Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter Lotosbüschen liegt es, . Verbirgt sich im Schilfe und Sumpf. Lotosbüsche beschatten es, ' ' .{ Des Baches Weiden schirmen es. Kann man es wohl offenkundig fangen? Stricke durch seine Nase ziehen? Die prachtvolle Beschreibung des Krokodils, die nun folgt, ist aus eillein doppelten Grunde interessant/ erstens wegen der Freude über die Stärke bei dem doch sonst wenig begeisternden Thiere, die einen ungewöhnlich lebhaften Natursinn verräth, dann, weil die alte Leidenschaft, sich imponircn zu laffen.. utib zu imponiren .inmitten der Beschreibung solche Macht über den Berfaffer gewinnt, daß er in das ganz Uebertriebene und Phantastische geräth; das Krokodil wird unter der Entwickelung seiner Eigenschaften zu einem wahren Fabelthier, bei dessen Vorstellung in Feuer und Gewalt geschwelgt wird. Der Anfang ist noch nüchtern : Kannst du wohl den Leviathan mit Haken aufziehen. Seine Zunge mit einer Angelschnur als Gebiß zwingen? Einen Schilfrüig in seine Nase setzen. Seinen Kiefer durch einen Haken durchbohren? Wird er viele Bitten an dich richten. Dir viele sanfte Worte geben? ( Kannst du seine Haut mit Pfeilen füllen. Seinen Kopf mit Harpunen durchbohren? Leg' Hand an ihn. Und du wirst es nicht zum zweiten Male thun! Stol sind die Linien, die seine Schuppen bilden. Schließend, wie ein geschlossenes Siegel. Fest liegen sie aufeinander. Kein Lufthauch kann durch sie dringen. Nun nimmt die ungebundene', morgenländische Einbildungskraft dollen Lauf: / Sein Niesen strahlt das Licht aus. Seine Augen sind wie der Morgenröthe Augenlider Rauch kommt aus seinen Nasenlöchern, Wie aus einem siedenden Kessel. Sein Odem bringet Kohle in Gluth, Lohe schlägt aus seinem Mund. Auf seinem Hals wohnt Stärke, Vor ihm tanzt die Angst. Fest wie Stein ist sein Herz, Hart wie der unterste Mühlstein, - Er versetzt die Tiefe wie ein Kessel ins Kochen, Daß das Meer wie ein Salbgefäß wird. Hinter sich läßt er einen leuchtenden Streifen, Es ist, als ob das Meer Silberlocken bekäme. Nichts auf Erden ist seinesgleichen. Er ist König über alle die stolzen Thiere. , Die Quintessenz der großen göttlichen Donnerrede in Hiob ist i die, daß Gottes Werke verstehen, sein Wesen, seine Pläne und Wege! begreifen zu wollen, eine Ueberhebnng ist, eine Vermessenheit, welche * die härteste Strafe üerbient und nur einem bis znr Verzweiflung Unglücklichen vergeben werden kann, wenn er sich demüthigt und i bereut. /•ä&'Zr —II—) 1--:--*=•=■-—1 l—I l jl FEUILLETON | |*;|| —-11— I-——-— —----- ''-——i l—i ii-— Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Bon I. Zangwill. Autoristrte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell. (Fortsetzung). ienstag. — Himmel habe Mitleid mit Paul. Hier ist Nikolaus versprochener Brief. „Lieber Demetrius! — Ich habe seltsame Nachrichten für Dich. Mein Kommen nach hier ist providentiell — (ich gebrauche das Wort ohne Vorurtheil, wie der Jurist sagt). Aber jetzt ist alles gut und Du kannst das Folgende ohne Unruhe lesen. Vorigen Donnerstag Morgen auf einer meiner zwecklosen Wanderungen in Pauls Umkreis stand ich plötzlich unserem jungen Freund gegenüber. Seine Augen starrten geradeaus, ohne mich zu sehen. Sein Gesicht war geisterhaft bleich und die Limen so hart, als ob irgend ein fester Entschlliß zur Reife gekommen sei. Seine Lippen bewegten sich, aber ich konnte sein Gemurmel nicht hören. Er hielt einen versiegelten Brief in der Hand. Ich sah die Aufschrift. Er war an Dich gerichtet. Die Furcht, daß er Selbstmord begehen und daß dieser Brief sein letztes Lebewohl für Dich sei, durchzuckte mich. Ich folgte ihm. Er brachte den Brief zur Post, schritt wie ein Somnambuler über die Brücke, ohne sich jedoch der Brustwehr zu nähern, ging mechanisch weiter bis zu seiner Wohnung, steckte den Hausschlüffel in die Hausthür und fiel in todtenähnlicher Ohnmacht in meine Arme. Ich trug ihn die Treppe hinauf, erklärte, was passirt sei und brachte ihn zu Bett, und schreibe dieses an seinem Bett. Denn die Krisis ist jetzt vorüber, das Fieber hat nachgelassen, und er hat jetzt nichts zu thun, als gesund zu werden, ob-, gleich er länger damit zu thun haben wird, wie ein junger Bursche in seinem Alter eigentlich sollte. Sein Körper ist durch Fasten und Wachen und Bußübungen geschwächt. Ich fluche der Religion, wenn ich ihn ansehe. Als ob der Kampf des Lebens nicht schon hart genug ist, ohne daß die Menschheit noch durch diesen Aberglauben gefesselt wird. Aber Du willst wissen, was denn passirt ist? Nun Väterchen, batiuschka, was anders als die alte, alte Geschichte? La femme ist — seltsamerweise — eine der lieblichen Frauen unserer Rasse, mein lieber Demetrius! Sie ist eine Jüdin aus einer der orthodoxesten Familien Moskaus, und darin liegt das Kreuz der Situation. (Ich spiele nicht mit Worten, doch dieses Wort ist zu bezeichnend hier.) Selbstredend hat Paul keine Ahnung, daß ich alles weiß, aber seine heißen Lippen verriethen mir alles. Soweit ich seine abgerissenen Aeußerungen verstanden, hatten sie verstohlene Zusammenkünfte, denen auf beiden Seiten heftige Gewissensbisse folgten, — und dann wieder heimliches Treffen. Paul hat sich selbst mit dem heiligen Antonius, ja sogar mit Christus verglichen, den Satan, ee eliek admirable, in der Wildniß versuchte. Aber der arme Bursche muß arg durch seinen Heroismus gelitten haben! Und was sein letzter Entschluß, sie aufzugeben, ihm gekostet, ist nur zu klar. Ich setze voraus, daß er Dir davon in jenem Briefe erzählt hat? Ist es nicht das sonderbarste Ding in der Welt? Rahel Jacobowna ist des Mädchens Name, und ihre Leute haben einen Kleiderladen an der Ecke, ihr Vater ist der Vorsteher (Du