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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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557 die beide eine abschließende Ergänzung zu dem ersten Theile bilden. Was zunächst das Schulgebetbuch betrifft, so ist es zweifellos, daß durch dasselbe einem -von allen freisinnigen Rabbinern und Lehrern sehr oft und sehr unangenehm empfundenen Mangel abgeholfen wird. Der Verband darf es sich zum Verdienste anrechnen, zuerst den Satz in die Praxis übertragen zu Haben, daß, wer reformiren will, vor allem bei der Jugend an fangen müsse. Es war in der That ein unhaltbarer Zustand, daß in dem Gottesdienste zahlreicher Gemeinden reformirte Gebetbücher verwendet wurden, während in der Schule alles beim Alten blieb. Ganz abgesehen davon, daß auf diese Weise ein unglückseliger Zwiespalt zwischen Schule und Gottesdienst, zwischen den Anschauungen der Erwachsenen und der Kinder geschaffen wurde, mußte es auch von den Lehrern bisher schwer empfunden werden, daß sie genöthigt waren, entweder manche Gebetstiicke erhabenen Inhalts wegen einzelner darin vorkommender Ausdrücke in der Schule gänzlich unübersetzt zu lassen oder aber, entgegen ihrer Ueberzeugung und im Widerspruche mit den religiösen Anschauungen der Gemeinde, den Schülern veraltete Lehren vorzutragen. In der Schultefillah des westfälischen Gemeindeverbandes ist nunmehr ein Buch geschaffen, das diese unerträglichen Mißstände glücklich beseitigt; es entspricht in allen seinen Theilen den religiösen Begriffen des modernen freisinnigen Judenthums und kann demnach auch der Jugend zugänglich gemacht werden. Ueber die Grundsätze, nach denen das Buch bearbeitet ist, braucht an dieser Stelle nichts gesagt zu werden. Es sind dieselben, die für den ersten Theil maßgebend waren und die s. Z. in diesem Blatte eine eingehende Besprechung erfahren haben. — Für die Bestimmung des Buches als Schulbuch ist es von Wichtigkeit, daß durch Einfügung von Interpunktionszeichen das richtige Lesen der Gebetslücke erleichtert und dadurch dem Uebersetzen der letzteren wirksam vorgearbeitet wird. Der Anhang, die Liturgie für Jngendgottesdieust und die Sprüche der Väter — mit Weglaffung der für die Jugend nicht geeigneten Sprüche — enthaltend, ist übersetzt, damit einerseits auch die des Hebräischen weniger kundigen Schüler im Jugendgottesdienst Erbauung finden und andererseits die trefflicher! Kern- und Sittensprüche, deren Uebersetzung auch der reiferen Jugend schwer fallen dürfte, in den geistigen Schatz unserer Kiiider übergehen. — Die äußere Ausstattung des Buches ist eine vorzügliche, der Preis — 1 Mark — ein sehr niedriger, so daß nach dieser Richtung der Einführung keine Schwierigkeiten im Wege stehen. Wir zweifeln nicht daran, daß das Buch, welches, wie'wir hören, jetzt schon außerhalb Westfalens in verschiedenen Schulen Eingang gefunden hat, im Laufe der Zeit ein beliebtes Schulbuch aller freisinnigen Gemeinden wird. Der gleichzeitig mit dem vorstehend besprochenen Buche erschienene zweite Theil des Vogelsteinschen Werkes, die Gebete für die Hochfeste enthaltend, hat bereits die Feuerprobe bestanden, da er an den jüngsten Festtagen in zahlreichen westfälischen Gemeinden — sowie auch in andern Gemeinden Deutschlands — gebraucht wurde und, wie uns allseitig mitgetheilt wird, überall vorzüglich -gefallen hat. In der größten westfälischen Gemeinde, Dortmund, hat das Buch, wie wir hören, eine geradezu begeisterte Aufnahme gefunden. Wir glauben unfern Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn wir ihnen angesichts der unbedingten Anerkennung, die dasselbe auf freisinniger Seite gefunden- und der schroffen Verurtheilung, die ihm von gegnerischer Seite zutheil wird ,' an dieser Stelle eine kurze, objektive Besprechung auch dieses zweiten Theiles geben. Zunächst sei hervorgehoben, daß in demselben die Schwierigkeit, Pcinzipientreue mit der Pietät gegen das Althergebrachte zu vereinigen, in glücklicher Weise gelöst ist. Die Grundsätze des freisinnigen Judenthums sind im vollen Maße zur Geltung gebracht. Was der Verfaffer in der Vorrede zum ersten Theile furchtlos ausgesprochen, daß in die Gebete kein Wunsch, keine Bitte ausgenommen werden sollte, deren Erfüllung wir nicht ernstlich begehren, das hat er auch hier wiederum streng dnrchgeführt. Alle Stellen des alten Machsor, in denen die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Palästina, die Sehnsucht nach Wiederherstellung des ehemaligen Opferdienstes zum Ausdruck gelangt, oder in denen unsere Gottesverehrung, weil der Mitwirkung der Priester und Leviten entbehrend, als minderwerthig im Vergleich mit dem einstigen Tempeldienst hingestellt wird, sind entsprechend umgestaltet, die vom kabbalistischen Geiste durchwehten Gebete aber gänzlich fortgelaffen worden. Solche Gebetstücke jedoch, die wegen ihres allgemeinen Inhalts oder ihrer traditionellen Melodien den Gemeinden lieb und Werth geworden sind, theilweise aber Anschauungen enthalten, welche unseren geläuterten Begriffen widerstreiten, sind in etwas veränderter oder verkürzter Form dem Gebetritus einverleibt worden, so z. B. die Selichoth öSltP und '22 DKÜte im Schacharith- und Minchagebete' des Versöhuungstages, die in mehreren neueren Gebetbüchern fehlen.. In der Gebetordnung für Neujahr ist auch dem Umstande Rechnung getragen, daß der Gottesdienst nicht eine allzu große Ausdehnung erhalte. Da man jetzt in den meisten Gemeinden das Morgeugebet am Neujahrsfeste nicht lnehr zu so früher Stunde beginnt wie ehedem und der Gottesdienst keinesfalls länger als bis 12 Uhr Mittags währen darf, war eine Kürzung dringend geboten; von den Gebetstücken sind deshalb nur die schönsten Strophen beibehalten, und von den Bibelsprüchen in den Huldignngs-, Erinnernngs- und Schofargebeten nur diejenigen für den öffentlichen Vortrag wiederholt, die sich gesanglich besonders dazu eignen. Daneben wurden auch deutsche Gesänge in die Liturgie des Mussaphgebetes ausgenommen; es sollte dadurch offenbar die Möglichkeit einer Abwechselung geboten werden, indem an dem einen Tage die hebräischen, an dem anderen die deutschen Lieder vorgetragen werden können. In der Gebetordnung für den Versöhnungstag ist durch die Vertheilung der tfton hv auf die verschiedenen Gebete die ermüdende Wiederholung derselben glücklich vermieden; nur in dem Minchagebete für den Rüsttag des Versöhnungsfestes haben alle fcttsn bv, soweit sie sich überhaupt zur Aufnahme eignen, ihren Platz gefunden. Der deutsche Theil des Gebetbuches ist, wie wir mit besonderen Freude hervorheben können, mit großer Sorgfalt behandelt worden Die Forderung, daß die Gebetsprache schlicht und einfach, frei von aller Ueberschwänglichkeit, aber innig und erhebend sei, sehen wir in schöner Weise erfüllt. Es ist keine sklavische Uebersetzung des Hebräischen, und doch deckt sich der Inhalt stets mit-dem Urtexte; nur sind manche Häufungen der Begriffe, die in bescheidenem Maße für die hebräische Form wohl angebracht erscheinen, im Deutschen vermieden worden. — Fast alle Gebete, die im Hebräischen rhythmisch gehalten und gereimt sind, haben im Deutschen ebenfalls eine poetische Bearbeitung erhalten, so daß auch Denen, welche des Hebräischen ' Nicht genügend kundig sind, Gelegenheit gegeben ist, durch eine meist gelungene Uebertraguug sich in die gehobene Stimmung zu versetzen, die der liturgische Dichter durch seine Hymnen und Bußgesänge in dem Gemüthe der Betenden hat Hervorbringen wollen. Wir verweisen hier insbesondere auf die Uebersetzung der Stücke 1-Y28 und ]V>r6K-.rTOö im Schacharith- und Mussaf-

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