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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 erlebt, daß im Prozeß Bäcker-Stöcker ein königlich Preußischer Gerichtshof dem Hofprediger Stöcker diesen Borwurf gemacht hat. Sehen Sie mal, Herr Grüneberg, jetzt will ich Ihnen mal etwas sagen, was Ihnen wohl noch Niemand gesagt hat : „Was Menschen Böses thun, das überlebet sie; Das Gute wird mit ihnen oft begraben." Sehen Sie, Wollheim war solch ein guter, edler Mensch, — wer nennt ihn und was er Gutes, that noch heute, in unserer schnelllebigen Zeit? Dagegen wird man vom Hofprediger Stöcker noch nach Jahrzehnten reden." (Kommerzienrath Wollheim hatte n. A. dem Hofprediger Stöcker für einen ihm unterstehenden Verein ein Pianino geschenkt.) Mit Recht bemerkt das „Berliner Tageblatt" in einem sehr scharfen Artikel über den ganzen Vorgang, daß „hier nicht blos ein - einzelner Mann, sondern zugleich ein ganzes System verurtheilt wurde, das System der politischen und religiösen Verhetzung und Denuuciatiou, mit einem Wort: das System Stöcker-Hammerstein." * Solche Prozesse und auch die letzten Stichwahlen in Gießen u. a. lenken immer wieder die Aufmerksamkeit ans die antisemitische Partei und deren verschiedene Schattirungen. Da giebt es antisemitische Christlich-Soziale vom Schlage Stöckers (nicht zu verwechseln mit den „jungen" Christlich-Sozialen, die vorn Pastor Naumann geführt werden und sich jetzt National-Soziale nennen) und Deutsch-Soziale, eine deutsch-soziale Reformpartei und eine antisemitische Volkspartei, Leute, die den Juden, wenn er sich taufen läßt, als Christen für.voll ansehen, und Andere, die ihn auch dann noch verfolgen, also Rassenäntisemiten, und es giebt sogar Solche, die unter dem Namen freisinnige Antisemiten ihre seltsamen Geschäfte am leichtesten betreiben zu können glauben Der Neid, die Wurzel alles Antisemitismus, ist der Grund, daß zwischen allen diesen Richtungen fortwährend Zänkereien und Zwistigkeiten oft der häßlichsten Art an der Tagesordnung sind. Die antisemitischen Zeitungen, von denen jede ihren Mann ernähren soll, liegen einander fortwährend in den Haaren. Die eine, die „jüdische Annoncen" nicht bekommt, nennt das andere Blatt, das mit Freuden Geld nimmt, auch wenn es „jüdisch" ist, Verräther, und der eine Reisende für das antisemitische Geschäft ist wüthend, wenn ein Konkurrent ihm zuvorgekommen ist und das Terrain bereits abgegrast hat. Der oberste Grundsatz aller Antisemiten ist, Geld zu verdienen um jeden Preis, und davon ist die Folge, daß es eigentlich nur noch einen Geschäftsantisemitismus giebt, der sich freilich in ebenso viele Richtungen spaltet, wie geldbedürftige Männer vorhanden sind, die das Zeug in sich fühlen, Antisemitenführer zu sein, was ja an sich nicht gerade sehr schwierig ist. Dem Geschäftsantisemitismlls dienen auch die vielen Zeitungsgründungen; da hat Zimmermann seine Zeitung, Liebermann v. Sonnenberg sein Organ, ihn bekämpft ein Blatt, in dem Herr v. Mosch sein Wesen treibt, und auf der anderen Seite die Zeitung, die Professor Dr. Förster inspirirt. Dann kommt's zum Klagen und nachher wieder zum Vertragen. Sogar Leute, die nicht orthographisch schreibell und nicht logisch sprechen können, geheil unter die Zeitungsgründer. Schon in der vorstehenden Skizzirung ist der Beweis geliefert, daß es in Deutschland keine politische Richtung giebt, die einer auch nur annähernd so phänomenalen Buntscheckigkeit sich erfreut, . wie der Antisemitismus. * Die Affaire Dreyfus macht wieder einmal viel von sich reden in Folge der bereits erwähnten Broschüre von Bernhard Lazare, der energisch eine Revision des Prozesses fordert. Natürlich ärgert die „Kreuzzeitung" die Wärme, womit insonderheit die „jüdisch angehauchten oder durchglühten Blätter" und nun auch die nationalliberalen Organe den Fall Dreyfus behandeln. „So viel ist gewiß, daß sich um das Schicksal eines „christlichen" Offiziers, der in Frankreich wegen des Dreyfus nachgesagten Vergehens verurtheilt worden wäre, bei uns kein Mensch bekümmern würde; es geht uns ja auch thatsächlich nichts an." Allerdings, wenn die „jüdisch angehauchten oder durchglühten Blätter" und auch die nationalliberalen so stark in dem Philosemitismus wären, wie es die „Kreuzzeitung" im Antisemitismus ist, so möchten solche Hypothesen, mit denen zwar die „Kreuzzeitung", aber nimmer ein logisch denkender Kopf argumentirt, vielleicht beweiskräftig sein. So beweist diese Hypothese zwar, daß jenes Blatt wohl durchtränkt sein mag von judenfeindlicher Gesinnung, daß es aber jedes Funkens wahrhafter Moral bar ist. ' * Die Nachrichten, welche aus Marokko über die Lage der dortigen Juden zu uns gelangen, sind fortwährelld sehr trauriger Natur. Die Leser erinnern sich der schreckenerregenden Einzelheiten über die Plünderung, welche im Herbst in Dem.nät stattgefunden hat; Häuser sind verbrannt, junge Mädchen und Kinder geraubt, Synagogen zerstört. Das Centralkomitee der Alliance hatte die europäischen Konsulate in Tanger darum angegangen, ihre Aufmerksamkeit auf die Gewaltthätigkeiten richten zu wollen, denen die jüdische. Gemeinde in Demnat zum Opfer gefallen ist. Der französische Minister des Auswärtigen hat darauf in zuvorkommendster Weise das Centralkomitee wissen lassen, daß Agenten im Begriffe seien, „den Verlust zu berechnen, welche die jüdische Gemeinde durch die Zerstörung der Synagoge erlitten habe, daß die marokkanische Regierung besagte Summe zu ersetzen bereit sei, und daß die Vertreter Frankreichs den Verlauf der Sache mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen." - Damals war übrigens auch die Ermordung eines Inden in Fez, Namens Salomon Zerrad, gemeldet worden. In einem Bericht von dort heißt es über diesen Fall: „Wir erfahren soeben, daß unser armer Glaubensgenosse, nachdem er sein Vieh für baares Geld verkauft hatte, verrätherischer Weise von seinen Führern ermordet und in einen Sumpf geworfen worden ist, und daß man ihm dann die nicht unbedeutende Baarschaft, welche er bei sich trug, genommen hat. Am 4. August eröffnete ein Araber aus der Gegend einem Juden unter dem eidlichen Versprechen, seinen Namen nicht zu verbreiten, daß der Leichnam bei den Beni Klifas, einem bei Hiaina wohnenden Stamme, sei. Auf diese Aussage hin wurden zwei junge Leute nach dem Orte gesandt; bei eigener Lebensgefahr gelangten sie bis zum Silo, aus dem sie den schon in Fäulniß übergegangenen und gräßlich verstümmelten Leichnam des unglücklichen Zerrad herauszogen. Da Zerrad unter türkischem Schutze stand, beschäftigt sich der englische Ministerpräsident sehr eifrig mit diesem traurigen Zwischenfall. Hoffen wir, daß eine günstige Lösung und die Bestrafung der Schuldigen erfolge." Me beiden neuen Gebetbücher des westfälischen Gemeindrverbandes. (A^T^achdem vor etwa zwei Jahren der erste Theil des von Rabbiner Dr. Vogelstein - Stettin im Aufträge des Ver- (S?-3 bandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens bearbeiteten i Gebetbuches erschienen ist, welcher in verhältnißrnäßig kurzer Zeit in zahlreichen Gemeinden eingeführt wurde und in der in Betracht kommenden Presse eine sehr günstige Beurteilung fand, hat der Verband vor einigen Monaten einen zweiten, ebenfalls von ' Dr.. Vogelstein bearbeiteten Theil des Buches, der die Gebete für;bie Hochfeste enthält, und eine billige Schulausgabe erscheinen.lassen;

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