Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Pick-dem Dahingeschiedenen in einigen herzlichen Worten auch: seinen über das Grab hinaus dauernden Dank nachrief und das Schluß-: gebet sprach, beides' umrahmt und verbunden durch Gesänge des: Synagogenchors. Mit der Einsenkung des Sarges erreichte die Feier in später Nachmittagsstunde ihr Ende. -* Kp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Zu Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in S"chneidemühl sind die Herren Lippmann,. Sommerfeld, Ansbach, Baumann, Heymann und Dr. Myslowitzer gewählt worden.— Rabbiner Dr. Pleßner in Ostro w o hat auch in diesem Jahre einen Winterkursus für die thätigen Mitglieder des israelitischen' Krankenverpflegungs- und Leichenbestattungsvereins behufs theoretischer Belehrung in Form von Vorträgen für deren praktische Wirksamkeit^ eröffnet. In diesem Jahre nehmen an dem Kursus 16 Gemeindei Mitglieder Theil. — Rechtsanwalt Michaelsohn in Schroda ist zum Beigeordneten jener Stadtgemeinde gewählt worden. — Infolge der Uebersiedelung des praktischen Arztes Dr. Wreschner in Rakwitz nach Berlin ist der Kaufmann und Ziegeleibesitzer Moritz Oettinger daselbst zum Vorsteher der Synagogengemeinde gewählt worden. — In Samter sind jüngst die Herren Louis Wagner, I. Berg, H. Grätzer, M. Holländer, M. Kolenscher zu Repräsentanten der dortigen Synagogengemeinde und die Herren Carl Koerpel und S. Möddel zu deren Stellvertreter gewählt worden. — Am 26. Oktober verschied in Posen der 80jährige Rentier Salomon Heilbronn. Der Verstorbene war 26 Jahre lang Vorsteher der dortigen israelitischen Gemeinde, Mitglied des Vorstandes des „Neuen, israelitischen Vereins für Krankenpflege und Leichenbestattung" und Mitglied der Direktion der israelitischen Waisen-Knaben- Anstalt. — In den Vorstand der jüdischen Schule zu Wreschen sind kürzlich die Kaufleute Hugo Ehrenfried, Leo Radziejewski/Mabbiner Dr. Lewin und Lehrer Cohn gewählt worden. — Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins in Buk hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, an arme Mitglieder der dortigen Synagogengemeinde beim Herannahen des Winters Kohlen zu vertheilen. — Die Wittwe des vor etwa vier Jahren in Ostro wo verstorbenen Kaufmanns Max Jaraczewer hat der Synagogengemeinde daselbst einen Betrag von 200 Mark mit der Bestimmung übergeben, das Geld zur beliebigen Ausschmückung des Synagogenterrains zu verwenden und hierbei in irgend einer Weise das -Andenken ihres Mannes zu wahren. Nunmehr hat der Vorstand der Synagogengemeinde beschlossen, das Terrain vor den drei Eingängen zum Gotteshause mit Cementplatten zu belegen und zwei derselben mit dem Namen des Verstorbenen zu versehen. — In Strzyzew bei Ostrowo hat am 27. Oktober ein jüdischer Gastwirth Namens Warszawski den vierten Theil des preußischen KlasseulotteriegewinneD von 180 000 Mark gewonnen. Warszawski ist entschlossen, jetzt nach Ostrowo zu ziehen, und hat seine Absicht geäußert, von dem Gewinn der Gemeinde in Ostrowo den Betrag von 1Ü00 Mark zur Verbreiterung resp. Verschönerung des nach dem dortigen jüdischen Friedhof führenden Weges zu überweisen. dt=. Gleilvitz, 23. Oktober. Die gestrige Stadtverordneten- Sitzung, die erste nach dem Tode des vieljährigen Vorstehers, trug in ihrem ersten Theile weniger den Charakter einer geschäftlichen, als vielmehr den einer feierlichen an sich. Das Stadtverordneten-Kollegium war fast vollzählig vertreten, auch am Magistratstisch waren alle Plätze besetzt, und sämmtliche Herren waren in Schwarz erschienen. Das Bild des verstorbenen Herrn Stadtverordneten-Vorfteher Sanitätsrath Dr. Freund schaute ans einem Rahmen von schwarzem Flor auf die Versammlung herab. Ein Viertel nach fünf Uhr eröffnete Herr C. F. Neumann als Stellvertreter die Sitzung. Schweigend erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen, und Herr C. F. Neumann richtete etwa folgende Worte an die Versammelten: „Mit schwerem Herzen eröffne ich die Sitzung am Platze desjenigen Mannes, der 27 Jahre lang an dieser Stelle hier treu der Stadt gedient hat. Wenn jemals ein Mann sich das Vertrauen seiner Mitbürger erworben hat, dann ist es Sanitätsrath Dr. Freund gewesen. In seltener Weise verstand er die Würde und Rechte der Versammlung zu wahren, und es wird ihm Niemand den Ruhm streitig machen, daß er den reichsten Antheil an dem so ungeahnt raschen Wachsthum der Stadt in Anspruch nehmen konnte. Aber wie er ausgezeichnet war durch kommunale Tugenden, so war er auch ein guter Staatsbürger. Als Mitglied des Kreistags und Kreisausschusses hat er seine reiche Erfahrung dem Kreise gew'dmet. Ferner hat er als Vorsitzender des Aerztevereins seit dem Bestehen dieser Korporation und in seiner Religionsgemeinschaft ebenfalls an leitender Stelle gewirkt. Die Wahrung , des konfessionellen Friedens war stets sein erfolgreiches Bemühen. Seiner Dankbarkeit gegen sein Gymnasium gab er durch Gründung zweier Stiftungen Ausdruck. Deshalb ist ihm auch die höchste ^Auszeichnung zutheil geworden, die eine städtische Körperschaft verleihen kann, die des Ehrenbürgers und die der Anweisung eines Platzes für sein Bild in diesem Saale zur Erinnerung und Mahnung für kommende Geschlechter. „Und so möchte ich noch einmal," schloß Redner, „dem Dank, der ihm gebührt, an der Stelle, wo er vornehmlich durch Wort und That gewirkt, entsprechenden Ausdruck geben. — Dieser Ausdruck unserer Dankbarkeit möge darin bestehen, daß wir ihm, dem 'geschiedenen Freunde, dem Vorsitzenden unserer Stadtverordneten-Versammlung, dem humanen Menschen, obschon er kurz vor seinem Tode Blumenspenden sich verbat, in Dankbarkeit einen Blumenstrauß anderer Art widmen, Cypreffen unserer Trauer, Ehrenpreis und Rittersporn seinen Verdiensten, Cyanen seiner Treue. Vergißmeinnicht der Freundschaft, weiße und rothe Rosen seiner Menschenliebe gewidmet, mögen diesen Strauß bilden. Das Gelöbniß aber, seine Thätigkeit im kommunalen Leben für uns ein Vorbild sein zu lassen, wöge der Thau sein, der den ihm gewidmeten Blumenstrauß ewig frisch erhält; das Band, das diesen Blumenstrauß umwindet und umschließt, möge die Eintracht und der Frieden sein, die auch uns'verbinden soll zu freudigem Schaffen zum Wohle und'Gedeihen unserer Stadt. — Und so lassen Sie uns jeder Einzelne einen solchen unver- , gänglichen Blumenstrauß seiner Erinnerung weihen, damit das Andenken an diesen braven Mann segenspendend recht lange noch nach seinem Tode für unser Gemeinwesen sei. Dem theuren Todten aber schenke der Ewige seinen Frieden." — Hierauf sprach als Vertreter des Magistrats noch Herr Oberbürgermeister Kreidel den Dank der Stadt und des von ihm vertretenen Kollegiums dem Verstorbenen aus. Es gereiche ihm zur größten Genugthuung, daß es ihm seinerzeit vergönnt gewesen sei, die Veranlassung dazu geben zu können, daß der Verstorbene durch die Wahl zum Ehrenbürger und die Aufstellung seines Bildes in der größtmöglichen Weise geehrt wurde. — Unter Vorsitz des Herrn Oberbürgermeister Kreidel wurde hierauf in kombinirter Sitzung zur Wahl eines Kreistagsabgeordneten an Stelle des verstorbenen Herrn Sanitätsrath Dr. Freund geschritten. Gewählt wurde Herr Rechtsanwalt Lustig. Br. Beuthen O.-S., 23. Oktober. Fräulein Selma Fernbach, Lehrerin an hiesiger jüdischer Stadtschule, ist am 11. d. Mts. Plötzlich und unerwartet auf der Heimreise nach Beuthen während der Eisenbahnfahrt einem Schlaganfall erlegen, der in Myslowitz ihren Tod herbeiführte. Mit ihr hat unsere städtische Kommune eine durch hervorragende Berufstreue ausgezeichnete und mit reichem Wissen sowie vorzüglichem Lehrgeschick ausgestattete Lehrkraft verloren, welche am hiesigen Orte fast ein Viertel-Jahrhundert durch Unterricht und Erziehung der weiblichen Jugend eine überaus segensreiche und von den Behörden stets ehrenvoll anerkannte Thätigkeit entfaltet hat. In allen Kreisen der hiesigen Bürgerschaft hat der Trauerfall überaus schmerzliche Empfindungen erregt. War doch die Heimgegangene ein Muster an Pflichttreue, war sie doch wegen ihres liebenswürdigen, bescheidenen und in jeder Beziehung sympathischen Wesens von ihren Amtsgenossen und den Angehörigen ihrer zahlreichen Schülerinnen sowie von diesen selbst hochgeschätzt und geehrt! So gestaltete sich denn auch das Leichenbegängniß am 13. d. Mts. zu einer imposanten Trauerkundgebung, welche Zeugniß ablegte von der allgemeinen Liebe und Verehrung, deren sich die Verblichene zu Lebzeiten erfreute. Ergreifend war die Grabrede des Herrn Rabbiner Dr. Kopfstein. Im Anschluß an den Bibeltext Genesis 16, 8: Woher kommst du und wohin gehest du? — entrollte der Redner ein Bild ihres Lebens und Wirkens, durch welches sie der Jugend stets Muster und Vorbild gewesen und welches das Geheimniß ihrer großen Erfolge auf dem Gebiete der Jugend - Erziehung enthielt. Erhebende Grabgesänge des Sängerchors der hiesigen Gesammtlehrerschaft gingen der Grabrede voran und schlossen sich an dieselbe an. Noch wenige Minuten — und die Gruft hatte sich über die irdischen Ueberreste der Verblichenen geschlossen, und zahlreiche Kränze schmückten den Grabhügel, welche treue Freundschaft und aufrichtige Liebe als letztes Liebeszeichen gespendet hatten. Möge der Heimgegangenen die Erde leicht sein! . i