Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228194--53231-3258899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
treten, wo jede Regierung mit gutem Gewissen sich an. Bankiers wenden kann und muß, Zu den Funktionen der Banken zählt die Ausgabe von Anleihen, die Unterbringung der Werthpapiere, und der Staat erhält möglicherweise durch die/ Vermittelung der Banken einen höheren Preis für seine Anleihen, als durch direkte Ausgabe an das Publikum, das mißtrauisch ist und mit fortgezogen werden muß. Hierauf beschränkt sich die angebliche Allmacht der Banken; sie können höchstens während einiger Wochen den Kredit eines Staates, und zwar nur der kleinen Staaten oder der Länder mit ungeordneten Finanzen, durch Werfen, der Renten heben oder senken. „Wie der Arzt nur dem Kranken gegenüber Autorität besitzt, so haben die Bankiers nur Geltung in den Staaten, die sich im Defizit befinden." „Es gehört däzu die ganze Unwissenheit der Schwätzer, um weiszumachen, daß der Kredit eines großen Staates der Gnade der Koalitionen von Finanziers oder den Launen der Banken überliefert sei." „Im Finanzwesen giebt es keine verhüllte Vorsehung, deren geheimnißvolle Hand , die Gesetze der Natur ändern und Wunder thun kann." ' ./ Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet Leroy Beaulieu in eingehendster, wissenschaftlicher Ausführung nicht die antisemitischen Klagen über die Macht der einzelnen jüdischen Banken, sondern der Banken im Allgemeinen, und jene fallen dann von selbst unter der Wucht seiner Beweisführung. Zur weiteren Widerlegung geht er dann auf einen bestimmten Fall, auf das Verhalten der Banken Rußland gegenüber ein und wendet sich ln scharfen Worten gegen die Antisemiten: „Wenn die hohe Bank, wenn besonders die jüdische Bank jene unumschränkte^ Herrschaft besäße, welche ihr so gern Antisemiten und Antikapitalisten beilegen, so würde es von Rußland schlecht angebracht gewesen sein, bei uns so viele und so günstige Anleihen abzuschließen zu einer Zeit, wo die Regierung des Zaren unverhohlen ihr Uebelwollen gegen die israelitischen Unterthanen bezeugte. Ich habe oft sagen hören: „Die hohe Bank beherrscht den Markt; — die Börse wird durch die großen jüdischen Häuser beherrscht; — die Juden sind alle solidarisch; — der Kaiser Alexander III. hat sich durch seine Härte gegen die Hebräer seines weiten Reiches der Synagoge so verhaßt gemacht wie ein anderer Pharao. — Israel wird eine Sperre auf die russischen Anleihen legen. So lange der Zar die Juden verfolgen wird, ist es ihm unmöglich, eine äußere Anleihe abzuschließen. Der russische Adler wird gegen das Veto der hohen Bank vergeblich ankämpfen, der Autokrat wird sich vor den Börsenkönigen beugen müssen." So dachten viele Israeliten, viele Russen, — der große moskowitische Patriot, der verstorbene Katkow, soll aus diesem Grundes mit dazu bestimmt worden sein, sich gegen den Antisemitismus zu erklären —, und so schloffen auch außerhalb Rußlands mehrere Schöngeister. Eine der großen Revuen -der Vereinigten Staaten, das Forum, erwies mir vor einigen Jahren die Ehre, mich um meine Ansicht zu fragen: Denken Sie nicht, sagten diese Aankees, diese Feinde jeder religiösen Verfolgung und diese treuen Gläubigen an die Allmacht der Banknoten, zu mir, glauben Sie nicht, daß die Juden durch die Börse Rußland festhalten können? Wer will Roth-! schild hindern, den Zaren zu „boykottiren"? Die Idee schien den Christen jenseits des Ozeans so natürlich, daß sie sich über meinen Zweifel tritt) Unglauben ganz überrascht zeigten. Die der jüdischen Sache ergebensten Juden hatten weniger Zutrauen zu der ihren reichen Glaubensgenossen zugesprochenen souveränen Herrschaft des goldenen Szepters. Sie zweifelten an der. Befreiung der Synagoge durch die Börse. Und sie hatten Recht. Die Folge hat die Hoffnungen der Gegner des russischen Verfolgungssystems .jag» getäuscht. Die Anbeter des Gottes Dollar mögen es mir verzeihen: .man erobert kein großes Reich durch ,die Börse.. eine solche Wnanzblockade kann im glücklichsten Falle einen Staat zweiten oder dritten Ranges zur Kapitulation zwingen. Es hat einen Augenblick den Anschein gehabt,' als wolle die hohe Bank oder, wenn man will, die jüdische Bank Rußland eine böse Miene zeigen. In Wahrheit, warum sollte inan ihr daraus ein Verbrechen machen? Wenn eine Gesellschaft, eine religiöse oder nationale, sich in ihrem Bestände bedroht und in ihren Rechten verletzt sieht, so ist es ihr doch wohl gestattet, sich zu vertheidigen, — und um sich zu vertheidigen, muß sie die ihm zu Gebote stehenden Waffen gebrauchen. Welche andere Waffe als den Kurszettel hatten die Juven des Occideuts, um den Juden Rußlands zur Hilfe zu kommend Wenn die großen israelitischen Banken wirklich daran gedacht haben, ihre Glaubensgenossen des Ostens zu vertheidigen, ich, meines Ortes, kann ihnen deshalb keinen Vorwurf machen. Ich finde vielmehr, daß die reichen Bankiers sich diel zu lau verhalten und zu wenig Eifer gezeigt haben. Hat es auch einen Augenblick geschienen, als ob sie Rußland für seinen antisemitischen Kreuzzug durch Verschluß ihrer Geldschränke wollten büßen lassen,/so war. diese Feindschaft nicht sehr erbittert und hat auch nicht lange angehalten. Sie hat die Ausgabe der russischen Anleihen und das Steigen der Werthe kaum um einige Monate verzögern können. Die Bankiers haben bald auf Zurückhaltung verzichtet, And wenn sie sich, wie man gesagt hat, durch die Versprechungen der russischen Finanzagenten haben entwaffnen lassen, so zeigt sich, wie leicht sie zu besiegen waren. Vielleicht — und dies scheint der ausschlaggebende Beweggrund gewesen zu. sein — haben sie Ihren Verleumdern beweisen wollen, daß sie sich nicht durch konfessionelle Interessen leiten lassen und die Behauptung, sie seien mehr jüdisch als französisch, nicht wahr sei. Die großen Banken haben sich nicht in Widerspruch mit dem Nationalgefühl setzen wollen, und zu einer Zeit, in der man Frankreich vorwarf, unter dem Joche der jüdischen Bankiers zu stehen, haben wir die Pariser Börse die Anleihen eines antisemitischen Zaren aufnehmen sehen, und dieses angeblich der Synagoge unterworfene Frankreich hat die Rente der Verfolger Israels auf eine bis dahin unbekannte Höhe getrieben." „Das Ergebniß — und das ist das Wichtigste—ist: Große oder Kleine, Juden oder Christen halten, sobald es Millionen einzuheimsen giebt, nicht lange zurück. Die Völker, das französische Volk wenigstens (wir haben es unseren - russischen Freunden gezeigt) treiben zuweilen sentimentale Finanzgeschäfte; die Bankiers thun es. Wenn religiöse Solidarität die Börse beherrschte und die Bankoperationen lenkte, so hatten die protestantischen und katholischen Bankiers nicht weniger Ursache zur Zurückhaltung als ihre israelitischen Kollegen, . aber auch sie haben auf die von der Ferne ertönende Klage der von orthodoxen russischen Krallen festgehaltenen Pastoren oder Pfarrer nicht, gehört." „Die so viel gerühmte Solidarität Israels hat sich, dieses Mal wenigstens, nicht bewährt. Wenn die Juden des schmutzigen littzauisch-ukrainischen Ghettos ihre Hoffnungen auf eine Intervention ihrer reichen Glaubensgenossen im Westen gesetzt hatten, so sind sie bitter getäuscht, und zwar weil die Juden weniger eng Zusammenhalten, als ihre Feinde behaupten, und weil die großen israelitischen Bankhäuser es selbst fühlen, daß sie nicht die große Macht - besitzen, die sie nach der Meinung der Menge ausüben sollen. Was die antisemitischen Katechismen auch lehren mögen — die Bankiers sind noch nicht die .souveränen Herren der Welt. Die russischen Anleihen des antisemitischen Zaren haben in dieser Beziehung der Welt eine Lehre gegeben, welche unsere Zeitungsschreiber 'im Gedächtniß behalten sollten; die Thntsachen sprechen hier für sich, und die