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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-06 · Heft 45 (6.11.1896) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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537 Hiob gesprochen und er doch erst viel später zum Gegenstand einer Dichtung gemacht werden. So wird auch hier Daniel erwähnt, und das Buch Daniel, dieses pseudo-prophetische Stück Litteratnr, ist erst zwischen 167 und 164 v. Ehr. verfaßt. Ja, hier kann nicht einmal die Rede von dem erdichteten Helden dieses Buches sein, da er, der nach Babylon als Kind (604) gekommen sein soll, zu der Zeit, als Ezechiel schrieb, in dem ersten Jünglingsalter stehen mußte und noch nicht seiner Gerechtigkeit und Weisheit wegen berühmt sein konnte. Aus der Erwähnung des Namens Hiob können wir hier nicht unbedingt auf das Alter der Hiobdtchtnng schließen. Sonst wird Hiob nur an zwei Stellen in dem Alten Testament erwähnt, und in späteren Büchern,, theils vielleicht im Jesu-Sirach- Buch (49, 12), wo eine sinnlose Stelle in dem griechischen Texte darauf hindeutet, daß der Name Hiob, der etymologisch eine passive Form des Adjektivs feindlich ist (der, welcher Feindschaft erleidet), mißverstanden und als die Feinde übersetzt worden.ist, theils im Buche Tobias, wo es in dem lateinischen Texte (II, 12—15) in Bezug auf die Blindheit des Tobias in einer Wendung heißt, die auf eine etwas andere Version als die unsere hindeutet: Gott sandte ihm diese Prüfung, daß er der Nachwelt ein Beispiel von Geduld geben solle, wie ehemals Hiob. Und die Nachbarn verhöhnten ihn, wie vordem es die Könige mit Hiob machten. Es versteht sich, daß solche Stellen in Büchern ans dem 2. over sogar dem 1. Jahrhundert v. Chr. bei Weitem nicht den Werth haben, wie die Stelle in dem Buche Ezechiel, aber der Werth der Nennung des Namens bei diesem Propheten beruht natürlicherweise ausschließlich ans der Uuwahrscheinlichkeit, daß der Held in der Ueberlieferung früher gelebt hat, als in der Dichtung. Diese Unwahrscheiulichkeit ist indessen in der Wirklichkeit zulässig. Selbst der Name Hiob deutet, wie wir nach seiner Ableitung sahen, daraus hin. daß er für den Helden einer Dichtung, die als eine große Parabel gedacht war, gebildet worden. Undder ganze Verlauf der Erzählung nimmt sich als frei evfimbeu aus. Sie gehört nicht der Wirklichkeit an, diese Geschichte der verschiedenartigsten Unglücksfülle, die über das Opfer im Laufe einer Stunde niederhageln. Neuß hat treffeub auf die Uuwahrscheinlichkeit aufmerksam gemacht, daß so zahlreiche Heerden, die sich doch nicht alle an einem Orte befinden konnten, gleichzeitig verloren gehen sollten. Wie kann man sich ein Unwetter vorstellen, daß 7000 Schafe und Hammel auf einmal erschlagen kann! Ist es ein wahrscheiirlicher Zug, daß diese Freunde sieben Tage und sieben Nächte Hiob gegenüber auf der Erve sitzen, ohne ein Wort zu reden? Ist die Meldung von der Geburt von sieben Söhnen und drei Töchtern, die Hiob, nachdem alle seine anderen Kinder tobt sind, in reiferem Alter mit einer und derselben Frau bekommt, wahrscheinlich? All dies deutet unzweifelhaft darauf hin, daß das Ganze Dichtung ist und daß der Hiob, auf den Ezechiel zielt, derjenige der Dichtung ist. Ganz in Uebereinstimmung mit den Erfordernissen einer Dichtung, aber in vollem Widerspruch mit jeder Wahrscheinlichkeit ist cs auch, daß vier Persönlichkeiten, von denen Keiner Israelit ist und die weit von Palästina entfernt wohnen, mit solcher Leidenschaft und solchem Ernst eine Frage erörtern, die für Israel und Israel allein die Grundfrage war. Dies zeigt deutlich genug, daß wir hier nichts Anderes vor uns haben, als ein großes lyrisches Lehrgedicht. Waren die Berührungspunkte, die Hiob mit Jesaias hat, nicht entscheidend für das Alter der Dichtung, so haben andererseits die Parallelen mit Stellen in Jeremias eine viel größere Bedeutung. Hier läßt es sich in keiner Weise bezweifeln, daß Jeremias der Nachahmer ist. In dem ersten Klageausbruche Hiobs (III. 3) finden wir die schönen und tief empfundenen Zeilen: Der Tag gehe zu Grunde, da ich geboren ward, Und die Nacht, die gesagt hat: Ein Mensch ist empfangen! Warum bin ich nicht im Mutterschooße gestorben? Warum verschied ich nicht, als ich der Mutter Leib verließ? Warum fand ich zwei Kniee bereit, mich aufzunehmen? Warum fand ich zwei Brüste bereit, mich zu säugen? So läge ich nun und wäre stille. Schliefe und hätte Ruhe. Denn dort hören die Bösen auf mit Lärmen! Dort ruhen die, deren Kraft erschöpft ist! Dort ruhen die Gefangenen alle stille Und hören nicht des Sklavenvogts Stimme. Hier liegen Kleine und Große, Frei ist der Sklave seines Herrn. Uud Hiob behauptet auch in einem späteren Monolog (X, 18), daß Nichtsein bester ist als das Leben: Warum hast du mich aus der Mütter Leib kommen lassen? Todt hält' ich können sein, und kein Auge hätt' mich gesehen. Ich wäre gewesen, wie die, die nie gewesen sind. Aus meiner Mutter Schooß wär' ich gleich zum Grabe gegangen. Wie deutlich zeigt sich die Nachahmung und die Uebertreibung der Nachahmung, wenn Jeremias ausruft (XX, 14): Verflucht der Tag, der mir das Leben gegeben! Der Tag, da meine Mutter mich g bar, sei ungesegnet! Verflucht sei der Mann, der meinem Vater die Botschaft brachte Und sagte: ein Knabe ist dir geboren! Und ihn dadurch erfreute! Mög' es dem Mann wie den Städten werden. Die Jehova ohne Mitleid umstürzt! Möge er am Morgen Kriegsgeschrei hören Und des Kampfes Tosen zur Mittagszeit! Er, der mich nicht in meiner Geburtsstunde sterben ließ. Meine Mutter wäre dann mein Grab gewesen. Und ihr Schooß hätte mich für immer bewahrt. Warum bin ich aus der Mutter Leib hervorgegangen, Um all' diese Mühe und Jammer zu sehen. Worin meine Tage in Schande verstreichen? Was bei Hiob durch feine Einfachheit ergreifend war, wirkt hier durch einen gewissen Schwulst befremdend. Nicht nur die Geburt selbst wird verflucht, auch der Manu wird verflucht, der dem, Vater die Mittheilung brachte, daß ihm ein Sohn geboren war. Uud so geistreich erscheint dieser Einfall, daß diese unbekannte Person mit Städten verglichen wird, die dem Uittergang geweiht sind, und mit Anrufungen an den Herrn verfolgt wird, daß sie Kriegsgeschrei hören mögen Morgens, Mittags und Abends. Hierin liegt ein Vesterwollen, ein Ueberbieten, das die Anlehnung verräth. Und da Jeremias 628 — 586 v. CH. schreibt, ist das Buch Hiob augenscheinlich .noch älteren Datums. Genau die Abfassuugszeit des Werkes zu bestimmen, vermögen wir endlich, sobald wir darin auf diejenigen Stellen achten, durch welche wir uns der Persönlichkeit des Dichters nähern. In der Stelle, wo er eine große politische Umwälzung darstellt, spricht dieser augenscheinlich von etwas Selbsterlebtem, ja nach einer

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