Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Steine der Börse verkünden es laut genug." Man verfährt aber auch im gegebenen Falle wie sonst: Unbequeme Thatsachen, selbst wenn sie von zuverlässigster Seite bestätigt werden, behandelt man als nicht vorhanden, mau verschleiert sie mit einem Schwall pathetischer Reden oder die Aufmerksamkeit von der Hauptsache ableitenden Witzeleien, und falsche Behauptungen, Tag für Tag wiederholt, finden schließlich in weiteren Kreisen Glauben und Zustimmung. Arthur Schopenhauer und das Iudenthum. Von Dr. Fr. Rubinstein in Berlin. nsere Antisemiten pflegen als Beweis für die von jeher bewiesene Schlechtigkeit der Inden die Aussprüche großer Männer ins Feld zu führen und suchen der Welt zu insinuiren, daß womöglich die größten Geister aller Zeiten Judenfeinde gewesen seien. Woraus natürlich für die kleineren Seelen die Berechtigung des Haffes sich von selbst ergiebt, ja. noch den heute unerläßlichen Anstrich der Wiflenschaftlichkeit erhält. Für eine große Anzahl der angeblichen Antisemiten unter den Geistesheroen hat die Sysiphnsarbeit unserer Freunde bisher die Unrichtigkeit der antisemitischen Behauptungen bewiesen. Viele Forscher und Gelehrte hatten niemals Gelegenheit, ihre Ansicht über Juden und Judenthum zu äußern, andere waren direkt judenfreundlich, wie A. v. Humboldts Lord Byron, Lessing, St. Hilaire, Schleiden; bei noch anderen (z. B. bei Shakespeare) tritt die Person des Autors ihren Werken gegenüber so sehr in den Hintergrund, daß ans den in ihren Schriften enthaltenen Aeußerungen nichts für ihre eigene Ansicht gefolgert werden kann. Biele endlich stellt die bekannte antisemitische Wahrheitsliebe ohne die geringste Spur eines Beweises und auch ohne die Möglichkeit eines solchen als Antisemiten hin. Einen deutschen Schriftsteller aber giebt es. der in Wahrheit ein Antisemit gewesen ist, der so gut schmähen und schimpfen konnte, wie nur irgend ein moderner hessischer oder hinterpommerscher.Agitator, und dieser eine war — ein Philosoph, Arthur Schopenhauer. Es läßt sich mit Sicherheit aus den Argumenten der heutigen Antisemiten Nachweisen, daß die Schriften Schopenhauers vielfach das Arsenal für die vergifteten Pfeile bilden, die gegen das auf Erden zerstreute Volk Israel wieder einmal geschleudert werden. Alle deutschen Judenfeinde haben freisich im Grunde nur eine Quelle, Eisenmengers „Entdecktes JnWthum", aber vielen Antisemiten ist dieses Werk theils unzugänglich, theils unbekannt, so daß sie froh sind, in den Schriften des noch halbwegs modernen Philosophen, modern auch in seinem Judenhaß , eine hinreichende Ausbeute an gehässigen Gedanken, ,an Schmähworten und Schimpfreden zu finden, die auf Jahre Hinaus ihren Bedarf deckt. Schopenhauers Haß wäre vielleicht keiner besonderen Beachtung werth, wenn nicht gerade - seine Schriften und seine Philosophie das preußische höhere Beamtenthnm der vierziger und fünfziger Jahre beherrscht hätten , woraussich vielfach eine unmittelbare Wirkung, zwar nicht auf die Gesetzgebung, wohl aber auf die Verwaltungspraxis ergeben hat. Die Fernhaltung der Inden von der höheren Verwaltungskarriere, vonl Ossizierstande, in neuester Zeit auch vom Richteramte entspricht den von Schopenhauer in Bezug auf die Juden gepredigten Prinzipien. Gerade darum habe ich es für angezeigt gehalten, einmal die Herkunft seines AntiseMtismus zu beleuchten, daniit doch auch diesem Manne»' gegenüber ein Mwalt der Gegenpartei vorhanden ist und klargestellt wird, daß ein „großer Philosoph" auch ein sehr kleiner Mensch sein. kann. Schopenhauers Philosophie im Einzelnen, zu kritisiren, ist an dieser Stelle nicht meine Sache. Sie enthält glänzende Partien, Proben des feinsten Scharfsinns, der erstaunlichsten Gelehrsamkeit und Belesenheit. Andererseits fehler: auch Absurditäten und Widersprüche nicht, vor allem tritt höchst unangenehm ein eines Philosophen unwürdiger anmaßender Dünkel hervor, der vielfach, wie ich mich öfter zu überzeugen Gelegenheit hatte, auf seine lebenden Anhänger übergegangen ist. Dogmatiker sind stets hochmüthig. Schopenhauer geberdet sich, als habe der Weltenbaumeister ihm Einblick in seine Pläne gewährt, 'H spricht über Physik und Chemie, Botanik und Farbenlehre, üfte*- Gravitation und Mythologie, über Sprachen und Künste, Religiös^ und Poesie, Indisch und Chinesisch, Zauberei und Hexenwesen, über Nahes und Fernes und stets mit einer apodiktischen Sicherheit und aufdringlichen Entfaltung von Gelehrsamkeit, die sehr unangenehm berührt. Sein wüstes Schimpfen auf Hegel und dessen Philosophie ist ebenso unerträglich, wie die beständig wiederkehrende Verunglimpfung der jüdischen Lehren. Fötor Judaicus, der die ganze Welt insizirt, Judeupech, der „Mörder" Moses, Winkelnation, „der saubere Gott Jehova", der den Juden die Länder anderer Völker „schenkt". Das ist so eine kleine Blüthenlese aus den Bezeichnungen, mit denen er das Judenthum regalirt. Natürlich fehlt auch nicht der Hinweis auf die goldenen und silbernen Gefäße, die die Juden vor dem Auszuge aus Aegypten den Landeskmdern „gestohlen" haben. Schopenhauers ganze Haltung gegen die Juden wird diktirt von jener sinnlosen Wuth, die auch heute wiederum an manchen Antisemitenführern auffällt und die immer da äuftritt, wo persönliche Interessen in Widerstreit gerathen, wo Konkurrenzkämpfe - ' ausgefochten werden. Dieser Haß steigert sich gelegentlich bis zum Wahn, und neuere Erfahrungen der Irrenärzte haben festgestellt, daß der Verfolgungswahn, von der jeweiligen Zeitströmung gefärbt, auch die Gestalt des Antisemitismus annehmen kann, wie er sich zu anderen Zeiten als Jakobinerhaß, Katholikenhaß (in England zur Zeit Cromwells)/ Fremdenhaß (in China) äußert. Für einen „Philosophen" jedenfalls eine sehr unphilosophische Haltung, die zu der Sachlichkeit seines Verfahrens wenig Vertrauen erweckt. Schopenhauers metaphysisches Grurrdprinzip „Der Wille", das auch seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung" zu Grunde liegt, wird heute von den Meistern der Philosophie zu, denjenigen Lehren gerechnet, die einen nlenschlichen Begriff personifiziren (oder objektiviren) und diesen dann als Grundlage des Weltprozesses hinstellen. Schopenhauer verfährt also genau wie die dogmatischen Religionen, die er so bitter befehdet. Er selbst bezeichnet seine Lehre als dogmatisch. Andere wiederum haben die „Phantasie" zum ' Grundprinzip des Weltprozesses machen wollen. So der kürzlich - verstorbene Philosoph Frohschammer. Sein Hauptwerk 'ist geradezu betitelt: „Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses". ' ' Dieses Genre von metaphysischer Spekulation ist heute abgethan, , und die Philosophie beschränkt sich auf die geistige Durchdringung ' und Verknüpfung der von den objektiven Wissenschaften aufgedeckten Thatsachen. Ferner bleibt die Aufstellung einer Weltanschauung nach -wie vor Aufgabe der Philosophie. Die Philosophie ist nicht überflüssig geworden, aber sie hat gelernt, ihr Gebäude von unten her . zu errichten, nich! mehr vom Dache aus, wie die Metaphysiker. Sie trägt keine menschlichen Begriffe mehr in-die Welt hinein und sucht nicht das Weltganze in diesen engen, kleinen, menschlichen Rahmen zu Pressen, sie begnügt sich, auf der Grundlage gesicherter Erkenntnisse von der Natur der Dinge und des Menschen ein allge-