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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 „Obwohl überall Geldwerth anstatt Geldes gegeben werden? kann, so muß man den Arbeitslohn in Geld auszahlen."' (Tractab Baba Meziali 118a.) ,-Der Arbeiter kann auch in der Mitte des Tages einseitig zurücktreten, denn es steht geschrieben: Die Kinder Israels sollen meine Knechte sein und nicht Knechte der Knechte. ' [Leviticiis $5] (Tractat Baba Kamma 116 b.) - ■ ■ Man vergleiche mit jedem dieser Sätze, was heute Rechtens und soziale Praxis ist, und man wird mit Bewunderung erfüllt werden für den hohen Geist der Menschenliebe, der sozialen Gerechtigkeit und des Freiheitsstolzes, der unsere Altvorderen erfüllte. Wenn unsere heutigen Juden, was gar nicht geleugnet werden soll, von diesem Ideal so erheblich abweichen, wo haben sie es gelernt, wenn nicht in der europäischen Gesellschaft, die es glücklich bis zur Sozial-- demokratie gebracht hat? Die vor unseren Thüren kehren, mögen es lieber vor den eigenen thun. Sie finden dort mehr wegzufegen. -- i ' ■ -f Die Woche. Berlin, 11. November. fie Arbeit der;üdischen Parlamentarier in den verschiedenen Provinzialvertretungen wie im deutschen Reichstage wird später einmal, in einer weniger leidenschaftlich aufgewühlten Zeit, sicher unbefangen und nach ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden. Heute ist dies durchaus nicht der Fall. Deshalb erscheint die Klage mehr als berechtigt, die in dem folgenden, von hochgeschätzter Seite uns aus München zugehenden Briefe, an?, gesichts des Hinscheidens des Abgeordneten Maison angestimmt wird ': Seit dem Jahre 1848 ungefähr sind Juden Mitglieder der Kämmet der Abgeordneten des Königreiches Baiern gewesen. Dr. Morgenstern, Fabrikbesitzer in Fürth, Advokat Dr. Arnheim in Bayreuth, seine .Berufsgenossen Frankenburger in Nürnberg, der auch als Mitglied des deutschen Reichstages Hervorragendes leistete, der jetzige Geheime Hofräth Dr. von Hänle in München, Justizrath Gunzenhäuser in Fürth, dann der pfälzische Notar Adler in Freinsheim, sie Alle waren von Haus aus Juristen. / , t. Während in Baiern auf 35 000 Einwohner ein Abgeordneter treffen soll und die Zahl der baierischen Juden ungefähr 500 000 gewesen seiü wird, hatte nach dem französischen Kriege die Kammer der Abgeordnete^ drei Juden zu Mitgliedern: Frankenburger, Hänle, Adler. 1887 wählten die Wahlmänner der Stadt München in der Person des Kommerzienrathes und Handelsrichters Karl Maison, welcher der. Sohn eines württembergischen Lehrers war, einen Kaufmann israelitische^ Religion in die Kammer, welcher als liberaler Ageordneter die Interessen seines Wahlkreises in hervorragender Weise vertrat; seine glänzenden Reden galten stets Gegenständen, die er vollauf beherrschte, und sie bet wiesen dieses auch durch ihren Inhalt. '[ Die Kämmer verwerthete seinen Scharfblick durch seine Wahl zum Mitgliede des Finanzausschusses. -i Daß er. mit Recht durch das ihm zutheil gewordene Vertrauen Mitglied der Handels- und Gewerbekammer für Oberbaiern, ferner Konsul von Schweden, Norwegen und Dänemark war, haben Diejenigen eingesehen, die seine Thätigkeit verfolgten. Ein frühzeitiger Tod hat die Thätigkeit dieses Mannes unterbrochen, und in der Kammer det Abgeordneten ist jetzt nur noch ein Jude, und dieser ist — sozialdemojkratischer Abgeordneter der Stadt Nürnberg. An Maisons Grabe standen heute der Ministerpräsident und der Präsident der Kammer der Abgeordneten; nachdem der Vertreter der liberalen Fraktion der Kammer einen Kranz unter einer Ansprache niedergelegt hattetrat der Abgeordnete Oberlandesgerichtsrath Geiger mit einem Kranze an das Grab und legte ihn mit den Worten: „Ans Hochachtung Namens der Centrumsfraktion der baierischen Kammer der Abgeordneten" nieder. „Es will Abend werden," sagte der Vorstand der Handels- und Gewerbekammer für Oberbaiern bei der Niederlegung seines Kranzes. Es ist Abend geworden: Denn wo noch im deutschen . Vaterlande ist. jetzt ein Abgeordneter israelitischer Religion, an dessen Grabe einst eine Centrumsfraktion aus Hochachtung ihren Kranz niederlegen wird. - * Die christlich-soziale Partei nimmt immer entschiedenere Stellung gegen den Antisemitismus. In der „Zeit" sprach sich Pfarrer Naumann mit anerkennenswerther Offenheit für die volle, uneingeschränkte konfessionelle Gleichberechtigung aus. In der „Hilfe" schreibt sogar Herr Oberwinder — man denke: Herr Oberwinder! — Folgendes über den Antisemitisnms: „Eine andere Erscheinung der sozialen Bewegung vertreten die agrarischen und antisemitischen Nur-Mittelstandspolitiker. Die leitenden Männer der hier in Betracht kommenden Gruppen bezeugen schon durch ihre arbeiterfeindliche Haltung, daß ihnen das Verständniß für den inneren Zusammenhang der Uebelstände in der Industrie, Handel und Landwirthschaft abgeht. Sie halten zufällige Begleiterscheinungen der wirthschaftlichen Entwickelung, von denen man vielleicht sagen kann, daß sie zur Verschärfung der sozialen Gegensätze beitragen, für die Hauptsachen der sozialen Nvth, indem fie die soziale Frage fast ausschließlich für eine Judenfrage erklären. Daraus erklärt sich auch, daß leitende Kreise in den achtziger Jahren in dem Antisemitismus ein soziales Ablenkungsmittel erblickten und ihm eine Zeit hindurch Wohlwollen entgegen brachten. Aber die Illusionen, welche die Agrarier und Antisemiten in den Kreisen der Landwirthe, Handwerker und kleinen Handelsleute erwecken, müssen unvermeidlich zu Enttäuschungen führen. Und dann werden den von gewandten Rednern auf Grund umfassender Programme ^erzielten agitatorischen Triumphen sicherlich empfindliche Rückschläge folgen." * Eine Warschauer Korrespondenz der „Nowoje Wremja" führt Klage über das stetige Wachsen des jüdischen Elementes in Warschau. Hand in Hand mit diesem Ueberwuchern des Judenthums gehe die Entwickelung einer antisemitischen Bewegung in der polnischen Gesellschaft des Königsreichs, und allein in Warschau zähle man bereits zwei polnische Tageszeitungen und zwei Wochenschriften von ausgesprochen antisemitischer Richtung. Große Sensation habe der seitens einer dieser Zeitschriften geführte Nachweis erregt, daß die in Tschenstochau, dem katholisch-religiösen Centrum des Landes, verkauften Gegenstände des Kultus: Heiligenbilder, Kreuze, Medaillons, Bilder der Mutter Gottes von Tschenstochau, in jüdischen Werkstätten hergestellt werden, und daß die wahren Besitzer, der Verkaufsläden dieser Gegenstände Juden sind. Dieser polnische Antisemitismus ist wohl nur eine Erfindung der russischen Antisemiten. Oder der Wunsch ist hier der Vater des Gedankens. Wenn die Geistlichkeit in Tschenstochau den Juden den Verkauf von Heiligenbildern und Gebetbüchern dort seit Jahrzehnten gestattet, so ist das eben ihre Sache. . * Die russische Regierung hat seit mehreren Jahren die Organisation des Monopols sür Alkohol in Vorbereitung. Zuerst wurde diese große Reform in drei westlichen Bezirken versucht und nun in den Bezirken des Territoriums eingeführt. Niemand wird daran denken, den Fiskus anzuklagen, daß er hierdurch die jüdischen Familien, die vonj der Fabrikation und dem Verkauf von Spirituosen leben, zu Grunde richten will.' Und dennoch wird die Existenz von mehr als 100000 Juden gefährdet; und wenn auch das Monopol einerseits dem Märchen Einhalt gebieten wird, daß den Juden als. Giftmischer der Bauern hiustellt, so . wird es doch, das bereits so

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