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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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weißt, was das ist) seiner Synagoge. Sie ist ein süßes, kleines Ding, und Paul gefallen. anscheinend andere „heiles“ besser, als die „helles lettres“. Nach allem, was Du mir von ihm erzählt hast, erwartete ich nichts anderes von ihm. Der arme Kerl siehtaus seinen Eis - Bandagen zu mir' auf mit einer Miene wehmüthiger Resignation, in Nikolaus AlexandrowitschS Willen, der ihn in diese Welt der Unruhe zurückbringt, nachdem er schon seine Schwingen sprosteu fühlte. Armer Paul! Er ahnt nicht, was' ich schreibe; doch erwirb es überwinden und irgend eine schöne, blauäugige Circassierin Heirathen, die, wie er, Geschmack am Fasten findet und, wenn das Jahr ein immerwährendes Fasten ist, eine' enthusiastische Sehnsucht nach dem Reich Gottes empfinden wird. Er hält es für ein Verbrechen, eine jüdische Jungfrau auzubeten. Abermeine Feder Mt mit niir durch, und unser Patient sieht durstig aus, Profhehai. Lebe wohl! Nikolaus. k. 8. — Es cxistirt nicht die leiseste Gefahr eines Rückfalles — so lange er das Bild dieses diabolischen. Mädchens nicht wieder zu Gesicht bekommt. Und' ich lenke seine Aufmerksamkeit ab. Außerdem hat er seine Leidenschaft endgiltig überwunden. Seine Krankheit war zugleich Siegel und Zeugniß seines unabänderlichen Entschiustes. Ich hörte ihn die Schlußzeilen des Abschiedsbriefes, den er ihr gesandt/ wiederholen. Sie waren das Finale." So — daher Dein Schweigen! Das die Tragödie, die in Deinen Worten: „Ich habe die Schwierigkeiten, die sich mir zuerst entgegenstellten, überwunden." Das war das Motiv, welches Deine Hand leitete, jene bitteren Zeilen über unsere Rasse zu schreiben, so daß eine Verbindung mit ihr, nur in Gedanken schon, absolut ausgeschlossen sein mußte. Jetzt verstehe ich alles, mein armer, überspannter Knabe! Wie magst Du gelitten haben! Wie muß sich Dein Stolz gegen den Gedanken, mir ein solches Geständniß niachen ' zu müssen, aufgebäumt haben, und mit welchem Entzücken würde ich es doch begrüßt haben! Und diese Versuchung mußte Dich gerade heimsuchen zur Zeit, als Du Dein großes Werk über die Ideale des orthodoxen Rußlands veröffentlichen wolltest! Die Wege der Vorsehung find wirklich geheimnisvoll! Und doch kann nun noch alles gut werden, und der Himmel mag mir eine Gnade gewähren, die zu verdienen ich gern mein Leben opfern würde. Es ist undenkbar, daß meines Sohnes Leidenschaft ganz erloschen sein sollte. Solches Feuer, glimmt weiter. Ich will zu ihm und ihm alles sagen. Die Kunde, daß er Jude ist, wird ihn aufs Höchste erregen. Seine Liebe wird von Neuem aufflammen. Liebe als Logik auftretend, wird ihm ins Ohr flüstern, daß die Schranken der ersten Erziehung doch nicht ihn von der Rasse fernhalten können, der er durch sein Blut und durch seines Vaters Glauben angehört. In den Augen dieses Mädchens wird er die Botschaft von Gottes Willen lesen und ich Gottes Botschaft des Friedens "und der Versöhnung. Thränen fließen aus meinen Augen, kaum kann ich sehen, was ich schreibe. Das Glück, welches sich vor mir ausbreitet, ist zu groß. Segen über Dein süßes Antlitz, Rachel' Jacobowna, meine einzig geliebte, zukünftige Tochter! Dir fällt die gesegnete Aufgabe zu, ein schreckliches Problem zu lösen, zwei Menschenleben wieder zusammenzuführen und zu vereinen. Ja, der Himmel ist in der Thai barmherzig. Morgen reise ich nach Moskau. - Donnerstag. — Kann ich es niederschreiben? Nein, der Himmel hat kein Mitleid. Der Himmel lächelt in kalter Klarheit. Die Luft ist schneidend wie Messer. Paul ist wohl, das heißt so wohl, wie ein -Rekonvaleszent sein kann. Er muß ein Herz von Eis haben, i Aber das ist ein Glück bei alledem, was das eisige Geschick gebracht. ' Ich kam in Moskau an und eilte in einer Droschke über die wohlbekannte Brücke zu Pauls Wohnung. Eine seltsame Prozession hielt mich auf. Mehrere Burlaks (Flößer) trugen den Leichnam eines jungen Mädchens, das sich in den eisbedeckten Fluß gestürzt hatte. Ein ängstliches Vorgefühl beschlich mein Herz, aber ehe ich ein Wort äußern konnte, warf sich ein alter, kaftanbekleideter Mann mit weißem, wallendem Bart über sie, zog das Tuch von dem Gesicht, das von wunderbarer/ geheimnißvoller Lieblichkeit war, stieß einen Schrei aus, der noch jetzt in meinen Ohren gellt, umklammerte leidenschaftlich den Körper, erhob sich wieder, murmelte auf Hebräisch 'etwas feierlich und resiguirt, zerriß seinen Rock, bedeckte das stille Antlitz wieder mit dem Tuch und folgte weinend als Letzter der Menge. Und von Lippe zn Lippe, die sich nicht in Verachtung dabei kräuselten, flog dos Gemurmel: „Rachel Jacobowna." Sonnabend Abend. — Heute Morgen schlich ich zur Synagoge, der Anziehungspunkt für argwöhnische Augen. Aus Vergessen entblößte ich meinen Kopf. Jemand bot mir ein Tallith an, in welches ich mich, ungeschickt genug, einhüllte. Der Gottesdienst ergriff mich über die Maßen. Ich habe weder die Kraft noch den Willen, meine Gefühle zu beschreiben. Ich war wieder ein Jüngling. Die dazwischen liegenden Jahrzehnte verschwanden. Rachels Vater sagte Kaddisch. Der Friede Gottes senkte sich auf meine Seele. Paul schläft. Ich ließ Nikolaus sich die nöthige Ruhe gönnen. Ich lese hebräische Psalmen. Nach und nach besinne ich mich wieder auf die Sprache. Montag. Paul ist ans und liest Korrekturen. Ich habe Rachels Vater, der trauernd auf der Erde sitzt, kondolirt. Ich erklärte ihm, daß ich fremd in der Stadt sei und von dem Uuglücksfall gehört habe. Fünfhundert Rubel habe ich der Synagoge gegeben. Die ganze Gemeinde redet über die Generosität des reichen, jüdischen Laudpächters. Glücklicherweise ist keine Gefahr vorhanden, daß Paul mein Thun erfährt. Er ist ein Gefangener; Nicolaus, und ich bewachen ihn abwechselnd. , Ich komme eben von einer Sitzung des „Kolonisations-Vereins für Palästina!" Himmel, welche Ideale leben in diesen Herzen, die angeblich nur von Begierde und Schlauheit erfüllt sein sollen! Ihre Seelen wenden sich zum Orient hin, wie die Magnetnadel zum Pol. llub wie bemitleiden die Bessersitnirten ihre geringeren Bcüder! Mit welchem Enthusiasmus entwerfen sie Pläne und knüpfen Verbindungen an, um sie über die Grenze in freiere Länder zu bringen, vor allem anderen aber in das Centrnm alles jüdischen Sehnens, in das heilige Land! Wie weinten sie, als ich ihre Finanzen auf einen Schlag verdoppelte. Meine armen, verbannten Brüder! (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.);■ utrud stürmte, mit der Schürze vor den Augen, hinaus, und Reb Rephoel hob das Buch mit der linken Hand in die Höhe und tupfte mit dem Zeigefinger der Rechten auf einer Stelle in den Tossaphot herum, als wollte er sie zur besseren Verständlichkeit modelliren. Mordche, der meinte, daß Reb Rephoel einer Zerstreuung bedürfe, versuchte wieder eine Anknüpfung. „Habt Ihr schon gehört," fragte er, „wie die Wahlen in Kohol ausgefallen sind?"

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