Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228195--53254-3258923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Daswar ein neuer schmerzlicher Stich für den arnteu, kranken Greis. Da ist wieder ein glücklicher Vater, der für die Erziehung seines Sohnes so gut wie nichts gethan hatte, der ihm weder Neichthümer noch gesellschaftliche Achtung zu vermachen hatte, ein» unwissender Mensch, der seinem Kind niemals ein geistige Richtung s geben konnte, und er erlebt die reinste und höchste Freude des Lebens., geradeso wie Gutruds Vater, der seine Kinder nackt in die Welt., hinausgestoßen hatte und dabei noch ein lüderlicher Mensch, ein ° Spieler und Säufer war. Fast unwillkürlich rangen sich aus seinem Innern die Worte Jeremias hervor: „Ist denn wohlerwogen der Weg des Herrn?" Es war gut, daß Mordche nicht genug Hebräisch wußte, um dieses Zitat zu verstehen. „Was ist das zuDeutsch, Neb Rephoel?" fragte er in aller Unschuld. In Reb Rephoels Inneren regten sich wieder die bösen Geister, er dachte daran, daß man am nächsten Thorafeste Mordche Wächters Sohn mit dem Titel eines Gemeiudeältesten znm Herumtragen der Thora anfrnfen werde, und am selben Tage machte Max vielleicht einen Jagdausflug in der Gesellschaft des Forstraths und war mit „ihr" zum „Hasenbraten" geladen. „Es ist mir gerade eingefallen," sprach er mit scheinbarer Ge-' lasseuheit, „daß in der Stammtafel der Söhne Sems nur bei den Söhnen Joktans am Schluffe gesagt ist: „Alle diese sind Söhne Joktans." Damit soll gesagt werden, daß die, welche später nachgekommen sind, gerade so waren wie der Erste, der Chazarmoweß heißt, auf deutsch Todeshof, d. h. sie waren alle ein Tod für Jüdischkeit, Ehrlichkeit und Ordnung." Reb Rephoel suhlte sich erleichtert, und Mordche schwieg tiefgekränkt. Er erinnerte sich jenes Ereignisses, welches ihn vor Jahr und Tag zu Reb Rephoels Günstling gemacht hatte. Er erinnerte sich an den alten, kleinen Rabbi mit seinen verkrüppelte!! Händen, der ihm trotz seiner Mißgestalt wie ein Heiliger vorkam. „Einen Menschen kränken," hat der Rabbi gesagt, „ist schlimmer als, Gott behüte, Chasiressen." Mordche spuckte schon bei den Gedanken an das unreine Thier ans. „Es ist besser Unrecht leiden als Unrecht thun," steht auch in der Gemoro^ so hat auch der Rabbi gesagt. Und da sitzt Reb Rephoel über den Büchern seit sechzig Jahren und!veiß es wohl alles auswendig? Wer weiß, wie er sich das zurecht legt? So saß denn Mordche noch eine Weile ruhig auf seinem Stuhle, um' nicht zu Verrathel!, wie sehr er sich durch seines Gönners Reden gekränkt fühle, dann zündete er wieder sein Pfeifchen an und erhob sich. Reb Rephoel schlug das Blatt im Talmud um, damit er recht zerstreut erscheine und — sein Gewissen mahnte — ohne aufzusehen gute Nacht sagen könne. Aber was war das? War es ein göttlicher Fingerzeig oder ein Zufall? Da stand obenan auf dem nmgewendeten Blatte: „Vier Sünden sind es. um derentwillen der erworbene Reichthum in Unrechte Hände übergeht: Vorenthalten des Arbeitslohnes, Herabdrücken des Arbeitslohnes, Ueberwälzen der eigenen Pflichten auf die Schultern Anderer und Hochmuth. Der Hochmuth ist das schtimmste Laster von allen." Er hatte die Stelle schon oft gelesen, aber jetzt traf sie ihn wie eine Stimme von oben. „Mordche!" sagte er, indem er den Talmud schloß, „willst Du schon gehen? Mein Kopf ist heute nicht, wie er sein soll, und bis Mitternacht lernen, wie ich es in früheren Jahren am Hoschaua Rabba zu thun pflegte, kann ich nicht mehr. „Ich bin alt und grau geworden," zitirte er mit den Worten Samuels, und in Gedanken setzte er hinzu: „meine Söhne wandeln nicht in meinen Wegen". Mordche schwankte. „Gehst Dn vielleicht in Schul oder znm Rabbiner in die Snkka wachen?" fragte Reb Rephoel dringender. „Was fällt Euch ein. Reb Rephoel?" ertoieberte Mordche mit großer Lebhaftigkeit. „Seit zehn Jahren habe' ich schon Hoschana Rabba-Nacht keine Schul anfgemacht. Wie der Rabbiner hierher gekommen ist, habe ich ihn gefragt, ob ich.soll Licht machen in Schul. Hat er gesagt, ich soll machen, wie ich will, er kommt nicht, er muß sich die Stimme schonen znm Predigen, und dann halt' er nichts darauf; es ist eine kalaborische Sache, sagte er." „Kabbalistisch wird er gesagt haben," fiel Reb Rephoel ein. „Ich weiß viel," fuhr Mordche fort, „sollen meine Feinde so von ihrem Leben wissen." „Nn, warum willst Du doch schon gehen?" sagte Neb Ncphoel noch dringlicher. „Die Wahrheit zu sagen," erwiederte Mordche zögernd, „ich bin eigentlich gekommen, um Euch um einen Rath zu fragen. Ich glaube aber. Ihr seid heute nicht ganz — gesund, wollte ich sagen — darum lasse ich es doch lieber für ein andermal." „Adrabbe,"*) sagte Reb Rephoel mit ungehenchelter Freundlichkeit. „Wenn ich Dir etwas helfen kann, warum hast Du es nicht gleich gesagt? Obwohl," setzte er nach einer kurzen Pause hinzu,-wobei es schmerzlich um seine Mundwinkel zuckte, „ich manches Mal selber Jemanden brauchte, der mir einen guten Rath gebe." „Mein Awrom, er soll mir leben," begann Mordche,' „ist in Kohol gewählt worden." „Nn, richtig," sagte Reb Rephoel mit einem Gefühle innerer Demiithigung, „ich muß Dir noch „Maseltow" sagen. Ich habe mich darüber gefreut, er wird ein guter Koholsulann werden. Ehrlichkeit ist ihm ein Erbstück." „Ich danke Euch, Reb Rephoel," erwiederte Mordche erfreut, „aber was ich fragen wollte, ist das: Awrom will, ich soll den Dienst aufgeben. Ich bin alt, sagt er. und die Leute werden sagen, er will «uich mit der Khille versorgen. Pitsche, patsche, die Gäus gehen barfüßig?) Er schämt sich, daß sein Vater soll Schammes sein. Ich kann mir aber, gelobt sei Gott, sinein Brod noch verdienen und will es auch, das habe ich ihm gesagt. Aber doch wollte ich Euren Rath hören. Wo Thora ist, ist Weisheit, sagt man." „Mein lieber, guter Mordche," sagte Rephoel mit einer inneren Bewegung, die man an ihm nicht gewohnt war, „dank' Gott, daß Du in der Lage bist, von Deinen Kindern etwas anzunehmen, geradeso wie Deine Kinder Gott danken sollen, daß sie Dir geben können. Was kannst Du Deinen Kindern Besseres wünschen, als daß sie das Gebot, ihre Eltern zu ehren, erfüllen können? Es ist schon so von Gott eingerichtet, daß so wie wir unsere Kinder am liebsten haben, so lange sie uns am nöthigsten brauchen, so haben unsere Kinder uns am liebsten, wenn wir sie brauchen." Mordche war glücklich darüber, daß ihm die Entscheidung jetzt abgenommen war. „Euch habe ich einmal gefolgt zu meinem Guten, so will ich Euch auch diesmal folgen. Gute Nacht." „Deine Hoschanas habe ich Dir noch nicht bezahlt," rief ihn! Reb Rephoel nach. „Damit muß es jetzt aus sein," sagte Mordche, „aber Eure Hoschanas will ich doch alle Jahre machen." „Gutrud!" rief Reb Rephoel, als er in sein Zimmer getreten war, „lösche das Licht in der Snkka ans und vergiß nicht, morgen zwei Flaschen Wein zu Mordche zu tragen." „Schon gut!" rief die Angeredete zurück. „Alles auf Mordche," brummte sie in der Stille, „seine eigenen Leute bekommen kein gutes Wort, und Mordche möchte er ein Schloß kaufen." (Forts, folgt.) i) Ganz im Gegenlheil. 3) Und was schon solche Redensarten sind. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Vauchwitz in Berlin.