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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 gebete unb auf die Pismonim, die wir als besonders , gelungen .bezeichnen möchten... Als Einleitung zu NeNah ist ein stimmungsvolles deutsches Lied eingefügt, das die frommen Empfindungen der im Gotteshaus^ Weilenden würdig wiedergiebt^ - - Der zweite Theil des Gebetbuches ist in zwei Ausgabe«! erschienen, von denen die eine für Gemeinden, mit deutschemdie andere für; solche mit polnischem Ritus bestimmt ist. Wohl sind einzelne besonders schölle Gebete, die bisher in dem einen oder anderen Ritus fehlten, im beide Ausgaben ausgenommen, aber im Allgemeinen hat der Berfaffer jeder Ausgabe die Eigenthümlichkeit ihres Ritus, - wie er im Westen bezw. Osten Deutschlands seit Jahrhunderten in Geltung , ist, treu und pietätvoll gewahrt. Fügen wir noch hinzu, daß die äußere Ausstattung des Buches eine gute ist, daß der hebräische wie der deutsche Text sich durch große. Korrektheit auszeichnet, so dürfen-wir unsere Besprechung wohl mit dem Ausdruck der festen Zuversicht beschließen, daß-das Vogelsteinsche Gebetbuch sich bald in vielen freisinnigen Gemeinden einbürgern und dazu beitragen wird, die festliche Weihe der höchsten Feiertage des Jahres in diesen Gemeinden zu erhöhen und ihnen wahrhafte Erbauung zu spenden. L. D. Eine pidische Metropole. Bon Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. II. CJgfcd) komme zu den eigentlichen Bildungsanstalten des Ghetto, den Schulen,, die mir zum ersten Male ein authentisches Bild des Cheder gaben, welches man hier in den verschiedenen Entwickelungsstadien von dem richtigen Kownoer Cheder bis zu der civilisirten Talmud-Thora sieht. Ich benutze diese Gelegenheit, um meinem wackereil -Freunde, dem gründlichen Kenner des jüdischen New-Iork und wackeren Arbeiter auf dem Gebiete der praktischen Seelsorge, dem Rabbiner Dr. A. M. Radin, meinem Dank auszusprechen, da ich nur seiner umsichtigen Leitung es verdanke, daß ich in.verhältnißmäßig kurzer Zeit so viel von dem Ghetto-Leben sehen konnte. Wir. betreten die Jeschibah Ez Chajim, ein schmutziges Gebäude mit schmutzigen Räumen, dürftig gekleideten Kindern, die in dem heißen New-Porker Spätsommer, lveim die Temperatur bis zu 28 Grad Reaumilr im Schatten steigt, den größten Theil des Tages im.Schulzimmer zubringen. Kleine Jungen von 8 bis 10 Jahren, die keine öffentliche Schule besuchen, lernen hier Probleme lösen, welche das Thema einer juristischen Doktor-Differtation bilden könnten. Sie studirten bei unserem Eintritte gerade die Haftpflicht. (Baba Kamrna 9,b.) Es war ein höchst interessanter Anblick, das kleine Kerlchen sich .wiegen und in dem traditionelleil singenden Tone die Abhandlung rezitiren zu hören. Im Laufe der Abhandlung kommt das Wort rfltftS np£, irrtümlicher Kauf, vor. „Was versteht man unter fragt Dr. Radin den Knaben. „Wenn die Waare mit einem Sechstel über den Werth verkauft wurde," lautet die prompte Antwort. „Wie rechnet man das Sechstel," lautet die weitere Frage ober? d. h. mit oder ohne Zurechnung des Gewinnes. Mit einem Tone, als. wäre, das so selbstverständlich, sagt der Kleine: „Das ist in der Gemoro eine unentschiedene Frage." Zur Ermunterung in. seinem Studium gebe ich dem Kleinen einen Nickel, mit der Aufforderung, sich Candy (Bonbons) kaufen. „Candy," sagt der. Kleirie entrüstet, „esse ich nicht,: Candy .sind trephe." Wie gottlos unsere Jugend heranwächst! Meine Kinder haben das nie erfahren und, zu meiner Schande sei es gestanden, ich auch nicht. Wir betreten ein anderes Cheder. -Auf einer engen, dunkeln und -wackeligen Treppe gelangen wir in eine kahlen Stube, die nur einen Tische einige roh gezimmerte Bänke und einen einzigen Stuhl enthält. Auf dem Boden rollen einige barfüßige, schmutzige Jungen herum, einige andere versuchen sich in halsbrecherischen, gymnastischen Uebungen auf einem engen Balkon, wieder anbere liegen auf der Bank oder auf dem Boden hingestreckt und schlafen; der Melammed ist auf seinem Stuhle eingenickt. Ich wünschte, daß ein Defregger das New-Porker Ghetto besuchte, um sich dort Vorwürfe zu Genrebildern zu holen. Unser Cheder ist eigentlich eine Art Kindergarten, wohin man die Kleinen schickt, .um sie von der Straße abzuhalten. Der Vater arbeitet in einer Schneiderwerkstätte, die Mutter , steht auf dem Markte oder geht hausiren, und da ist es die bequemste Art. die Kinder für 25 Cents in das Cheder zu schicken. Der Melammed erwacht von dem Lärm, den die Kinder bei unserem Eintritt machen, und produzirt sein Elitekorps im Buchstabiren aus dem Gebetbuch. Trübselig erzählt er uns, wie ihn Arbeitsnoth zum Melammed gemacht habe. „Ich habe früher in einer Schneiderwerlstütte geschafft," sagt er, „und wenn ich sechs Dollars die Wochen „machen" könnte, wollte ich selber einen tailorsliop anfaugen." So wirft das amerikanische Leben die Leute hin und her. Wenn man in der Schneioerwerkstätte die Arbeiter fragte, waß sie „draußen" gewesen seien, so war der eine ein Melammed, der andere hat „einen Krug gehalten" und der dritte antwortet seufzend: „Draußen is sich mir gewe'n ganz feen; ich Hab' sich geschafft in Wald und Hab' sich gemacht een feen Lebben."; Eine etwas höhere Stufe von Cheder ist das, wo Thora unterrichtet wird. Die Luft in diesen Räumen ist verpestet, die Stuben haben oft nicht Raum genug, daß alle Kinder sitzen können. Der Melammed, mit der unvermeidlichen Gerte in der Hand, steht da in Hemdärmeln, oft auch ohne Weste, in feinem schmutzigen, zerrissenen Hemde, über welchem das Abzeichen seiner Würde, das großmächtige Arba-Kanfoß prangt, wenn man von einem Artikel in diesem Zustande das Prädikat ,-prangen" gebrauchen darf. Auch diese Art Cheder hat ihre Abstufungen, in der niedrigeren Gattung giebt es nur ein Klaffenzimmer; die höhere Gattung hat schon Klaffen nach Altersstufen, auch wohl eine Tafel und Bänke. Die Unterrichtssprache ist Jargon; die Methode absolute Methodenlosigkeit. Der Lehrer sagt vor; die Kinder sprechen im Chorus nach: rbW' 1: er hat geschickt 2^ Jainköuew Schelichim u. s. w. In einem Cheder wurde die heikle Stelle im fünften Buche Moses 22, 13 ff. übersetzt T\b Dt2? er Hot ihr gemacht rbhv. a Bilbel. Eine recht intereffante Lektion für 8- bis 10jährige Knaben. Einen ganz anderen Anblick gewährt die Talmud-Thora. In einem peinlich sauber gehaltenen Hause, das mit allen modernen Schulgeräthschaften ausgestattet ist und lichte, geräumige Lehrzimmer hatsehen wir intelligente, sauber gekleidete Lehrer, hören eine gesittete Unterrichtssprache, theils deutsch, theils englisch, und erfreuen uns einer ordentlichen pädagogischen Methode. Leider hat die Anstalt nur für 200 Kinder Raum, während das Ghetto Tausende zählt, und dabei hat selbst diese eine Anstalt einen schweren Existenzkampf zu führen. Diese Anstalt bringt uns mit dem litterarisch.en New-Iork in Verbindung. New-Iork ist heute eine Pflegestätte jüdischer Litteratur. Es zeigt die Physiognomie. wclche Sura im dritten und Cordova im zehnten Jahrhundert gezeigt hat. Es ist alles importirt und im Werdeprozeß begriffen, aber cs zeigt schon eine original-amerikanische um

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