Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228194--53235-3258903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■< ausdrücklichen Aussage schildert er nur, Ms seine eigenen Erfahrungen ihn kennen gelernt haben: Er löst der Könige Schwertschärpe, Er legt Stricke um ihre Lenden. In Gefangenschaft führt er Priester barfuß. Er stürzet die Mächtigen. Er schüttet Verachtung auf die Hochgeborenen, Er löst der Gewaltigen Gürtel. " Er giebt den Völkern Wachsthum und legt sie öde. ,.■>? Er läßt sie sich über die Grenzen ausbreiten und treibt sie wieder zurück. Er raubt den Höchsten der Erde den Verstand, Er läßt sie umherstreifen in pfadlosen Wüsten. Mein Auge hatall' dies gesehen. Mein Ohr hat es gehört und verspüret. Wenn nun Jeremias das Buch Hiob gelaunt hat, ja wenn nur die Anführung des Namens in Ezechiel der Dichtung gelten mutz, so kann die Umwälzung, auf welche hier augespielt wird, nicht der Untergang des Reiches Juda sein, sondern muß sich — wie schon erwähnt — auf die Eroberung des Reiches Israel durch die Assyrer beziehen. -II ■—H 1--1 1-1 1-' intmnrubimgya llUfflUDifftlHCTa 1 * 1 FEUILLETON | 1 IUI fs —1 H-—-■*.-----1 1-1 1- Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorisirte Übersetzung von Frau Dr. I. Wedel!. (Fortsetzung). ienstag Nachmittag. — Ein Brief von Nikolaus. Es wird das Beste sein, ich setze ihn hierher: „Mein lieber Demetrius, ich hoffe, Du hast mein Telegramm erhalten und Dich wieder beruhigt. Ich hatte ein interessante Reise hierher in Gesellschaft eines Regierungsbeamteu, der sehr stolz auf sein Vaterland und das Stanislauskreuz um seinen Hals war. Einem pompöseren Esel bin ich niemals begegnet; er übertrifft sogar unseren Freund, Prinz Shoubiuoff, in seinen Sonntagskleidern, seine borina (Herrin, Gattin) am Arm. Wie Du Dir denken.kannst, zog ich ihn aus wie ein Telekop. Wenn ich zurückkomme, kann ich Dir manch drollige Geschichte berichten. Nun aber zu Paul. Ich ging sofort zu der Verlagsbuchhandlung — es ist eine der größten hiesigen Firmen, — dort erfuhr ich, daß Deines Sohnes Adresse noch immer dieselbe — Kitai Garod — sei, welche er in seinem ersten und einzigen Brief an Dich angegeben. Ich wollte nicht direkt zu ihm hingehen; denn ich hielt es für das Beste, daß er nichts von meiner Anwesenheit-erfahre, im Falle etwas passirt sei, was ich zu Deiner Information ausfindig machen müßte. Nach wenigen Stunden jedoch sah ich ihn,-.nachdem ich die Nachbarschaft seines Zeitungsbüreaus lange beobachtet hatte. Es lag ein etwas überarbeiteter Ausdruck-.in seiner Haltung, und er sah nicht besonders wohl aus. Ich vermuthe, daß er sich durch sein Werk aufregt.. Er hat mich noch nicht gesehen, noch soll er es, bis ich niich überzeugt habedaß er nicht irgend eine Unannehmlichkeit hat. Nur sein Stillschweigen Dir gegenüber läßt mich Derartiges vermuthen; sonst würde ich seine Blässe und Nach- -denklichkeit ohne Zaudern Ueberarbeitung oder vielleicht religiösem Eifer zuschreiben. Er ging geradenwegs zur Petrowski-Kathedrale, als er das Bureau verließ. Ich bleibe noch einige Tage hier und werde nochmals schreiben. Es ist schrecklich kalt. Das Thermometer steht auf dem Gefrierpunkt. Ich sitze in meiner shuba und zittere vor Kälte? An revoir. Nikolaus Alexandrowitsch." Etwas in dein Brief mißfällt mir. Es hat den Anschein, als ob etwas-zwischen den Zeilen verborgen wäre. Paul sieht schlecht oder ekstatisch aus, oder beides zugleich. Aus jeden Fall ist meine hauptsächlichste Sorge beschwichtigt. Ich kann jetzt mit mehr Ruhe auf beiT zweiten Brief warten. Warum aber schreibt der Knabe nicht selbst? Den Brief, der ihm mein Kranksein meldete, hat er doch erhalten. Und doch kein Wort der Sympathie! Nikolaus Absicht, den Spiwl zu spielen, mißfällt mir; als ob man meinem Sohn nicht trauen dürfe: Was mag er argwöhnen? Nikolaus Alexandrowitsch liebt freilich, Geheimnisse zu erfinden, um dann das Verdienst, sie ausgespttrt zu haben, für sich in Anspruch zu nehmen. Diese Männer der Wissenschaft sind oft so scharf, daß sie sich selbst schneiden. Freitag Nachmittag. — Endlich ein Brief von Paul. „Mein lieber Papascha! — Ich bin. erstaunt, daß Du Dich meinethalben ängstigst. Es geht mir hier ganz gilt, und die ersten Schwierigkeiten habe ich alle überwunden. Wieso wurdest Du krank? Ich hoffe, Nikolaus Alexandrowitsch sorgt gut für Dich. Fast war es mir heilte Morgen, als wenn ich Uju auf der Brücke, in den reka (Fluß) schauend, erblickt hätte, aber es war eine Kirchen-Prozessiou, und als es mir einstel, war ich schollau dem Mann vorbei gelaufen, und der Anhaltspunkte, daß es linser Zemski-Doktor sein könne, waren so wenige, daß ich nicht nochmals deshalb zurückkehren mochte. Die Korrektllr verschiedener Blätter meines Buches habe ich scholl besorgt. Infolge besonders ertheilter Genehmigung werde ich es dem Erzbischof Varenkin widuleu. Meine Artikel im „Courier" erregen großes Allfsehen. Ich habe den Herausgeber veranlaßt, Dir meinen letzten, welcher heute früh erscheiilt, zu schicken. Mögen die Heiligen unb die heilige Jungfrau Dich behüten. Dein treuer Sohn Paul. P. S. - Ich verdiene mehr Geld, wie ich gebrauche, und ich wäre glücklich, wenn ich Dir etwas schicken dürfte." Mein Liebling! Wie konnte ich jemals mich Dir entfremdet fühlen? Ich will zu Dir ziehen, mit Dir leben und Deine Triumphe theilen. Elende Skrupel sollen llnser Leben nicht länger trennen. Die Vergangenheit ist unausrottbar, die Zukunft ist ihre uuvermeinvllche Frucht. Mag es so sein. Meine, geistigen Erreglmgen und Känlpfe warem nur der Ausbruch einer krankhaft physischen Reizung. Nikolaus hat Recht! Und nun will ich meines Sohnes Artikel lesen, den ich hier, mit blauem Strich umrändert, vor mir liegen habe. Warum soll ich mit meinen oberflächlichen Erwägungen Recht haben und er Unrecht? Samstag Abend. Ich habe .eine vage Vorstellung, daß drei Sterne den Sabbathausgang anzeigen. Und am frostigen Himmel sehe ich bald darauf eine ganze Schaar in der unermeßlichem Weite funkeln. Der Sabbath ist vorbei, und wieder zieht es mich an den Schreibtisch, um die Angst meines gequälten Herzens niederzuschreiben. Den ganzen Tag über saß ich wie in dumpfer Verzückung und starrte über die Jzbas und Kohlfelder nach, den ewigen Hügeln. Wie schön, wie friedlich ist alles. Gott, willst Du mir nicht das Geheimniß des Friedens verrathen?