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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-20 · Heft 47 (20.11.1896) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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wie man sie kaum sonst noch im Orient findet, und sind daher bei der ganzen Bevölkerung gesucht und geschätzt. Während in der ersten Zeit die Eltern gezögert hatten, ihre Kinder in die Schule oder die Werkstätten der Alliance zu schicken, giebt es heute um jede Vakanz 20 Bewerber. Giebt es einen besseren Beweis für die Anziehungskraft und den moralischen Einfluß der Anstalt? Die Organisation des Lehrlingswerks für die Knaben hatte die Gründung eines ähnlichen Werkes für die aus der Schule entlassenen Mädchen zur Folge. Diesen konnte der Elementarunterricht allein ebenso wenig wie den Knaben einen Lebensunterhalt sichern. Daun war es bei dem Zustande der Trägheit und Gleichgiltigkeit, . in dem sich die Frau im Orient befindet, ganz besonders nölyig. die Mädchen ein Handwerk erlernen zu lassen, das ihnen gestattete, einen Theil der Kosten der künftigen Wmhschaft zu tragen und ihnen auf dieseMeise mehr Autorität in der Familie und mehr Selbstvertrauen geben würde. Hier war die Zahl der Handwerkszweige naturgemäß sehr beschränkt; der Stand der Industrie im Orient ist derartig, daß man sie nur zwei oder drei Handwerke lernen lassen konnte: die Schneiderei, Wäscherei, Stickerei und Plätterei; außerdem erschweren es die Landessitten, junge Mädchen als Lehrmädchen in den Werkstätten der Stadt unterzubringen. Es war also nothwendig, Werkstätten für Mädchen neben den Mädchenschulen einzurichten. In fast allen werden die eben bezeichueten Handwerke gleichzeitig gelehrt; einige der Leiterinnen dieser Werkstätten haben in Paris gelernt. Das Lehrlingswerk hat namentlich in den letzten zehn Jahren eine große Entwickelung erfahren; in diesem Zeitraum ist dasselbe für Knaben in zehn Ortschaften gegründet worden; die Gründung der Hauptwerkstätte für Mädchen datirt vom Jahre 1889, und erst im Jahre 1887 hat die Gewerbeschule zu Jerusalem ihre heutige Gestaltung erhalten. Die Alliance hat sich gleichfalls bemüht, den Sinn für Ackerbau bei den Israeliten zu entwickeln. Dieses Lehrlingswerk ist in Jaffa (Palästina) eingerichtet worden; richtiger wäre zu sagen, daß sie es restaurirt hat. Im Jahre 1870 wurde die Schule gegründet auf einem Grundstück von 240 Hektaren, welches die ottomanische Regierung in großmüthiger Weise dazu hergab. Heute wird sie von 100 internen Zöglingen besucht und wird geleitet von einem technischen Personal, welches die Alliance, in den Sonderanstalten des Occidents heranbildet; die Anstalt pflegt alle Arten von Kulturen, welche das Land ermöglicht.: Oliven, Orangen. Weinstöcke, die verschiedensten Getreidearten, Obst- und Getreidegärten; es wird Viehzucht betrieben, und hat man bereits mit der Zucht der Seidenraupe begonnen. Mit einem Wort, die Anstalt wird von allen kompetenten Leuten als ein Muster betrachtet bezüglich der Einrichtung und Bcwirthschaftung. Die Zöglinge stammen aus Palästina, Aegypten, aus der Türkei und Rußland, Rumänien und sogar aus Griechenland. Zu Anfang wollte es scheinen, als müsse man auf den Versuch verzichten, aus Mangel an Zöglingen, die Lust zmn Ackerbau zeigten, wohingegen heute die Zahl der Kandidaten eine solche ist, daß man eine sorgfältige Wahl treffen kann und nur diejenigen Zöglinge aufnimmt, welche die nöthige Veranlagung zeigen, um wirklich tüchtige Landwirthe zu werden. Im Jahre 1894 war der Ertrag von den verschiedenen Kulturen 37 000 Francs mit einem Nettogewinn von 17 000 Francs; die Nettoausgaben zum Unterhalt der 100 Zöglinge und die allgemeinen Kosten belüfen sich auf 28000 Francs. . Der wohlthätige Einfluß der Ackerbauschule zu Jaffa hat weite Verbreitung gefunden; in Rußland, wo der. Ackerbau nur einer kleinen Anzahl von israelitischen Familien ermöglicht" ist, hatten Tausende von armen Juden, die den'ohnmächtigen Wunsch hegten, sich dem Ackerbau zu widmen, ihr Augenmerk auf Palästina gerichtet, und als die Verfolgungen von 1882 diese große Auswanderung herbeiriefen, die bis jetzt andauert,. richtete ein großer Theil der Auswanderer seine Schritte nach Palästina, in der bestimmten Absicht, sich dort dem Ackerbau zu widmen. Es kamen deren auch aus Rumänien, wo die Juden kaum glücklicher zu nennen sind als in Rußland. Ihre einzige Hoffnung war, einen Flecken Erde zu finden, den sie bebauen dürfen, und wo sie endlich die Ruhe, den Frieden, die Sicherheit finden, die sie niemals im eigenen Lande genossen. Die Alliance schaffte ihnen Hilfsmittel, der Direktor der Ackerbauschule, Herr S. Hirsch, ward ihre erste Stütze; er half ihnen durch seinen Rath und seine Erfahrung, stellte ihnen, ehemalige Zöglinge der Anstalt zur Seite, seine mächtige Hilfe ward ihnen durch die neuen Kolonien in Palästina gegeben. Vielleicht haben wir später noch einmal Gelegenheit, auch auf diesen Theil der Wirksamkeit der Alliance, auf ihre kolonisatorische Arbeit, zurückzukommen. Aber schon das, was wir heute berichtet, giebt ein treues Bild von dieser Gesellschaft, her nicht nur jeder warmfühlende Jude, sondern vielmehr auch jeder warmfühlende Menschenfreund, welchen Glaubens er sonst sein mag, fernerhin Blüthe und Gedeihen wünschen muß. Are Woche. Berlin, 17. November. t er Prozeß Stöcker-Witte, dessen Einzelheiten ja aus den Tagesblättern zur Genüge bekannt sind, hat wieder einmal ein häßliches Bild aus der Zeit der wüstesten Antisemiteuhetze entrollt. Für die Geschichte dieser Bewegung ist der Prozeß von hohem Werthe. Die Verhandlung hat festgestellt, daß Herr Stöcker Jahre lang abgeleugnet hat, einen Brief geschrieben zu haben, den er thalsächlich geschrieben hat, und daß er einen Amtsbruder beschuldigte, sich der Fälschung schuldig gemacht zu haben, während er, der ehemalige Hofprediger, genau wußte, daß sein Gegner die lautere Wahrheit sprach. Das Gericht befand Stöcker der Verleumdung schuldig und verurtheilte ihn nach den §8 186 und 187 zu 600 M. Geldstrafe oder zn 40 Tagen Gefängniß. Außerdem wurde dem Kläger die Pnblikationsbefngniß je einmal im „Volk" und im „Evangelischen Kirchen - Anzeiger" zugesprochen. Der Privatkläger Witte wurde von der Wideranklage freigesprochen. — Nach der stem graphischen Aufzeichnung des Prozesses — es wird ein stenographischer Bericht der Prozeßverhandlung vorbereitet — mag aus der Zeilgenaussage der Gattin des Pfarrers Witte Folgendes zur Ergänzung dienen: „Herr Grüneberg sagte, Stöcker wäre so aufgeregt gewesendaß Pastor Witte eine Petition für Cäsar Wvllheim unterzeichnet hätte.'. Ich entgegnete ihm darauf : ich könne gar nicht begreifen, 7 was denn eigentlich „Aufregendes" dabei gewesen wäre. Ich hätte; es indessen, außerordentlich aufregend finden müssen, wenn Pastor Witte bei dem Kaiser gebeten hätte um eine Auszeichnung für Hofprediger Stöcker. Grüneberg sagte darauf, ja,; Stöcker war so empört, weil Cäsav Wollheim ein Jude war.. Ich erwiederte darauf: „Cäsar Wollheim galt als einer der edelsten Menschen, die Gottes Sonne bescheint. Er war einer, der edelsten Menschen. Ich häbe nie gehört, daß ein königlich preußischer/ Gerichtshof Herrn Wollheim je den Vorwurf' gemacht hätte, daß^er mindestens leichtfertig mit der Wahrheit umgehe; wir haben es aber doch

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