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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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welche Weise läßt sich am besten und schnellsten die Forderung, betreffend die lebenslängliche Anstellung sämmtlicher jüdischer Lehrer, ihre Pension und die Versorgung ihrer Hinterbliebenen auf gesetzlichem Wege erfüllen, resp. welche Grundlagen sind zur Herbeiführung dieser Forderung nothwendig? Referent: Kollege Heiden feld-Friedeberg N.-M. 3. Anträge von Mitgliedern. 4 Bestimmung über die Zeit und den Ort der nächsten Versammlung. Für die auswärtigen Mitglieder ist eine Reisekostenentschädigung vom Verband gewährt worden. Im Anschlüsse an die Sitzung findet ein gemüthliches Beisammensein im Vereinslokal statt. Lehrer und Freunde des Lehrstandes sind als Gäste herzlich willkommen. L2 Berlin- 9. November. Aus Anlaß der in der letzten Zeit von jugendlichen Personen verübten Strafthaten wurde vielfach auf die Nothwendigkeit hingewiesen, für die Leitung der aufsichtslosen Jugend zu sorgen. Daher wird der Hinweis wohl am Platze sein, daß aus diesem Gesichtspunkte heraus bereits im Jahre 1891 zu Pankow das israelitische „Lehrlingsheim Pankow" gegründet worden ist Das Institut ist seit dem Mai d. I. in einen: neubebauten, ausschließlich für seine Zwecke bestimmten, zu Pankow, Mühlenstraße 20, belegenen Grundstück untergebracht und wirkt außerordentlich segensreich. Das Kuratorium, an dessen Spitze Stadtrath Dr. Weigert steht, ging bei der Gründung von der Ansicht aus, daß es nicht ausreiche, unbemittelten jüdischen Eltern dadurch zu helfen, daß man ihre Kinder, die ein Handwerk erlernen wollen, bei tüchtigen Handwerksmeistern unterbringe und durch Geldbeiträge unterstütze; es erschien ihm vielmehr in demselben Maße, in welchem Berlin an Wachsthum zunimmt, als unabweisliche- Pflicht, die meist im Alter von 14 bis 17 Jahren stehenden, von Hause aus der Regel nach nicht genügend beaufsichtigten Lehrlinge während der Dauer ihrer Lehrzeit fortgesetzt wirksam zu kontroliren und dabei die Fortschritte in ihrer Ausbildung zu überwachen. Nur auf diese Weise läßt sich für die Zöglinge ein ausreichender Schutz gegen die Gefahren der Weltstadt schaffen. In dem Lehrlingsheim zu Pankow,, das zur Zeit mit Rücksicht auf die knapp bemessenen Mittel des Instituts nur mit 20 Alumnen belegt ist, aber Raum für mindestens 60 bietet, werden bedürftigen und würdigen Handwerkslehrlingen Wohnung- Beköstigung und Bekleidung gewährt; zugleich werden sie durch einen ihre Erziehung und Fortbildung fördernden Leiter beaufsichtigt; sie haben, ihre freie Zeit ausschließlich im Heim zuzubringen, in welchem ihnen helle, gesunde Räume, ein umfangreicher Garten und ein Turnplatz zur Verfügung stehen. Der Anstaltsleiter steht unausgesetzt mit den Lehrmeistern in Verbindung und ist dadurch in der Lage, die Kontrolle leicht, und wirksam auszuführen. Die Erfahrungen, welche mit der Anstalt in den fünf Jahren ihres Bestehens gemacht worden, sind so günstige, daß man den Wunsch äußern darf, sie möchte durch reichliche Beiträge unserer wohlhabenden Glaubensgenossen in die Lage gebracht werden, der großen Anzahl von Aufnahmegesuchen, welche in letzter Zeit an sie gerichtet worden sind, gerecht zu werden. Berlin, 10. November. Wir erhalten heute den folgenden Aufruf, den wir der allgemeinen Theilnahme aller Menschenfreunde auf das Eindringlichste empfehlen. Derselbe lautet folgendermaßen: - „Glaubensgenossen! Es ist von jeher — und selbst von fanatischen Gegnern — anerkannt worden, daß die Juden allezeit willig sind, fremder Noth Herz und Hand zu öffnen. Kranken und Bedürftigen mit Rath und That beizustehen, ohne nach Glauben und Abstammung zu fragen. Fühlen wir uns so allen Menschen gegenüber als Brüder, so steht uns in erster Linie doch die Pflicht gegen unsere Glaubensgenossen, weil diese im Falle der Noth im Wesentlichen auf unsere Hilfe angewiesen sind. Eine große Anzahl wohlthätiger Anstalten für Israeliten ist bereits von unseren Vätern begründet worden; uns, dem jüngeren Geschlechte liegt es ob, diese Werke der Humanität, soweit sie noch einem Bedürfnisse entsprechen, fortzuführen und zeitgemäß umzugestalten. Einen hervorragenden Platz nimmt unter ihnen das jüdische Kurhospital' in Kolberg ein, welches im Jahre 1873 errichtet worden ist, und welchem seither Tausende von Kranken Linderung oder völlige Herstellung zu verdanken hatten. Es naht der Tag, an welchem die Anstalt ihr 25 jähriges Bestehen in Ehren feiern soll. Aber mit Sorge sieht der Vorstand dem festlichen Tage entgegen. Er schreibt im Jahresbericht 1895: „Immer mehr drängen die zwingenden und treibenden Verhältnisse auf eine Erweiterung unseres Wirlungkreises hin, auf eine Vergrößerung unserer Anstalt, die ja vor 22 Jahren zur Befriedigung nur ganz bescheidener .Anforderungen ins Leben gerufen wurde. Immer weniger können wir uns auch der Einsicht verschließen, daß die vorhandenen engen und zum Theil gedrückten Räume durch weitere, luftigere, den hygienischen Ansprüchen der Jetztzeit mehr entsprechende ersetzt werden müssen. Ohne gerade an einen stolzen Prachtbau zu denken, wird hier Wandel geschafft werden müssen." Wer die Anstalt besucht, wird der Leitung seine Anerkennung nicht versagen. Cr wird aber dem Vorstande darin beipflichten, daß der gegenwärtige Zustand unhaltbar ist. Weder die Baulichteiten noch die Einrichtung genügen den mäßigsten modernen Anforderungen. Ein Neubau von Grund aus erscheint daher nicht länger aufschiebbar. Zur Errichtung eines solchen mit 100 Betten bedarf es einer Summe von 175 000 Mark für die Gebäude und ca. 50 000 Mark für die Einrichtung. Nur ein kleinerer Theil dieser Kosten kann durch das Vermögen der Anstalt bestritten werden. Zur Aufbringung des Nestes haben sich die Unterzeichneten mit dem Vorstande und dem Kuratorium vereint, einen Appell an die hochherzige und mildthätige Gesinnung der Glaubensgenossen zu richten. Wir dürfen hoffen, daß dieser Ruf nicht ungehört verhallen wird. Handelt es sich doch darum, die Heilwirkung des unvergleichlichen Bades schwergeprüften und hart um ihre Existenz ringenden Mitmenschen zu sichern, die der Gesundheit zur Fristung ihres Lebens benöthigen. Wie viele sind schon, matt und elend dort angelangt, gekräftigt und wieder ' erwerbsfähig den Ihrigen zurückgegeben worden! Eine große Anzahl kränklicher skrophulöser Kinder hat dort Heilung gefunden! Für keine edlere und segensreichere, keine mehr berechtigte und mehr nothwendige Sache könnten wir unsere bittende Stimme erheben; darum sind wir der Zuversicht, daß aufs Neue hier sich Israels Erbarmen für die Hilfsbedürftigen offenbaren und bethätigen wird, daß ein Jeder bereitwillig nach seinem Können an diesem humanen Werke sich betheiligen wird — sich selbst, dem Judenthume, der Menschheit zur Ehre!" Der Aufruf enthält die Namen der hervorragendsten Mitglieder der hiesigen und anderer jüdischer Gemeinden. Es ist beschlossen worden, den gütigen Spendern bei einer Gabe von mindestens 1000 Mark die Einzeichnung in die Stistertafel zu gewähren. Sämmtliche Beiträge sind an Herrn Dr. I. Ginsberg, Karlstraße 31, zu senden. x. Posen, 6. November. In einem kleinen Städtchen an der polnischen Grenze, namens Zerkow, wurden die Bewohner im Sommer, und zwar im Wonnemonat in große Aufregung versetzt. Es verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß der Gastwirth Graubart einen Knaben habe rituell schächten wollen, und schon gab es hierorts Leute, welche behaupteten, es gesehen zu haben. Herr Graubart soll den Knaben geknebelt, ihn in ein Zimmer geschleppt und dort aufs Bett geworfen haben, wo er die Hand erhob und den rituellen Schächterschnitt ausführen wollte. Mit diesen schaurigsten Ausschmückungen wurde die Anschuldigung gegen Graubart und seine Glaubensgenossen verbreitet. Dieses Märchen wurde natürlich der gerichtlichen Behörde übermittelt, und nachdem gegen 40 Zeugen vernommen worden waren, ging dem Herrn Graubart von der Staatsanwaltschaft dieser Tage die Mittheilung zu, daß das Verfahren gegen ihn eingestellt ist. Veranlassung zu diesem Falle geben folgende Einzelheiten: Die Frau des Herrn Graubart kaufte von einer Landfrau zwei Tassen, die mit Butter gefüllt wurden, denn dort ist es noch üblich, daß die Leute die Butterin Tassen zum Verkauf bringen. Am nächsten Markttage sandte nun die Verkäuferin ihren 12 jährigen Sohn zu Frau Graubart, um die Taffen abzuholen. Herr Graubart war allein im Laden anwesend und wußte nicht, wo die verlangten Tassen aufbewahrt waren. Er ging deshalb in den Hof, um seine Frau darnach zu fragen und verschloß während dieser Zeit die Ladenthür. Der Knabe blieb nun allein im Laden, er fing, wahrscheinlich aus Furcht, daß er allein war, laut zu weinen an, und dieses laute Weinen ist draußen gehört worden. Da es gerade Wochenmarkt war und dieses Haus am Markte liegt, so sammelten sich schnell eine Menge Menschen vor dem Hause, und dieses gab Veranlassung zu dem Gerücht. Ueber die Ursache des Weinens befragt, konnte der Knabe anfangs gar keine Antwort geben, bald aber schien er sich in der Rolle eines Märtyrers zu gefallen und war nahe daran, von unfern Antisemiten heilig gesprochen zu werden. Herr Graubart wurde' deswegen mit einer Anklage wegen Freiheitsberaubung bedacht; dieselbe ist, wie bereits mitgetheilt. von der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen worden, und will Herr Graubart nun gegen die Verbreiter energisch vorgehen.

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