Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228195--53255-3258924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
60. Jahrgang. Ar. 46. Weira ge Dev ßerltn, 13. Wooen.bcr 1896. zur „Attgerneinen Zeitung öes Iuöentkurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 61. Berlin, II. November. Die letzte, am 8. d. Mts. stattgehabte Sitzung der Repräsentantenversammlung knüpfte in ihrem wesentlichen Theil an eine Sitzung an, die am 28. Juni d. I. stattgesunden hatte. In jener Versammlung war, wie erinnerlich, von Herrn Professor Lewin Einspruch dagegen erhoben worden, daß der zur Verlesung gebrachte Bericht über das Reichenheimsche Waisenhaus den in der Anstalt herrschenden Gesundheitszustand als einen guten bezeichnet hatte. Herr Lewin wollte im Gegentheil an der Hand des Zahlenmaterials den Beweis erbringen, daß die hygienischen Verhältnisse daselbst keineswegs ein solches Prädikat verdienten. Die Folge war, daß die Repräsentanten, von dem Gedanken geleitet, daß man über derartige öffentlich ausgesprochene Zweifel nicht zur Tagesordnung übergehen könne, beschlossen, den Vorstand zu ersuchen, durch eine aus Sachverständigen gebildete Kommission die gesundheitlichen Verhältnisse im Reichenheimschen Waisenhaus einer Prüfung unterwerfen zu lassen. Dementsprechend war geschehen. Die Kommission, aus den Professoren Senator und Baginsky, den Geheimräthen Dr. Boas und Marcuse und den Sanitätsräthen Wiesenthal und Lazarus bestehend, hatte unter Zuziehung des Professor Lewin getagt. Das Ergebniß ihrer Untersuchung hatten die Herren in einem Protokoll niedergelegt, dessen Inhalt nun in der letzten Sitzung die Repräsentanten beschäftigen sollte. Aus dem Protokoll ging hervor, daß die Enquete über zwei Punkte Aufklärung schaffen sollte: Einmal über den Gesundheitszustand der Zöglinge und sodann über die Beschaffenheit der Baulichkeiten. In beiden Fällen war die Kommission zu dem günstigsten Urtheil gelangt, dem die Sachverständigen folgende Fassung geben: 1. Der Gesundheitszustand der Kinder ist ein durchaus befriedigender. 2. Es liegt keine Ursache vor, bauliche Veränderungen vorzunehmen. Dieser von den Sachverständigen einhellig abgegebenen Erklärung gegenüber sollte es, Dank der unbezwingbaren Zweifelsucht des Professor Lewin, dennoch zu erregter Debatte kommen, in welche die Professoren Senator und Baginsky eingriffen, um als Aerzte und Hygieniker Herrn Lewin entgegenzutreten. Herr Rudolf Masse wies nach, daß die Krankheitsfälle im Reichenheimfchen Waisenhause deswegen so hoch erschienen, weil, wenn dort ein Kind erkrankt, es natürlich sofort ins Krankenhaus gebracht werde; selbst geringe Unfälle und wiederholte Erkrankungen eines und desselben Kindes werden im Laufe eines Jahres als besondere Krankheitsfälle verzeichnet. Er habe gegen die Beschaffenheit der betreffenden Baulichkeiten nichts auszusetzen; in dem von ihm gegründeten Waisenhause, das doch nach allen Anforderungen der Hygiene eingerichtet ist, befänden sich ebensolche Baulichkeiten wie im Reichenheimschen, die sehr gut sunktioniren. Nur die Badeeinrichtung müsse allerdings eine Verbesserung erfahren. Professor Senator erklärte, daß der Gesundheitszustand im Reichen-' heimschen Waisenhause günstiger sei als in anderen derartigen Anstalten; auch die Beschaffenheit jener Baulichkeiten gebe keinen Anlaß zur Klage. Er finde es sehr richtig, daß die Kinder dort eine einfache bürgerliche Erziehung erhielten und nicht von übertriebenem Luxus umgeben seien. Hierauf wendete sich Stadtrath Dr. Weigert mit einer vernichtenden Kritik gegen die Behauptungen des Professors Lewin. Er meinte, wenn wir unser Leben blos nach den Theorien der Hygieniker gestalten wollten, so würden wir überhaupt weder Lust noch Licht haben. Nur praktische Erfahrungen, die den die Kommission bildenden Aerzten nicht abzusprechen seien, können hier mitsprechen, und auch er maße sich ein Urtheil zu und behaupte, daß die Einrichtungen im Reichenheimschen Waisenhause ebenso gut seien wie irgend anderswo; er verweise auf die städtischen Schulen, deren Baulichkeiten ebenso beschaffen sind. Im Uebrigen dankt er dem Professor Lewin ironisch, daß er durch seine Anklagen die Gelegenheit gegeben, dieselben als aus der Luft gegriffen zu bezeichnen. Auch Sanitätsrath Dr. Blumenthal wandte sich gegen Professor Lew in und bedauerte dessen Ausfälle gegen einzelne Mitglieder der Versammlung, die aber von diesen in würdigster Weise zurückgewiesen wurden. Die Versammlung machte nunmehr die Erklärung der Sachverständigen zu der ihrigen, indem sie von dem Protokoll Kenntniß nahm und damit die zur Zeit erhobenen Einwände für widerlegt erachtete. Vor Eintritt in diesen Punkt der Tagesordnung hatte der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, abermals Kenntniß geben können von einer Anzahl Schenkungen. So 10 000 Mark von Frau Pauline Zaller, 5000 Mark von Frau Regina Lev ent und 8000 Mark von Kommerzienrath Arons, sämmtliche Schenkungen zu Gunsten des Hospitals. Laut Testament des verstorbenen Herrn Isaak Haberland fallen ca. 95 000 Mark der Alterversorgungsanstalt zu. Eine Reihe von Rechnungsabschlüssen wird gleichfalls erledigt. — Die Fürsorge-Kommission verzeichnet eine Minderausgabe von 930 Mark, die Kommisson zur Speisung von Gefangenen an hohen Festtagen eine Mehrausgabe von 78 Mark und die Quellbadverwaltung eine solche von 81 Mark. Hierauf nahm die Versammlung Kenntniß von der Zustimmung des Gemeindevorstandes zu dem von den betreffenden Testamentsexekutoren beabsichtigten Verkauf einer zum Felix Blumenthal'scheu Nachlaß gehörigen Grundstücksparzelle in der Christburgerftraße. Endlich wurde noch die Summe von 21464 Mark für Schwellenfundamente und Verlängerung der Umfassungsmauern auf dem Friedhof zu Weißensee genehmigt. So endete diese denkwürdige Sitzung, in der stundenlang über die Beschaffenheit gewisser Baulichkeiten debattirt werden mußte. Und das Alles verdanken wir den „neuen Männern", die neues Leben in die Versammlung bringen wollten! L2 Berlin, 11. November. Aus den Litteraturvereinen. Im Berliner Verein hielt gestern Herr Rabbiner Dr. Stier einen sehr fesselnden und mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „die Ehre in der Bibel", auf den wir noch zurückkommen. In Leipzig sprach Karl Emil Franzos über „Fahrende Schüler im Ghetto", in Mannheim Oberlehrer Dr. H. Lewy über „Aberglaube und Judenthum", in Tilsit Rabbiner Dr. Ehrlich über „Rom und Judäa", in Schievelbein Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal über „Judenthum und Vaterlandsliebe", in Ratibor Rabbiner Dr. Blumenthal über : das „Alenugebet und seine Geschichte" und Rechtsanwalt Ollendorf- Bres lau über „die Emanzipationsgeschichte der Juden in Deutschland", in Pr.-Stargardt Rabbiner Dr. Rosenthal-Breslau über „drei Räthselbücher der Menschheit", in München Rabbiner Dr. Werner über „Maimonides und Mendelssohn". Der Münchener Verein hat jetzt sein eigenes Lokal im Hotel Jochsberger, in welchem eine durch Herrn Dr. Merzbacher zur Verfügung gestellte Bibliothek und fast sämmtliche jüdischen Zeitschriften für die Mitglieder zur Benutzung stehen. An jedem Mittwoch Abend ist das Vereinslokal geöffnet; an jedem zweiten Mittwoch im Monat findet Diskussion über ein früher bekannt gemachtes Thema statt. Die Vorträge werden im Saale des Museums, einem der vornehmsten und geräumigsten Lokale Münchens, gehalten. — Auch in Köln ist jetzt ein Lesezimmer und eine Bibliothek eingerichtet, deren Statuten uns mitgetheilt werden. — Der Verein in Essen sendet uns ferner seinen ersten Jahresbericht, aus dem wir das erfreuliche Wachsthum desselben unter der tüchtigen Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Samuel entnehmen. — Die Begründung neuer Litteraturvereine ist projektirt in Duisburg und Krotoschin. ££» Berlin, 10. November. Der Verein jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg ladet seine Mitglieder zur Vereins-! Versammlung auf Mittwoch den 18 November, Vormittags 1t Uhr in : Berlin ein. Die Tagesordnung ist folgendermaßen festgestellt: 1. Referat ‘ des Kollegen Cohn-Küstrin über „die Methodik des jüdischen Religions- > Unterrichts" von Dr. Maybaum. 2. Besprechung über das vom Vorstand des Verbandes jüdischer Lehrervereine gestellte Thema: Auf