Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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544 zu halten, und wenn nur einmal die Herren Bewerber im glückliches Besitze ihrer heißersehnten Mandate sind,. dann magst du, liebes Israel, weiter darüber Nachdenken, welch ein gewaltiger Schritt ist von Gleichberechtigung ans dem Papier und in schönen Tiraden bis zur Gleichberechtigung in der Wirklichkeit.- . Und da wundert man sich, wenn Lei solchen Verhältnissen die Juhen neue Wege einschlagen, wenn sie das thun, was die Arbeiter so groß und so mächtig gemacht, wenn sie sich zu einer Partei orgauisiren. Man hat diesen „Separatismus" „wahnwitzig" genannt. Wir glauben, „wahnwitzig" wäre es, wenn die Juden schönen Versprechungen auf den Seim gingen. Man sieht ja, wie weit es unsere Brüder in der Reichshauptstadt, in dem schönen Wien an der schönen blauen Donau, gebracht. Was dort jetzt an Vergewaltigung von Seite der herrschenden Antisemitenliga geleistet wird, das übersteigt schon das Glaubliche. „Vae victis“, das ist der Nus, mit welchem den Unterworfenen dort von Strobach und Lueger und den mit ihnen verbündeten Jesuiten der Fuß auf den Nacken gesetzt wird. Das ist nicht die Konkordatszeit, die wir da schaudernd vor unseren entsetzten Auge aufblühen sehen, nein, das ist die Zeit des dunkelsten Klerikalismus und des mit ihm Hand in Hand gehenden nuttelalterlichen Rassenhasses! Wenn wir nun nicht wollten, daß solche Zustände auch in anderen Theilen unserer mit Antisemiten so reich gesegneten Monarchie eintreten sollen, und uns frühzeitig vereinigen, um rechtzeitig abwehren zu können, — wer könnte dies für „wahnwitzig" erklären? Oder zweifelt man etwa, daß bei sehr Vielen der gute Wille vorhanden ist, auch in arideren Kronländern unserer Monarchie die Juden in den Zustand geistigen, politischen und sozialen Helotenthums zueückzustoßen? Wenn sich nun bei uns Vereine bilden, die nichts anderes bezwecken, als jüdisches Bewußtsein zu heben und feindliche Angriffe abzuwehren, so glaube ich, sollte man dies nicht „Separatismus", Aufrichtung des Ghettos, und wie alle die billigen Phrasen heißen mögen, neunen. Wir Juden wollen an allen Kulturbestrebungen der Zeit theilnehmen, es würde unserer ganzen Vergangenheit widersprechen, wenn wir es nicht thäten, wir wollen uns aber bei Niemand entschuldigen, daß wir Juden sind, wir wollen nicht tolerirt sein und nicht als „Stimmvieh" benutzt imb mißbraucht werden, wir wollen nichts als Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Man höre nur unsere von Juden gewählten Kandidaten sprechen. Da heißt es immer, ja, wir können die Juden nicht entbehren, denn sonst wäre das „Deutschthum", will sagen, sonst wären unsere Mandate gefährdet, und die bösen Tschechen kämen ans Ruder. Ich habe mich bemüht, alle Kandidatenreden zu lesen (eine Roßarbeit in der That!), habe aber niemals gefunden, daß einer von den ehrenwerthen Mandatshaschern gesagt hätte: Leute, die Inden sind ja sozusagen auch Menschen, die Stenern zahlen, lind dann leben wir ja schier hundert Jahre nach der französischell Nevoliltion, und die Menschenrechte sind dcch auch etwas, und die Spinozas und Kants lind Lessings haben doch nicht umsonst gelebt, darum müssen wir uns schämen, wenn wir es heute so herrlich weit gebracht haben, daß sich bei uns alles um den „Judenpunkt" dreht; ich schätze die Juden llicht, weil sie Wähler sind, sondern weil es ihre Bibel schon vor einigen Tausend Jahren ausgesprochen: Gott erschuf den Menschen in seinem Ebenbilde. Der Kandidat, der so sprechen und danach handeln wird, kann unser aller Zustimmung sicher sein, der wird es bewirken, daß vielleicht sogar diejenigen ihn wählen werden, lvelche unter den gegenwärtigen Verhältnissen sich mit Ekel und Widerwillen von unserem sogenannteil politischen Leben zurückziehen, in dem ja doch nicht der Wille des Volkes, sondern nur der von Advokaten und Millionären und Großgrundunb Fabrikbesitzern zum Ausdruck kommt. — Da liegt's. — Nirgends stoßen die Gegensätze der großen, intelligenten, aber zur Ohnmacht und Schwäche verurtheilten Masse und der wenigen, durch Reichthum insbesondere einporgekommenen Mächtigell so auf einander, wie im Judenthum. Gewiß, der Reiche hat Einfluß und Ansehen. Seine Sache aber ist es, diesen seinen Einfluß und fein Ansehen zum Wohle seiner Glaubensgenossen auch gelterld zu machen. Und was sehen wir? Der Mächtige in Israel, mit wenigen rühmlichen Ausnahmen, wird lucht gerne au sein Jlidenthum erinnert, er fürchtet sich, oben anzustoßen, er sorgt für sich, anstatt, wie eillst der Hohepriester, nicht nur ans sich, sein Haus, sondern auch auf gailz Israel bedacht zu sein. Verschreit es also nicht als „wahnwitzig", wenn sich die große Menge der geistig hervorragendell Judellschaft sammelt, wenn die „Killder der Armen" sich selbst Helsen, da sie sich von den Mächtigen so schnöde verlassen seheil. Es muffen diese sich doch schwer versündigt haben, .wenn sie vor denl Schrei der Erbitterung und Verbitterung, der aus der Mitte unserer Glaubensgenossenschaft mm emportönt, zu erzittern beginnen. Wie habt Ihr, so schallt es ihnen entgegen, die heiligsten Güter des Jndenthums gewahrt? Was habt Ihr gethan, um unser armes, getretenes Judenthum vor dem Spotte und deiil Schimpfe zu bewahren, mit dem es Buben begeifern? Ihr habt die Euch anvertrauten Güter schlecht behütet, wlmdert Euch nicht, wenn nun das jüdische Volk, der jüdische Demos, seine Sache selbst in die Hand nimmt. Wir haben dieselbe Erfahrung mit unseren „Großen" gemacht, wie eillst der Prophet Jeremia, wir wollen auch nicht, daß, um mit Heine zu sprechen, „falsche Freuilde, Furcht und Narrheit unsere Thore bewachen", wir wollen selbst darauf sehen, daß unsere Gemeinschaft feinen Schaden leide. Darum begrüßen wir es mit Frellden, daß „unsere jüngeren Elelnente" eintreten für unser Judenthum. Mögell sie nur ihre Ideen tragen in die breitesteil Schichten unserer Glaubensgenossen! Wir wollen uns liicht separireil; wir bauten jedem Volke für das, was es uns an geistigem Gute gespendet; wir wüilschen, daß Friede und Eintracht die Stämnle unseres Vaterlandes verbinde, zum Kampfe gegen das Dunkelmännerthum, zum Kaillpfe für Freiheit und Menschlichkeit; wir wollen aber dabei nie und niemals vergessen, daß wir Juden sind und Juden bleiben. Iwri. Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner in Belfast. ielen wird es wohl wunderlich erscheinen, zu hören, daß das bekannte „Chad-Gadja"-Lied, welches das Finale des Seder-Abends bildet, von einem ellglischjüdischen Novellisten als Stoff zu einem interessanten Fenilletoil verwerthet worden ist. Und doch ist dies eine Thatsache, die deil Lesern der in London erscheinenden Monatsschrift „Kosmopolis" gellügend bekannt ist, da eine der jüngsten Nummern derselbeil in Wirklichkeit ein solches Feuilleton enthielt. Letzteres, welches den Autor der „Children of the Ghetto“, Mr. Zangwill, zum Verfasser hat, ist höchst lesenswerth, uild der Jllhalt sowohl als auch der Stil desselben erinnern lebhaft ail das Heine'sche Fragment „Der Rabbi von Bacharach". Frau Dr. Wedell, die bereits einige von Zangwills Novellen mit großer Geschicklichkeit ins Deutsche übersetzt und in diesen Blättern veröffentlicht hat, wird wohl früher oder später dem fraglichen Feuilleton ihre Auflilerksamkeit zum gleichen Zwecke angedeihen laffen. Von Zallgwitt sprechend,' der unter den modernen englischen Novellisten