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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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Ü49 zeugen, daß der Verfasser des Buches Hiob die Kugelform der Erde gekannt hat. Ein solcher Schluß ist keineswegs nothwendig, ja er muß sogar unwahrscheinlich genannt werden, wenn man bedenkt, daß der nicht wenig spätere griechische Denker Anaximandros (geb. 610), der zuerst von allen Griechen zu der Anschauung kam, daß die Erde frei im Himmelsraume schwebte, sich dieselbe als einen Säulenstumpf oder einen Cylinder dachte, genauer: ihr die Form des Tambourins gab. Daß der Dichter des Hiob Aegypten besucht hat, ist deutlich genug. Wenn es heißt: Meine Tage sind hingeglitten wie Schilfrohrboote, so verräth dies, daß der Verfasser Rohrboote auf dem Nil gesehen hat. Wenn Bildad sagt: Wächst Papyrus wohl außerhalb der Sümpfe? Kann das Schilf ohne Wasser wachsen? so ist es klar, daß der Verfasser die Heimath der Papyruspflanzen gesehen hat. Besonders erkennt man seine Vielgereistheit aus seinen Schilderungen von Arabiens und Aegyptens Thierwelt. Hier tritt seine scharfe Beobachtung in vielen feinen kleinen Zügen hervor. Die Lebensgewohnheiten bei wilden Thieren, wie dem Löwen, bei Vögeln, wie dem Raben oder dem Strauße, bei Säugethieren, wie der Ziege oder dem Wildesel, bei einem zum Kriegsgebrauch erzogenen Thiere, wie dem Pferde, sind mit Sicherheit und häufig mit Poesie dargestellt. Jehova sagt, um Hiob zu beschämen: Bist du es, der für die Löwin Beute jagt? Der der jungen Löwen Hunger stillt. Wenn sie sich auf ihrer Wildbahn zusammenducken, Wenn sie sich auf Lauer ins Gebüsch legen? Der Verfasser kennt das Treiben der jungen Raben, wie der jungen Löwen: Wer ist es, der dem Naben sein Futter bereitet, Wenn seine Jungen zu Gott schreien Und hin und her fliegen, ohne Futter zu finden? Er läßt Jehova das Leben der Ziegen in folgenden Versen schildern: Kennst du die Zeit, wenn die Steinböcke gebären? Giebst du Acht auf die Hindin, wenn sie kälbert? Kennst du die Monate, wann sie schwanger gehen? Weißt du die Zeit, wann sie gebären? Sie bücken sich, gebären ihre Jungen Und sind von ihren Wehen befreit. Die Jungen gedeihen, wachsen im Freien, Laufen fort und kommen nicht mehr zurück. Man gebe wohl auf den naiven Widerspruch Acht, daß der Verfasser darüber so gut Bescheid weiß, wo er doch gerade den Menschen unwissend sein läßt uitb Jehova allein wissend. Von dem Wildesel heißt es: Er verlacht das Lärmen der Stadt, Er hört nicht des Treibers Zuruf. Er streift in den Bergen umher, wo er Nahrung findet, Er suchet dort Alles, was grün ist. Der Strauß wird auf folgende Weise geschildert: Der Strauß schlägt munter mit den Flügeln. Kennt er wohl die Empfindlichkeit der Federn und Flaumen? Nein, der Erde läßt er seine Eier zurück. Und im Sande läßt er sie wärmen. Er vergißt, daß Füße auf sie treten können. Daß sie von wilden Thieren zerdrückt werden können. Er ist hart gegen seine Jungen, als wären sie nicht sein. Kümmert sich nicht darum, daß seine Mühe umsonst sein kann?) Denn Gott hat ihm die Weisheit geraubt. Er hat ihm nicht Verstand gegeben. Aber wenn er in Eile vorwärts läuft, Verlacht er das Pferd und dessen Reiter. Doch alle diese kurz gefaßten Schilderungen werden durch die inspirirte Schilderung des Kriegshengstes übertroffen. Die volle Freude über die Schönheit des Thieres findet man hier: Bist du es, der dem Pferde die Kraft giebt. Der seinen Hals mit flatternder Mähne bekleidet? Hast du es springen gelehrt wie eine Heuschrecke, Während es durch sein stolzes Wiehern schreckt? Bor Stärke schnaubend, scharrt es in den Boden, Stürzt vorwärts, um den Waffenfeind zu treffen. Es lacht der Furcht und zitiert nicht Und flieht nicht vor dem Schwerte. Auf seinem. Rücken rasselt der Köcher, Blinken die Lanzen und Wurfspieße. Es setzet nach, stürzt weiter des Wegs mit dröhnendem Getöse, Es kann sich nicht zügeln, wenn die Trompete ertönt. Beim ersten Trompetenruf sagt es: Hui! In weiter Ferne wittert es die Schlacht, Der Häuptlinge donnernde Stimmen und des Kampfes Tosen. Keines dieser Thiere wird mu seiner selbst willen beschrieben. Der Zweck ihrer Beschreibung ist: Jehova will Hiob die Unzulänglichkeit seiner Fähigkeiten einsehen lassen, selbst jene Vorgänge, die am einfachsten erscheinen, erklären zu können. Hiob ist nicht im Stande, zu begreifen, was die Eigeiithümlichkeit des Löwen, des Straußes, des Pferdes bewirkt. Er hat sie ihnen ja nicht gegeben. Und für die Auffassung des israelitischen Alterthums ist Macht und Wissen das Gleiche, zwei Seiten ein und derselben Sache. Als Jehovah das Wort zum zweiten und letzten Male nimmt bringt er zwei Thiere aus Aegypten vor. das Nilpferd und das Krokodil, vor welchen der Mensch Furcht empfinden muß, und hier tritt stark die Unvernunft hervor, daß der Mensch den herausfordern will, der sie erschaffen hat. In dem ersten Falle muß Hiob also seine Unwissenheit einräumen, in dein zweiten seine Ohnmacht. In dem ersten Falle kann er sich damit begnügen, die Beschränktheit seines Verstandes einzugestehen im Vergleiche zu Jehovas allumfassendem Wissen. In dem zweiten muß er seine Menscheuschwachheit im Vergleiche zu der ungeheueren Stärke zweier unförmlichen Thiere bekennen. Es liegt in der Schilderung des Nilpferdes eine Nalurbeobachtimg, die an die Darstellung von Thieren auf assyrischen Reliefen oder an ägyptische Thierstatuen erinnert. Sieh' auf das Nilpferd, das ich so gut wie dich erschaffen habe. Das Gras wie der Ochse frißt. Seine Kraft ist in seinen Lenden, Seine Stärke in des Bauches Muskeln. Sein Schwanz ist fest wie ein Cederbaum Die Sehnen seines Bugs sind ineinander verschlungen. Seine Knochen sind Kupferrohr. Seine Nippen Eisenstangen. Es ist das gewaltigste von Gottes Geschöpfen, Sein Schöpfer hat ihm sein Schwert (Hauzähne) gegeben. 0 Die Mühe, die Eier zu legen.

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