geblieben, welchen die europäischen Gemeindeverhältniffe in kleinen Städte»! noch heute anfweisen, Und die dahin führt, die Armuth zu züchten und in Permanenz zu erhalten. Dort werden noch immer Unterstützuugsbeiträge in kleinen wöchentlichen/ Raten gegeben, deren einziger Effekt es ist, daß sie eine etwa noch bestehende Scheu vor dem Almosennehmen unterdrücken lehren. Trotzdem hat auch in dieser Richtung das jüdische Leben New-Uorks einen Fortschritt gemacht. Wir sehen im Ghetto eine jüdische Herberge ETHIK NE22H wo die frisch gelandeten Einwanderer einige Tage Unterk»mft und Rath für ihr Fortkommen finden, und das Beth-Jsrael-Hospital. das natürlich an Umfang und Ausstattung mit dem Mount-Sinai-Hospital keinen Vergleich aushalten kann, aber doch durch Reinlichkeit, die sorgfältige Behandlung der Kranken, seine centrale Lage und den koscheren Haushalt den Ghetto-Bewohnern eine Wohlthat ist. Es sorgt für etwa 30 Kranket Der Herberge gegenüber befindet sich ein nettes Gebäude, das die Aufschrift DT1IT trägt. Ich trat iit den zu ebener Erde gelegenen Vortragssaal ein, »vo ein ettva 18 jähriger junger Mensch seines Amtes als Kustos waltet. Dort »verden Sabvath- und Sonntagsgottesdienste und abendliche Vorträge gehalten.. Daß in einem Lande, wo sich immerwährend zieltvfe Existenzen Herumtreiben, hier und da einer in den Netzen der Missionäre sich verstrickt, ist nur natürlich. Daß diese für Christus gewonnenen Seelen nicht immer voin besten Kaliber sind, läßt sich auch denken. Ein gewisser Warschawiak wird von irgend einem Sensationalisten der Kanzel im Triumph aufgeführt und dann wieder falle»» gelaffen, ein gewisser Aris (spr. Hersch) Lichtenstein wird tvegen Bigamie verfolgt, und so geht es fort, ohne jedoch den Glauben an die Prophezeiung im 11. Kapitel des Römerbriefes zu erschüttern, daß ganz Israel einst gerettet »verden solle, wenn erst die Fülle der Heiden in das Königreich des Hir»»mels eingetreten -sei. Ob es den Missionären »»»it ihrer Arbeit ernst ist, muß ich bezweifeln. Ich sagte einem der eifrigsten Förderer der Judenmission, dem Prediger Wiley in Pennsylvania, den ich bei einem Missionsfeste kennen lernte: Glauben Sie nicht, daß, wenn Ihre Gebete Erhörung fänden und die Fülle der Juden sich zu Christus bekehrte, die Fülle der Kentiles aus der Kirche scheiden würden, weil sie durchaus nicht den Wunsch haben, sich den Juden gesellschaftlich zu nähern. Rev. Wiley setzte zwar meiner Hypothese ein entschiedenes „Nein" entgegen, aber innerlich wird er mir Recht geben. Es handelt sich bei der Mission nur u»n eine Art Kolonialpolitik; inan wünscht sein Geltungsgebiet auszudehnen, um den» Mutterlande und seinen Bürgern eine höhere Stellmrg zu geben, u»»d die von bekehrten Juden gewonnenen Judenmissionäre spielen die Rolle der gefangenen Prinzen in» Triuinphzuge eines römischen Imperators. Der junge Mensch, der mich iin Missionshause empfing, war a»»s Galizien, „der Sohn eines reichen und gelehrten Vaters, der den Sohn fleißig im Talinud unterrichtete, aber die Liebe, die diesen zum neuen Testamente zog, war so »nächtig, „daß er Vater und Mutter verließ, um ihm nachzufolgen." Als »nein junger Mann seine rühre»»de Geschichte beendigt hatte, begann ich, ihm die meine zu erzählen, die auch für die Leser dieses Blattes von Jntereffk sein dürfte. Eine Gesellschaft von Konvertiten fand sich einst zusammen, und einer von ihnen proponirte, daß Jedermann' feine Bekehrnngsgeschichte zum Besten gebe. „Ich," begann der Erste, „hatte Jura studirt. Die Rechts- "anwaltschaft war damals noch nicht frei. Bealnter zu werden, hatte ich als Jude schon gar keine Aussicht, und so wählte ich das einzige Mittel, das mir eine Karriere eröffnete, und ließmich laufen." „Ich," begann der Zweite, „hatte in B. ein Tuchgeschäft eröffnet, und da ich als Jude dort nicht »vohnen durfte, führte ich das Geschäft auf den Namen »neines. Buchhalters. Die Konkurrenz.