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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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Freiheit und Gleichberechtigung geben, aber beinahe so philosophisch wie Schopenhauer sagt er: „Nur das Tanzen ans den Märkten sei den Juden nicht gestattet, im Interesse unserer. Kunst." Und warum nun diese aller Philosophie, aller echten Weisheit, aller Menschlichkeit Hohn sprechende Haltung Schopenhauers, dieses öde Schimpfen, dieser absolute Mangel an Fassung und Vornehmheit? Wer in den Kern der Schopenhauer'schen Lehre eindringt, merkt es sehr bald, nämlich weil die Konsequenzen der jüdischen Lehre den Resultaten der Weltweisheit Schopenhauers direkt entgegengesetzt sind! Schopenhauer bewährt hier diejenige Eigenschaft, die sonst das niedere Volk auszeichnet, das aus Unfähigkeit zur Abstraktion immer ein greifbares Objekt, einen Prügeljungen haben muß, das den Boten'die schlechte Nachricht entgelten läßt. Ist Schopenhauer besser als Human, der das ganze jüdische Volk vernichten wollte, weil ein Jude sich nicht vor ihm in beit Staub warf? Vielleicht ist das der Mangel cm „verecundia“ an „Respekt", den Schopenhauer eine charakteristische Eigenschaft der Juden nennt. Wie soll aber auch ein so unphilosophisches Zetern Respekt einflößen? Dys Wesen dieses Zwiespalts zwischen der jüdischen (mosaischen und rabbinischen) und der Schopenhauer'schen Lehre muß mit kurzen Strichen deutlich gemacht werden. Schopenhauer nimmt als inetaphysisches (geistiges) Prinzip der Welt den „Willen" an, der sich in der sichtbaren Welt „objektivirt",. d. h. Gestalt annimmt. Die sichtbare Welt ist eine Objektivation des Willens, jedes lebende Wesen, auch der Mensch ist eine derartige Objektivation, d. h. Verkörperung. Alle Objektivationen außer mir sind meine Vorstellungen, also ist die ganze Welt zunächst nur in meiner Vorstellung vorhanden. So existirt also ini Individuum ein Doppeltes, der metaphysische (übernatürliche) Wille Melt als Wille), der das Wesentliche am Individuum ist (nach Schopenhauer), und die übrige Welt als Vorstellung. Die Summe dieser Vorstellungen bildet den Intellekt, der aber bei Schopenhauer ein Diener des Willens ist, er ist nur „das Medium der Motive" für den Willen. Ohne Motive kann der Wille nicht handeln, der Intellekt hält ihm diese Motive vor, darum ist er das „Medium" der Motive. Nur beim „Genie" tritt eine Sonderung zwischen dem Willen und -dem Intellekt ein, der Intellekt wird gleichsam vom niederen Dienst des Willens, der immer egoistisch ist, frei, wird zum „reinen Subjekt. des Erkennens" und vermag nun seinerseits das Wesen der übrigen Dinge unbeeinflußt von der Verfälschung seines Inhaltes durch den Willen objektiv , zu erkennen. Das Genie ist nach Schopenhauer ein seinem eigentlichen Zweck untreu gewordener Intellekt. In wundervoller Weise hat Schopenhauer dieses Prinzip z. B. durchgeführt in dem Kapitel: „Die Platonische Idee, das Objekt der Kunst". Schopenhauers Wille ist der Wille*) zum Leben. Das ist ein blinder, veruunftloser Trieb, der über seine Objektivationen, soweit sie im Stande sind zu fühlen, nichts als Leiden bringt. Weil er in allen Objektivationen der gleiche ist, trägt der Wille zum Leben, wie er sich in der sichtbaren Welt offenbart, einen Widerspruch in sich. Das Ergebniß dieses Umstandes ist ein wilder Kampf der Individuen, der Szenen voll wüster Greuel beständig herbeigeführt hat und noch weiter herbeiführen wird. Im Intellekt wird diesem „Willen zum Leben" sein eigener Spiegel vorgehalten. Es ist etwa Mephistos Gedanke: Was entsteht, ist werth, daß es zu Grunde geht. Drum beffer wär's, daß nichts entstünde. Der Zweck der Welt ist, dem Willen seine Nichtigkeit zu beweisen. Die Bejahung des Willens zum Leben, die sich z. B. in dem Trieb zur Fortpflanzung äußert, ist eine Scham für den Menschen, namentlich seitdem er vom Baum der Erkenntniß, nämlich *) Welt als Wifle und Vorstellung, erster Band S. 233. der Nichtigkeit des Lebens, genossen hat. Nur diese Erzählung goutirt Schopenhauer aus dem alten Testament. Er deutet sie so, wie hier angegeben. Anzustreben ist die Verneinung des Willens zum Leben, das indische Nirvana, wo kein Wollen, kein Leben und also auch kein Leiden sein wird. Auf diese Weise negirt Schopenhauer den Fortschritt, die freie Persönlichkeit, die Entwickelung. Das Leben „bedeutet nichts", wie auch Macbeth meint. Es ist eine Geschichte voller Lärm und Toben und werth, daß sie ein Idiot erzählte. Schopenhauer thut sich etwas darauf zu gut, daß er zuerst den Willen zum König im Menschen gemacht hat und den Intellekt zu seinem Diener. Der Wille ist blind, unveränderlich, er hat ja außer der objektivirten noch eine metaphysische Existenz. In der letzten ist er frei,' aber in der anderen dem Satz vom Grunde unterworfen. Schopenhauers Philosophie hat eine sehr bedenkliche moralische Seite. Schopenhauer giebt sich viel Mühe, in seiner groben und hochmüthigen Art zu beweisen, daß der Wille des Menschen sich nie ändert, daß sein empirischer Charakter unzerstörbar ist. Er lähmt durch seine Auffassung alle Einwirkung des' Individuums auf seine angeborene Grundlage, mit einem Wort, er hebt das Thier im Menschen auf den Thron und stellt es zugleich als unveränderlich hin. Schopenhauer kennt nicht das moderne Entwickelungsprinzip. Die heutige Naturwissenschaft hält den Intellekt, die Begriffswelt, da sie sich sowohl in dem Thierreiche wie im Individuum am spätesten zeigt/ für die Krone der Entwickelung überhaupt, und mit Recht. Wohl hat der Intellekt nur die Bedeutung des Steuerruders für das menschliche Schiff, die Affekte, die niederen Seelenthätigkeiten, dasjenige, was Schopenhauer als „Willen" bezeichnet, liefern die Triebkraft; aber ein' Schiff ohne Steuer ist verloren, und eine blind arbeitende Maschine fährt das Fahrzeug auf den Sand, in die Brandung, auf Klippen. Die Begriffe, die der Einzelmensch im Laufe der Erziehung und Entwickelung sich erworben hat, bilden sein „Ich", seine „Individualität", seinen „Willen", nicht die Triebe, wie Schopenhauer meint, die er mit den Thieren gemein hat. Aus der Schopenhauerschen Lehre folgt die Nutzlosigkeit des individuellen Widerstandes gegen thierische Triebe. Sie sind ja der ewig feststehende „Wille". Der Intellekt macht höchstens, daß die Befriedigung dieses Willens in der Welt wie sie ist, ohne Schaden für das Individuum abläuft. — Dagegen lehrt das Schopenhauer so verhaßte Judenthum, daß der Mensch lernen soll, seine Triebe zu beherrschen, alle 619 Ge- und Verbote des Talmuds haben keine Wandere Absicht, als dem Menschen durch beständige Hebung diese Herrschaft des besseren Theils in ihm über den niederen, des „Willens" über das „Thier" zu vermitteln. „Die Sünde lauert vor deiner Thür, spricht Gott zu Kain, aber du kannst ihr das Haupt zertreten." Auch die Existenz des Bösen ist in der jüdischen Auffassung vom gütigen Gott gestattet, als steter Ansporn zum Guten, weil die Welt auf Gegensätzen beruht und diese sie erhalten. Diesen jüdischen Zug hat Goethe in das Vorspiel zum Faust herübergenommen. Schade, daß es dem vielbelesenen Schopenhauer entgangen ist! Er hätte sonst Go ethe vielleicht auch zur Rasse „Mansche!"*) gerechnet. Ich habe Deinesgleichen nie gehaßt, spricht dort der Herr zu Mephisto. Der arge Geist ist ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Der Herr motivirt außerdem noch ein drittes Mal, warum er dem Faust den Mephisto als Genossen giebt. Armer Philosoph! Auch Goethe verjudet! Schopenhauers Verhältniß zu Goethe entbehrt nicht einer gewissen Komik. Schopenhauer erzählt mit Stolz, daß Goethe ein Gleichuiß von ihm entlehnt habe, das Bild von der Sonne, die noch i) Parerga II. S. 398. Anm.

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