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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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Vt*. --<V J\£ WWWWWW 548 weil er den Willen, deffen Objektivirung der menschliche Leib ist, zu einem übersinnlichen (metaphysischen) Prinzip macht, das unveränderlich ist. Darum ist nach Schopenhauers Lehre weder eine Besierung in der Welt, ein Fortschritt möglich, noch eine Erhebung des Individuums. Sittlichkeit ist ein Traum, das mystische Prinzip des Mitleids ist die Grundlage der Moral bei Schopenhauer?) Schopenhauer tadelt Kants tiefsinnige Lehre, der die Moral auf Erkenntniß beruhen läßt, das Mitleid ist angeblich angeboren, man, kann es sich nicht geben und nicht nehmen. ' Das Judenthum dagegen legt dem Menschen die schwere Last' auf, seine niedrigen Triebe zu beherrschen, das Thier, das in Jedem steckt, zu bändigen, aber Du kannst ihr das Haupt zertreten." Dieser Aufgabe dienen die erwähnten, im gewissen Sinne asketischen Vorschriften des Talmuds, die bei jeder Verrichtung, beim Erheben und Niederlegen, den ganzen Tag über, ja das ganze Leben lang den Menschen begleiten, damit er „heilig" sei und „heilig" bleibe. Die Erfüllung dieser Anforderungen der Heiligkeit ist den meisten Menschen. Juden und Nichtjuden, unmöglich, und aus der individuellen Unmöglichkeit macht man sich eine allgemeine, um über das persönliche Mißlingen zu trösten. Hier liegt der Ursprung der Lehre von der Erbsünde, von der angeborenen, unveränderlich bösen Natur des Willens, von der Erlösung aus zweiter Hand, vom Pessimismus. Diese Weltanschauungen sind Selbstbekenntnisse, sind individuell und haben gar keinen Anspruch auf Allgemeingiltigkeit. auch wenn sie zu Bünden anschwellen und sich als Philosophie ausgeben. Das Räthsel des Lebens hat für Jeden feine eigene Lösung. Schopenhauer beruft sich immerfort, um die' Machtlosigkeit des Einzelwillens gegenüber dem Schicksal hervorznheben, auf Lord Byrons, der aber nach seinem eigenen nicht mißzuverstehenden Geständniß an seiner Willensschwäche zu Grunde ge-, gegangen ist, ebenso auf allerhand Leute, die, genau wie er selbst,^ für ihre eigene Schwäche das Schicksal verantwortlich machen. Man sollte daher endlich einmal aufhören, diese Weltanschauungen für mehr zu halten als Selbstbiographien. Die sich nicht von vornherein als solche geben, schämen sich der Person ihres Darstellers.^ Das ist das wahre Wesen der pessimistischen Philosophie! Ein?. Bekenntniß der Schwäche, der Unzulänglichkeit! Die Philosophie Schopenhauers fällt auch unter dies Urtheil, obwohl sie im Einzelnen vieles Vortreffliche enthält. Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch, wenn er Zahnschmerzen hat, von der Werthlosigkeit der Welt tief durchdrungen ist. Die Weltschmerzphilosophie ist die Anschauung unzulänglicher kranker, Personen, die ihrer inneren Zerrissenheit nicht Herr werden können. Halten wir uns an die Lehren ganzer und gesunder Männer, die immer noch werthvolle Aufgaben im Leben zu erfüllen fanden, und überlassen wir Diejenigen sich selber, die, weil sie hinken, meinen, auch alle andern Leute dürften nur ungleiche Beine haben! *) Vergl. Schopenhauers Grundlage der Moral in: „Die beiden Grundprobleme der Ethik." 2) Die Stelle aus Lord Byron (Don Juan V. 17) lautet : „Zudem wäre, gegen unser Schicksal anzukämpfen, ein Kampf, wie wenn die Garbe sich der Sichel widersetzen wollte." (Parerga II. S. 463.) Ein zweites Beweismittel Schopenhauers an dieser Stelle (aus Shakespeare, Was Ihr wollt. Akt I. Schluß): „Jetzt kannst du deine Macht, o Schicksal zeigen: Was sein soll, muß gestehn, und keiner ist sein eigen." ist für seine Sache höchst unglaublich. Es ist doch die Beschönigung weiblichen, schwachen Nachgebens. Aas Buch Hrsb. Von Georg Brandes. VII. kommen den Lebensverhältnissen des Dichters noch näher, wenn wir auf die Art seiner Kenntnisse achten. Dabei entdecken wir, daß er Reisen unternommen und nicht nur auf Aegyptens und Arabiens Naturverhältnisse und äußeres Leben geachtet hat, sondern auch Antheil an der Kultur dieses Landes gehabt hat. Zuvörderst an dessen astronomischer und astrologischer Kenntniß. Schon zu Beginn der Dichtung wünscht er. das; die Beschwörer seinen Geburtstag verfluchen sollen, die Beschwörer, die die Sternbilder des Drachens über den Horizont zu heben vermögen und dadurch Sonnenfinsterniffe herbeiführen. (In allen Mythologien des Morgenlandes kommt ein Drache vor, der ständig auf dem Sprunge steht, sich zu erheben, um die Sonne zu verschlucken.) Der Dichter kennt die Sternbilder. Es wird von dem großen Bären gesprochen, von dem Siebengestirn, von dem Riesen (wahrscheinlich Nimrod), unserem Orion. Immer wieder kehrt das Drachensternbild zurück. Gegen Schluß der Dichtung sagt Jehova: Bist du es, der die Sternbilder auf zum Himmel führt. Jedes zu seiner Zeit, Und der den großen Bär mit seinen Jungen treibt? (Die Jungen sind die drei Sterne, die dessen Schwanz bilden.) Hier findet man auch weitere Hindeutungen auf die unter den Arabern so verbreitete Sternenverehrung, wie auch Hiob sich dagegen vertheidigt, daß er eine Handbewegung gemacht habe, die die Sternenverehrer gebrauchten: Hat mein Herz sich vielleicht heimlich verführen lassen. Und Hab' ich meine Hand zu meinem Mund erhoben? Dies würde eine Hauptschuld gewesen sein. Denn damit würde ich Gott aufs Höchste verhöhnt haben. Hier kommen auch einzelne, rein mystische Vorstellungen vor: Er wird von seinem Zelt, seinem Trost weggerissen Und wird vor der Schrecken König geführt, oder die Wendung in der Schilderung von des Herrn Kampf mit dem Unwetter: Sein Hauch reinigt den Himmel, Seine Hand verwundet die flüchtende Schlange. Hier ist der Blitz nach einer uralten mythischen Vorstellung wie eine sich flüchtende Schlange aufgefaßt. Mythisch ist fernerhin dieser Zug: Wer hat das Meer mit Thüren verschlossen. Da es der Erde Mutterleib entsprang? Aber zuweilen kommen auch merkwürdig richtige, tiefsinnige Vorstellungen über die Natur vor, von denen man annehmen kann, daß sie ägyptischer oder arabischer Weisheit entstammen. Man kann zwar nicht klar ersehen, wie die alten Hebräer sich die Form der Erde dachten; aber Stellen in Jesaias wie in Hiob weisen darauf, daß sie die Oberfläche der Erde als zirkelrund betrachteten. Wenn von der Grundlage der Erde oder deren Stützen gesprochen wird, so ist dies zuweilen vielleicht nur poetischer Sprachgebrauch; aber höchst auffallend ist nichts destoweniger eine Stelle im Buche Hiob (XXVI, 7), wo die Erde frei im Himmelsraume schwebt, ohne durch irgend etwas aufrecht gehalten zu werden. Er breitet den Nordwind über das Leere aus. Er hänget die Erde an Nichts. Lord Bacon ließ sich, wie aus seinem Werke „De dignitate et augmentis scientiarium“ hervorgeht, von dieser Stelle sogar über-

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