Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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536 meines Weltbild aufzustellen, das die Bedürfnisse des menschlichen Verstandes befriedigt. Die Ausfälle Schopenhauers gegen das Judenthum finden sich überall zerstreut in seinen Schriften, besonders heftig und giftig im zweiten Bande der Parerga und Paralipomenal), am kondensirtesten im Kapitel „Zur Rechtslehre und Politik" (S. 270—273). Dort sagt Schopenhauer, das Volk der Juden lebe parasitisch auf anderen Völkern und ihrem Boden, das Vaterland der Juden seien die übrigen Juden, dort wird auch das angeblich so feste Zusammenhalten der Juden betont. Schopenhauer fährt dann fort: „Daraus geht hervor, wie absurd es ist, ihnen einen Aütheil an der Regierung oder Verwaltung irgend eines Staates einräumen zu wollen. Der Ausdruck „Jüdische Konfession" soll angeblich auf absichtliches Jrreleiten berechnet sein, er sollte gar nicht gestattet sein. Vielmehr ist Jüdische Nation das Richtige." Schopenhauer, der alles weiß, sagt es, und also muß es richtig sein. Manchem Leser wird dabei eiufallen, daß vor einigen Jahren beim Aufnehmen des „Nationale" in den preußischen Gymnasien die jüdischen Schüler auf einmal nicht mehr unter „Konfession" ihren Glauben angaben, sondern in anderer Form, ganz im Sinne dieser Schopenhauer'schen Ansicht. Man sieht, wie seine Lehren praktisch nachwirken, darum sollte man ihre Widerlegung nicht für unnütz halten. Monotheismus und Judenthum sind nach Schopenhauer Wechselbegriffe. Der große Philosoph weiß also nicht, daß bereits Mose sehr geringen Werth auf den formalen Theil des Gottesbegriffs gelegt hat („Ihr habt keine Gestalt gesehen", heißt es bei der 'Schilderung der siuaitischen Gesetzgebung), daß der Polytheismus verpönt wurde weit weniger aus dogmatischen Gründen, als weil er die fürchterlichsten sittlichen Greuel mit sich brachte, daß es im Judenthum immer pantheistische Strömungen gab, daß der Pantheist Spinoza der jüdischen Gedankenwelt entsprossen ist, daß neben den Rabbinern die ihn verfluchten, es eine große Anzahl Anderer gab, die seine Lehre von der Natur, die alles hervorbringt (natura naturans) für vereinbar hielten mit der Lehre des offiziellen Judenthums. Der sittliche Grundcharakter des Judenthums ist dem Philosophen Schopenhauer völlig entgangen; neben diesem spielt in der jüdischen Lehre die Geschichte von der Entstehung der Welt und die monotheistische Doktrin nur insofern eine Nolle, als sie das sittliche Leben motiviren Hilst. Die größere Betonung und schärfere Forniulirung dieser Ideen ist spätere Zuthat und eher als ein Rückschritt anzusehen. Die Zugehörigkeit zu in Judenthum bringt weder Ehre noch Vortheil, sagt Schopenhauer. Darum räth er dem Juden, „selbst wenn es ihm mit dem christlichen Glauben kein großer Ernst sein sollte", sich laufen zu lassen, und lobt den Juden,^ der es thut. Also Ehre und Vortheil sind die Motive, die den Menschen in diesen Dingen leiten müssen! Schopenhauer meint hier doch offenbar äußere Ehre. Aber gar nicht viele Seiten weiter greift er dieses selbe Christenthum auf das Fürchterlichste an, wie es sich nie ein Jude erlauben dürfte, hebt hervor, daß die modernen Kulturfortschrilte im Wesentlichen davon abgehangen hätten, daß die christliche Religion an Bedeutung zurückgetreten sei, lobt den Tiefsinn und die Weisheit der indischen und buddhistischen Religion gegenüber der christlichen u. s. w.! Dann fährt Schopenhauer fort: „Daß sie mit Andern gleiche bürgerliche Rechte genießen, heischt die Gerechtigkeit; aber ihnen Antheil am Staat einzuräumen, ist absurd: sie sind und' bleiben ein fremdes orientalisches Volk, müssen daher stets nur als ansässige Fremde gelten. Als vor ungefähr 25 Jahren im englischen Parlament die 0 Ausgabe von Ed. Grisebach. Bd. V. Judenemanzipation debattirt wurde, stellte ein Redner, folgenden hypothetischen Fall auf: ein englischer Jude kommt nach Liffabon, woselbst er zwei Männer in äußerster Noth und, Bedrängniß antrifft, jedoch so, daß es in seine Macht gegeben ist, einen von ihnen zu retten. Persönlich sind sie ihm beide fremd. Jedoch ist der eine ein Engländer, aber ein Christ; der andere ein Portugiese, aber ein Jude. Wen wird er retten? Ich glaube, daß kein einsichtiger Christ und kein aufrichtiger Jude über die Antwort im Zweifel sein wird. Sie aber giebt den Maßstab für die den Juden einznräumenden Rechte." Das ist der angeblich weitblickende, weltumspannende Philosoph! Kein Käsekrämer hätte engherziger sich auslassen können. (Schluß folgt.) w Aas Buch Hiob. Bon Georg Brandes. as in der Dichtung über Hiob erzählt wird, wurde lange Zeiten hindurch als wahre Geschichte angesehen. Luther hatte seine Zweifel, glaubte jedoch, daß eine historische Wirklichkeit zu Grunde liege, die von einem Verfasser, der gerade so wie die Hauptperson der Erzählung sehr viel gelitten hatte, zu einer Art erbaulichem Schauspiel umgeformt worden sei. Noch heutigen Tages meinen Viele, daß die Gestalt Hiobs dem Dichter von der historischen Ueberlieferung übergeben wurde samint den Freunden, die ihn trösten und aufreizen. Könnte man vollkominene Klarheit über diese Frage erlangen, so würde die Beantwortung von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Abfassungszeit der Dichtung sein. Wir haben den Zeitpunkt als wahrscheinlich nicht lange nach 720 fallend angegeben. Ein paar Worte werden die Schwierigkeiten zeigen, dies mit Sicherheit festzustellen. Die Berührungspunkte, die man zwischen dem Buche Hiob und dem Buch Jesaias findet, sind nicht entscheidend, da man unmöglich ersehen kann, ob Jesaias das Blich Hiob benutzt hat, oder der Verfasser dieser Dichtung den Jesaias. So heißt cs in Hiob XIV, 11: Das Wasser der Seen wird schwinden, ablanfen und austrocknen, und im Jesaias, XIV, 5: Das Waffer läuft aus den Seen, der Fluß schwindet uitd trocknet aus. — Die Aehnlichkeit ist kaum zufällig, aber es ist unmöglich, anzugeben, wer der Nachahmer ist. Falls ^Jesaias es ist, - so wäre dadurch das höhere Alter der Dichtung bewiesen. In Ezechiel findet inan im 14. Kapitel, Vers 14 den Namen Hiobs erwähnt. „Wenn ein Land an mir sündigt und mir untreu wird und ich meine Hand gegen dasselbe allsstrecke, um es seines Brodes zu berauben, und ihm die Hungersiloth sende und Menschen und Vieh ausrotte und wenn sich darin diese drei Männer fänden: Noah, Daniel und Hiob, so würden sie sich selbst nur durch ihre Gerechtigkeit befreien können." Ezechiel, der mlgefähr 595—572 vor unserer Zeitrechnung schreibt, führt Hiob also unter den gerechtesten Männern an. - Man kann natürlicherweise daraus nicht unbedingt schließen, daß er das Buch Hiob gekannt hat und daß es schon zu seiner Zeit geschrieben war und gelesen wurde. Denn es konnte über einen