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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-06 · Heft 45 (6.11.1896) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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Konnte ich ahnen, was meine Augen lese»; würden, als sie zärtlich auf dem ersten Satz von Pauls Artikel ruhten? Voi (pfui!), es war eine Abhandlung über die „jüdische Frage", giftig, verderblich, beißend, schrecklich! Es war eine mit dem Glanz moralischer Indignation beleuchtete Anklage der Raffe; grausam und schimpflich; doch edel und ehrlich im Ton und in ihren Idealen; niedrig wie die Hölle und rein wie der Himmels die Wildheit eines Torquemada und die Heiligkeit eines Tolstoi athmend. Paul in jeder Zeile mein edler, bigotter, starrköpfiger Paul! Als ich es las, erzitterte meine ganze Gestalt. Leidenschaft und Unwille erhitzten fieberhaft mein Blut. Alle in mir schlummernden jüdischen Instinkte erwachten zu neuem Leben; und ich erkannte mich als den elenden, schwachen Lumpen, der ich in Wahrheit bin. Ist es möglich, daß mein eigener Sohn seine eigene Raffe so beschimpft? Was soll ich thun? Bözslie moi (mein Gott!), was soll ich thun? Wie kann ich solch schrecklichem, unnatürlichem Beginnen Einhalt gebieten? Ich wage nicht, Paul die Augen zu öffnen über das, was er thut. Und doch ist es meine Pflicht. . . Es ist meine Pflicht. Ich fühle es, ich kann es nicht. Himmel, habe Mitleid mit mir! (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Dreizehntes Kapitel. Der Talmud als Mahner. . diese Gedanken zogen durch des Greises Kopf, während er noch immer wortlos über dem offenen Talmud saß und mechanisch die Stelle von der Vorbedeutung der Sonnen? und Mondfinsterniffe las, in welcher der Bettler astronomische Weisheit hatte finden wollen. Der glückliche Bettler! Mit den zusammengeschnorrten Groschen wird er die Tochter verheirathen. Der Schwiegersohn wird auf der Pußta hansiren gehen und niemals dem Schwiegervater Sorgen machen. Der Sohn „lernt" auf der Preßburger Jeschiba und wird in einem ungarischen Nest Rabbiner werden und auch wieder mit einem Buche schnorren gehen oder als Wanderprediger reisen und die Lehre verkünden, daß die babylonischen Nabbinen alles das längst gewußt hätten, was heute als neue Entdeckung der Wissenschaft gepriesen' wird, aber — abfallen wird er nicht. Mordche saß lange, schweigend da. Er kannte derartige Stimmungen bei seinem alten Gönner und wußte, daß es am besten war, ihn in solchen Fällen sich selbst zu überlassen. Endlich, da Reb Rephoel den Blick aus dem Buche erhob, seine Brille auf die Stirne rückte und sinnend nach dem Laubdache emporschaule, wagte Mordche doch die Bemerkung, ob - es nicht besser für Reb Rephoels Gesundheit wäre, wenn er, statt immer zu lernen, heute Abend einen Franzefuß spielen wollte. Mehrere Male schüttelte er wortlos den Kopf, bis er endlich mit einem liefen Seufzer sagte: „Mein Kopf steht mir heute nicht darauf." Und wieder versank er in stummes Brüten, den Blick bald nach oben richtend, als wollte er durch die dünne Laubdecke hindurch in den Sternen die Antwort auf seine quälenden Zweifel lesen, bald wieder seine Augen in das Buch senkend, mechanisch die Worte lesend, ohne den Sinn zu verstehen. Die Thüre that sich auf, und in der Spalte erschien Gutruds Kopf. „Soll ich leben und gesund sein, Herr!" rief sie in einem Tone, der ein merkwürdiges Gemisch von Vertraulichkeit und Unterwürfigkeit verrieth. „Sie haben schon lange genug in der Sukka geseffen bei diesem kühlen Wetter. Es ist Zeit, daß Sie in die Stube gehen. "Die Frau Fanny hat mir erst neulich, als sie hier war, eingeschärft, ich soll es nicht leiden, daß Sie sich so wenig schonen." Das war's, was Reb Rephoel brauchte. Der Blitzableiter war gefunden. „Fürchtet Ihr Euch," sagte ec mit höhnischem Lächeln, „daß zu wenig für Euch bleiben wird, wenn ich lange krank sein werde." Gutrud trat mit einem raschen Schritt in die Stube. Ihr Gesicht war niemals schön gewesen. Blatternarben hatten es früh entstellt, und die Zahnlücken des Oberkiefers konnten auch nicht zu feiner Verschönerung beitragen. Die Herbigkeit des altjüngferlichen ^Gesichtes und die Nachlässigkeit des Küchenauzuges, in dem sie erschien, waren auch nicht dazu geeignet, den Beschauer für sie einzunehmen. Und doch verlieh ihr der gerechte Zorn, der sich in ihren Zügen spiegelte, etwas Jmponirendes. „Was mich augeht, Herr," sagte sie im ruhige,: Tone, „brauche ich mir aus Ihren Reden gar nichts zu machen. Wenn ich auch meine schönsten Jahre bei Ihnen zugebracht habe, ich kann noch arbeiten, Gott sei gelobt und gedankt, und wenn Sie mich morgen ans dem Hause schicken, werde ich wohl noch einen Platz finden, so gut wie Sie eine andere Haushälterin, und wenn nicht, kann ich mit meinem bischen ersparten Gelde zu Freunden gehen und so auch leben. Ich weiß, ich habe immer gethan, was recht ist." fuhr sie unter Schluchzen fort, „und die gute Frau, im richtigen Gau-Eden ruht sie. wenn sie auch in der Wirthschaft gezankt hat, ein kränkendes Wort, das einem das Blut zu Waffer macht, hat sie mir doch nicht gesagt." Gutrud unterbrach sich durch lautes Weinen, und Reb Rephoel, der merkte, daß er zu weit gegangen sei, schob unruhig das Sammtkäppchen auf seinem Haupte hin und her und sagte: „Heißt Geschichten gemacht, Gott soll behüten und bewahren, nicht ein Wort darf man mehr reden!" - „O nein," rief Gutrud, die ihre Stimme wiedererlangt ‘ hatte. . „In meiner Techinne 3) steht geschrieben: Gott soll mich stärken, daß ich ertragen soll auch ungerechte Reden, denn darum hat mich sein Wille, gelobt sei er, als einen Dienstboten erschaffen. Ich bin nur ein Frauenzimmer und habe gar nichts gelernt als ein bischen jüdisch-deutsch Lesen, und das verdanke ich dem guten Red Leeser. der zu uns ins Dorf „schachten" gekommen ist und aus Mitleid, daß ich nicht auswachsen soll wie ein Baum im Wald, und weil ich ihn: das bischen Erdäpfel, das er gebracht hat, gekocht habe, mit mir gelernt hat. Gott soll ihm's zahlen auf jener Welt! Wenn ich aber auch nur ein nuwiffendes Frauenzimmer bin'.und Sie, Herr, sind ein großer Gelehrter, wo sich Jeder wünschen darf einen Theil an seinen Verdiensten, so weiß ich doch, was ich weiß." „Und was weißt Du, was'Du weißt?" fragte Reb Rephoel, ihren Ton uachahmend und froh, daß das 'Gespräch eine andere Wendung zu nehmen schien. „Mein Vater," fuhr Gutrud fort, „war ein blutarmer Mensch; wir haben manchmal nicht trockenes Brodim Hause gehabt./ Die Mutter ist uns früh weggestorben, und wir haben Niemanden gehabt, der uns gelehrt hätte, wie man sich wäscht und anzieht. Selbst die Bauern im Dorf haben Mitleid mit uns gehabt und haben uns hier und da ein Paar Eier oder Erdäpfel oder eine Hand voll Mehl gegeben, weil sie das Elend nicht ausehen konnten. Nun, wie ich mit zwölf Jahren durch Reb Leesers Rekommaudation zu Ihnen ins Haus gekommen bin, hat doch Alles gesagt, ich habe einen Haupttreffer gemacht. Und es war auch ein Glück, auch für meinenVater. Von dem Herrn hat er alte Kleider bekommen, und „ich habe ihm l) Andachtsbuch für Frauen.

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