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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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543 entsetzliche Elend der Juden in unabsehbarer Weise vergrößern. Was soll aus den Tausenden von Familien werden, die vom Handel mit Wein und Spirituosen - leben? Die von dort kommenden Briefe, die Nachrichten der Zeitungen schildern die Lage^er armen Leute in den trübsten Farben. Wenn es ihnen noch frei stünde, sich in dem Innern des Landes anzusiedeln! Aber es ist ja bekannt, daß sie dazu verdammt sind, in dem Riesenghetto, das ihnen angewiesen ist) zu leben, und wo die Konkurrenz derartig ist. daß die besten Handwerker keine Arbeit finden und sich zu unglaublich lächerlichen Preisen verdingen müssen. Die russischen Behörden sind es, welche allein dem unabsichtlichen Uebel, das sie heraüsbeschwören, abhelfen können, indem sie diesen Unglücklichen die Niederlagen von Wein und Spirituosen anvertrauten; indessen scheint es, daß sie auch dabei die Juden systematisch ausschließen. Eine Frage. Von A. Treu in Münster. ine Frage, keine Frage—ist die Frage: Bleibt der in Ruhestand getretene Lehrer auch nach seiner Amtirung wie während derselben von der Kultus- resp. Gemeindesteuer frei? Vom Gesichtspunkte des Anstandes und der Billigkeit ist das keine Frage. Einige Beispiele aus der Praxis neuerer Zeit zeigen aber, daß es für Gemeinden und Lehrer interessant ist, diesen Gegenstand ins Licht gn rücken. 1. In —da hat ein Lehrer und Kultnsbeamter fünfunddreißig Jahre gewirkt, — bei Freud und Leid allgemein als Familienrath wurde er zugezogen und hat selbstlos geholfen, — für aus der Schule entlassene Kinder sich um auswärtige Lehrlingsstellen oder sonst sich für ihr Fortkommen bemüht u. s. w. Aber eins konnte er nicht, nämlich der Zeit für sich eine Bremse anlegen; so kam er unvermerkt in die Sechziger hinein, und da fand er eines Tages unerwartet — seine Kündigung auf dem Tische, — wie eine Kugel um die Ecke, — und in hastiger Folge lief ein bis dahin ihm unbekannter Gast, der Kultussteuerzettel, hinterher bet ihm ein. Ein fachmännischer Beamter belehrte ihn, diese Steuer sei unberechtigt; sie wurde auch uachgchends vom wohllöblichen Gemeindevorstand erlassen. Der betreffende Betroffene (ein in Lehrerkreisen wie bei seiner Ortsbevölkerung wegen seines biederen Charakters allgemein geachteter Mann) ist pensionslos in den Ruhestand getreten — worden. 2. Ein Anderer in —er hat siebenundreißig Jahre an einem Orte gewirkt, nachdem er vorher neun Jahre anderswo Lehrer und Kultusbeamter gewesen; er trat in den Ruhestand, nach den besonderen Berhällniffen konnte eine Pension ihm nicht abgesprochen werden. Bis dahin von der Gemeindesteuer frei, ereilte ihn bei seinem wohlverdienten Ruhestand das glückliche Loos eines Gemeindesteuerzettels, den er auch seit VI* Jahren bis Dato ohne Murren und ohne Spesenabzug honorirt hat. Nun belehrt ihn aber 3. eine Zeitungsnotiz aus Hohenfriedberg wie folgt : „Nicht allen Geistlichen und Lehrern und anderen Beamten dürfte es bekannt sein, daß laut 8 1 des Gesetzes vom 23. Dezember 1867 Emeriten beim Austritt aus dem Amte von ^Zahlung jeglicher Kommunalabgaben befreit sind, ebenso befreit sind wie während ihrer Amtirung. Ein emeritirter Lehrer zog nach Friedberg und zahlte dort neun Jahre Kommunalsteuer. Nun aber hat das Landrathsamt zu Bolkenhain den Magistrat zu Hohenfriedberg belehrt, daß Kommunalabgaben von Geistlichen und Lehrern auf Grund des angeführten Gesetzes nicht zu erheben seien. Der Hohenfriedberger Magistrat nahm Abstand von der qu. Steuerzahlung und zahlte nun auch die irrthümlich erhobenen Abgaben an den Kantor und Lehrer Prosner zurück. Hierbei bemerken wir noch," schließt die Mittheilung, „daß das gedachte Gesetz au jedem Orte des preußischen Staates, gleichviel wo der Beamte amtirt hat, Anwendung findet." Sollte des Gegenstandes materielle Seite nur ein dürftiges materielles Interesse bieten — der Vorwurf an sich weist auf manche wunde Stelle hin. Nummer 1 mahnt eindringlich wenigstens unsere westfälischen Lehrer: Wirket einmüthig für Euren schon lange bestehenden „Verein für Westfalen und Rheinland". Domizil: Esten, Vorsitzender des Vorstandes: Herr Hauptlehrer Graf-Esten. Dieses Institut hat sich schon bewährt und ist auf dem besten Wege, dem wohlverdienten Ruhestand die drückende Sorge abzunehmen; redet ihm in den Gemeinden ein fruchtbringendes Wort, es kommt den Gemeinden und deren Jugend zum Segen. Lassen wir uns nicht zu Parteiungen, in die Ruhmeshalle für Außenstehende verlocken. Seid gemahnt an die goldenen Worte unseres Kollegen Steinhardt-Magdeburg, zu finden „Zeitung des Judenthums", 31. Juli 1896, S. 363. Das waren dankenswerthe Worte, die sich jeder Lehrer, der es redlich nüt seinem Stande meint, nachachtend merken soll. — SsÄ* Brief aus Oesterreich. Ende Oktober 1896. ie Wahlbewegung ist bei uns in Fluß; so lautet doch die Redensart, welche von den verschiedenartigen Zeitungen gebraucht wird, um das Schauspiel zu bezeichum, das nun auf der politischen Bühne dargestellt wird. „Das Schauspiel", Manche nennen es auch ein Lustspiel, und manche Unverbesserliche oder, wenn man will, Unversöhnliche, nennen es sogar eine Posse. Mau kann von den sehr ehrenwerthen Kandidaten für die Landtage unserer Monarchie tausendemale jetzt versichern hören, daß sie das Wohl des Volkes, des „kleinen Mannes", der „Schwachen" und nur dieses Wohl im Auge haben werden. Man höre und staune: manche Kandidaten erinnern sich sogar in dieser Stlmde des Gerichtes der Schwächsten der Schwachen, und man wird nvohl nicht im Zweifel darüber sein können, wen wir unter dieser Bezeichnung verstehen, es, sind unsere Glaubensgenossen, ja es sind die vielgehaßten und doch bei der Mandatswerbnng vielbegehrten Juden, die von unseren Anti-' semiten, lachen Sie aber jetzt nicht, als die Beherrscher Oesterreichs hingestellt werden. Und. da wundert man sich, wenn unsere Irrenhäuser überfüllt sind. ' Ja, wir Juden sind jetzt ein vielumworbener Artikel geworden. Tschechen und Deutsche raufen sich um uns; und selbst unsere ^liberalen" (Ineus a non lucendo) Abgeordneten erinnern sich jetzt daran, — daß sie ja doch eigentlich nur durch jüdische Stimmen gewählt werden. Ist es nicht ein Vergnügen, eine erhabene Freude, m einer solchen Zeit zu leben? Die konfessionelle Gleichberechtigung ist uns in diesen Tagen von so vielen Landtags-Kandidaten, so? oft und in so verschiedenen Tonarten garautirt worden, daß ich mich gffr nicht wundern möchte, wenn wir wirklich schon in der nächsten Zeit einen jüdischen Bezirksrichter oder Schuldirektor oder gar einen jüdischen- Landesbeamten in unserer Mitte begrüßen würden. Leider aber wird uns-so viel versprochen, daß wir glauben, es werde sogar den Allmächtigen unter unseren „Vertretern" unmöglich sein, etwas

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