Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Braucht man noch zu sagen, daß neben den Elementen, der Weltgeschichte, der hebräischen Sprache und jüdischen Geschichte, .der Geographie und der Wissenschaften, der Unterricht der Landessprache überall eine. bedeutende Stelle in den Lehrplänen einnimmt und daßdie hauptsächlichste Sorge des Centralkomitees in der Leitung der Schulen die ist, im Herzen der zahlreichen ihm anvertrauten Kinder neben der Anhänglichkeit an ihre Religion die Vaterlandsliebe, den Geist der Duldung, die Liebe zum (Sitten zu entwickeln und zu stärken? Die Alliance wußte, daß, -wenn sie sich mit den Kindern beschäftigte, sie den sichersten Weg einschlug, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Die Generationen, welche nach einander die Schule besucht und dort den Elementarunterricht empfangen Haben, sind heute von dem moralischen Werth der modernen Kultur durchdrungen, und das Beispiel, welches sie Denen bieten, die geistig am weitesten zurück sind, macht die beste Propaganda für die Alliance. Es ist, als ob die zahlreiche Bevölkerung-, die so lange in ihrem Elend und ihrer Abgeschlossenheit geschlummert hat, jetzt plötzlich erwachte, und der Eifer, mit dem sie heute daran gehen, sich zu bilden und aufzuraffen, ist die schönste Belohnung für alle Mühen und Opfer. Von den entlegensten Gemeinden laufen rührende Briefe ein, in denen sie um die Errichtung von Schulen bitten; und wenn die Geldmittel es gestatten, könnte die Zahl der Schulen verdoppelt werden. Die Alliance unterstützt diese Bewegung, und da, wo sie selbst keine Anstalten errichten kann, unterstützt sie die Gemeinden dabei, selbst solche zu gründen.. Lehrer und Lehrerinnen waren nöthig, um diese Schulen zu leiten und diese Kinder zu unterrichten. Man durfte nicht hoffen, in unseren Ländern eine genügende Anzahl zu finden, welche die nöthige Vorbildung zu dem besonderen, außergewöhnlich schwierigen Berufe, den sie dort zu erfüllen hatten, besitzen würden. Um ein befähigtes und treues Lehrerpersonal zu haben, entschloß sich das Central-Komitee, selbst eines zu bilden. Im Jahre 1868 gründete das Komitee ein Seminar, dessen Schüler aus den Gegenden stammen, in denen sie später als Lehrer wirken sollen. So bildete und bildet die Alliance dieses zahlreiche Personal, das nach den Ländern des Orients und Afrikas wie ein Strahl der westlichen Civilisation dringt. Dieses Seminar ist im Jahre 1880 von der französischen Regierung als vollberechtigt anerkannt worden, womit ihm die gesetzliche Berechtigung zugesprochen ist, Vermächtnisse und Geschenke zu * empfangen. Der offizielle Name des Seminars ist: Ecole Normale Jsraelite Orientale. Im Jahre 1895 zählte es 28 junge Männer und 20 junge Damen zu Schülern; alle diese stammten aus der Türkei, aus Bulgarien, Tunis und Marokko. In den letzten Jahren hat sich die Alliance besonders damit beschäftigt, die rabbinischen Studien, die im Orient und in Afrika gänzlich in Verfall gerathen sind, Meder zu heben. Ein so schwieriges Unternehmen konnte aber nur Erfolg haben, wenn die Gemeinden sich selbst von der Nothwendigkeit überzeugt haben würden, gebildete und auf ihre hohe Mission vorbereitete Rabbiner zu haben. Die erhoffte Bewegung machte sich im Jahre 1891 geltend. Um sie zu unterstützen, steuerten die Alliance, und die Anglo Jewish - Assoziation zur Gründling und Unterhaltung eines kleinen Rabbiner-Senrinars in Adrianopel bei; wo die Schüler neben talmudischen und theologischen Kenntnissen ein allgemeine Bildung empfangen, wie in den gleichgestellten Anstalten unserer Länder. Außerdem unterhält die Alliance am Rabbinerseminar in Paris zwei aus dem Orient gebürtige Schüler, die nach Beendigung ihrer Studien in ihre Heimath zurückkehren sollen, um dort die Rabbinerfunktionen auszuüben. Diese vorläufig nur probeweise eingeführte Maßregel soll bald auf junge Leute, die .aus Tunis und Marokko stammen, ausgedehnt werden. Die israelitischen Gemeinden, deren- Läge zu bessern sich die Alliance zur Aufgabe gestellt hat. leiden aber ebenso viel und mehr noch durch ihr Elend als durch Unwissenheit. Wenn die Schule auch ein großartiges Mittel zum Fortschritt und zur Aufkärung ist, wenn sie auch den Verstand bildet und schärft, so kann doch der Unterricht, den die Kinder dort empfangen, nur selten dazu dienen, ihneli einen gesicherten Lebellsunterhalt zu verschaffen. Daher hat die Alliance das Erlernen von Handwerk stets als nothwendige Ergänzung der Schule betrachtet. . Dank der Freigebigkeit des Baron Hirsch, der sich besonders für dieses Feld interessirte, hat die Alliance in allen Städten, in denen sie Schulen besitzt, auch das gewerbliche Lehrlingswerk gründen und entwickeln können. Wenn sie auch.noch nicht überall über den bösen Willen vieler nichtjüdischen Lohngeber triumphiren können, wenn sie auch nichts gegen die wenig günstige Lage der Länder, in denen sie wirkt, auszurichten vermag, so hat sie wenigstens das Vorurtheil überwunden, welches die Kinder von dem Handwerk fern hielt. Dies geht daraus hervor, daß sie augenblicklich in 210 Ortschaften 600 Lehrlinge unterhält, unter denen sich Schmiede, Mechaniker, Schlosser, Maurer, Tischler, Stellmacher, Hufschmiede rc. befinden. Die Organisation dieses Werkes mußte je nachdem wirth-' schaftlichen Zustande und den Bedürfnissen der einzelnen Gegenden verschieden sein. In den meisten Ortschaften sind die Lehrlinge, soviel als möglich ehemalige Schüler, bei den Meistern des Ortes untergebracht.' Sie erhalten eine monatliche Unterstützung von 4 bis 8 Franks, welche geringer wird, je mehr sie von ihrem Meister Lohn bekommen. Sie werden von dem Direktor der Schule der Alliance überwacht; dieser wird im. Allgemeinen noch von einem Komitee unterstützt. Seit mehreren Jahren wird ein Theil des Monatslohnes als Spargeld zurückgelegt. Dieses wird dem Lehrling am Ende seiner Lehrzeit eingehäNdigt. Außerdem ist die Alliance veranlaßt worden, eigene Werkstätten zu organisiren. Es giebt eine Kunsttischler- und eine Tischlerwerkstatt in Konstantinopel, eine Schmiede- und eine Tischlerwerkstatt in Tripolis. Diese Einrichtungen bewähren sich sehr, sie haben nur 'den einen Fehler, daß sie viel kostspieliger sind, als das Unterbringen der Lehrlinge bei den Meistern. Die Arbeitsschule, welche die Alliance in Jerusalem gegründet hat, verdient unter allen ihren Werken am meisten Aufmerksamkeit infolge der Dienste, die sie der Bevölkerung erweist, und dem moralisirmden Einfluß, den sie auf dieselbe ausübt. Die Anstalt, welche unter der treuen Leitung des Herr Nissim Behar auf Kosten der Alliance und einiger freigebiger Londoner Juden gegründet worden ist, hatte nicht die Sympathien der jüdischen Bevölkerung, aber die Resultate, die sie aufweist, haben alle Vornrtheile überwunden. Sie umfaßt eine Elementarschule, die nach dem Muster der anderen Schuleil der Gesellschaft organisirt ist und welche von 150 Schülern besucht wird; ferner eine Reihe von Werkstätten, in denen Tischlerei, Schlosserei, das Schmiedehandwerk, Mechanikerhandwerk, Drechslerei, Gießerei und Kesselflickerei gelehrt wird. Die Zahl der Lehrlinge beträgt 120. In der Anstalt giebt es ein Internat, in dem die nicht aus Jerusalem stammenden Lehrlinge Aufnahme finden. Die Meister haben alle in Europa gelernt; die Einrichtung der Werkstätten entspricht allen Forderungen der Industrie; der Vorrath an Werkzeugen ist reichhaltig und vollständig; alle in der Anstalt ausgeführten Arbeiten zeigen eine Vollendung," §