Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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547 fortleuchtet, nachdem sie (für einen Theil der Erde) untergegangen ist, ein Symbol für die Fortdauer der Seele. Ferner verzeichnet Schopenhauer, daß Goethe sich zustimmend zu dem Grundgedanken seines Hauptwerkes: „Die Welt als Wille und Vorsehung" geäußert habe^ Daß diese Zustimmung wohl nur eine sehr allgemeine und bedingte gewesen sein kann, geht einmal hervor aus den schon angeführten Stellen im Faust, ferner fällt Goethe über die Pessiinisten einmal folgendes vernichtendes Urtheil: Der Gotteserde lichten Saal Verkehren sie zum Jammerthal, Daran erkennen, wir geschwind. Wie jämmerlich sie selber sind! Und ein andrer Goethe'scher Vers, den Schopenhauer einmal selbst anführt, lautet: - Nach seinem Willen leben ist gemein. Der Edle strebt nach Ordnung und Gesetz! Die Grundlage der jüdischen Sittlichkeitslehre ist freilich der von Schopenhauer als „ruchlos" bezeichnete Optimismus. Aber wie sollte wohl eine brauchbare Sittlichkeitslehre anders als optimistisch feilt? Schopenhauer ist iinmer und immer wieder ergrimmt darüber, , daß der jüdische Optimismus, so weit er ins Christenthum übergegaugeu ist, von den Staatslenkeril und Regierenden in Europa auch in der Philosophie so sehr protegirt wird. Dabei ist er scharfsinnig genug, zu erkenlien, daß im Christeuthum eigentlich zwei gäilzlich heterogene Elemente mit einander verbunden sind, die Welt- ' flucht und Weltverueiuung der Inder und des Orients und die jüdische Weltbejahuug, der Optimisnius, aus lvelchem die jüdische Energie, Zähigkeit und Erhaltung im Kampf ums Dasein entspringt. Altes und neues Testament sind nach Schopenhauer durchaus nicht zusalnnlengehörig. Das ist richtig. Aber die Juden sind bereits Vorläufer der Engländer und Amerikaner mit ihrer.weltbejahenden Lebenszähigkeit, sie sind die wahren Europäer, im Gegeilsatz zum wellflüchtigen, fleischtödtenden, lebensfeindlichen Asiatenthum, das aus Trägheit und Schwäche entspringt. Es ist mehr als ein Zufall, daß gerade die Engländer, die europäischen Juden (der Gesinnung nach), Indien, die Heimath des Büßerthums und der Verneinung des Willens zum Leben, erobert haben. Der Geist der Juden ist objektiv, nach außen gerichtet, voller Erkeuutuiß des Thatsächlichen, darum wissenschaftlich unb das Anschauliche liebend, dramatisch. Der indische Geist ist träumerisch, llach innen gewandt, subjektiv, lyrisch, abstrakt, spekulativ, metaphysisch. Die Juden passen sich den äußeren Lebensbedingungen an, erkennen die Außenwelt unb erhalten dadurch ihren Stamm, die subjektive Verranntheit dagegen stößt sich an den unbesieglicheu. äußeren Verhältnissen den Schädel ein. Nun wird es verständlich, warum Regenten den jüdischen Optimismus als Lebensanschanuug pflegen. Sie haben etwas zu erhalten und zu überliefern! Alle lebensfeindlichen Personen und Nationen mit pessimistischer Grundrichtung des Denkens weiht die Natur dem Untergänge, um die lebensbejahenden an ihre Stelle zu setzen. . Freilich besteht zwischen der jüdischen und der asiatisch-schopenhauerschen Lehre ein nicht auszusöhnender Zwiespalt, aber war es darum nöthig, die Juden, die Träger dieser Lehre, den Völkern und Regierungen als Fremdlinge zu denunziren, um den schon halb und halb erloschenen Haß gegen die Juden aufs Nene anznfacheu? Das war nicht menschlich, nicht edel, , nicht philosophisch! Wir Menschen haben nur Werth als Träger von Ideen. Schopenhauer kann vielleicht bewirken, daß in Deutschland die Juden bedrückt, benachtheiligt werden. Seine Lehre wird keinen Vortheil davon haben, denn schon sind andere Nationen da, sie zu bekämpfen. Der vergiftete Pfeil fliegt aus den Schützen zurück! Schopenhauer würdigt auch gar nicht den Umstand, daß die Elemente seiner Lehre bereits sämmtlich im alten Testament enthalten find. Mit Bezug auf die Natur des Willens zum Leben, den .Schopenhauer ebenfalls als böse, als etwas, das nicht sein sollte, hinstellt, heißt es im alten Testament : „Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." (In der Motivirung des .Regenbogens als Bundeszeichen zwischen Gott und Menschen.) Ja, die Uebereinstimmung geht so weit, daß hier das Herz erwähnt wird, chas nach Schopenhauer ebenfalls das Centralorgan des Willens ist. Die Stelle (Gespräch Gottes mit Kain): „Die Sünde lauert vor Deiner .Thür", habe ich bereits erwähnt, ebenso bestand bei den jüdischen .Weisen bereits die Auffassung des Todes als des höchsten Gutes. .(Siehe später?) Das „Leiden der Welt", bei Schopenhauer hervorgerufen durch den Widerstreit des Willens zum Leben, der in jedem .Individuum der gleiche ist, ist in der Bibel motivirt durch den Sündenfall. Schopenhauer verlegt freilich die Sünde vor die Geburt. Die .größte Schuld des Menschen ist, daß er geboren ward, heißt es bei ihm. ' Uebrigms ist es ein Mißverständniß, wenn man dem jüdischen Optimismus unterschiebt, er sehe die Welt sehr rosig an, halte diese' .Welt im Sinne Diderots für die beste aller Welten. Selbst .Schopenhauer als Philosoph wird doch das Schöpfnngswort: „Siehe cha, es war sehr gut," nicht so wörtlich nehmen? Und die Inden .hatten wahrhaftig fast zu allen Zeiten von allen Völkern am 'wenigsten Anlaß, die Vortrefflichkeit der Welt zu rühmen! Der jüdische Optimismus ist vielmehr ein Meliorismus, eine Tendenz. Lum Fortschreiten, keine Schilderung eines bestehenden Zustandes. .Das jüdische Ideal des Friedens, des Fleißes, der Gerechtigkeit, da die Schwerter verwandelt werden in Pflugscharen und das Lamm mit dem Wolf friedlich weidet, die Erde voll sein wird der Erkenntniß Gottes, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt, — liegt in der Zukunft. Nur diese nicht zu ertödtenden Ideale haben das jüdische Volk während der jahrhundertelangen Nacht des Mittelalters aufrecht erhalten. Vielleicht hätte Schopenhauer nicht so völlig wegwerfend über die jüdischen Lehren geurtheilt, wäre ihm eine Deutung des Wortes: Siehe da es war sehr gut?) bekannt gewesen, die seiner „Verneinung des Willens zum Leben" nahe kommt. Sehr gut sagten die Weisen, das ist der Tod! Schopenhauer kommt auch mit logischer Nothwendigkeit schließlich hei der Erlösung von dem „Hebel des Daseins" an. Sie geschieht .durch die „Verneinung des Willens zum Leben" nach erfolgter Einsicht in die Nichtigkeit, in den Trug der Welt, in die Scheinbarkeit alles Glucks (wobei Schopenhauer noch das Malhenr pnssirt, die . Begriffe positiv und negativ für mehr als Worte zu nehmen). Hier nun konnnt die schärfste Trennung zwischen Schopenhauers .Lehre und dem Judenthum. Zwar verwirft er konsequenterweise .auch die Erlösung durch das Opfer eines Andern; die Verneinung des Willens zum Leben, als aus Erkenntniß beruhend, muß individuell sein, Jeder muß für sich diese Erkenntniß machen. In diesem Punkt ist nun Schopenhauer ganz jüdisch, denn auch das Jndenthum kennt eine Erlösung vom nieder» Dienst des (thierischen) Willens, aber Jeder muß . sie verdienen. „Deine Thaten werden Dich .pertheidigen, Deine Thaten werden Dich anklagen," heißt ein jüdischer 'Spruch, und so sagt auch Shylock ganz jüdisch: „Meine Thaten ans mein Haupt."^) Diesen Weg aber hat sich Schopenhauer verlegt, : 1) Auch schon bei den Griechen vorhanden in der Sage vorn Tode der beiden, argivischen Jünglinge Kle ob is und Bi ton.?) Ueber das er sich als Selbftlob Gottes noch extra lustig macht. *) Shakespeare. Der Kaufmann von Venedig. Mt IV, Sz. I.