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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-06 · Heft 45 (6.11.1896) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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533 Inspektion aller jüdischen Religionsschulen stattfindet, daß die Gemeinden sich gegenseitig fördern, kurz, daß alle die Ziele erreicht werden, welche der Deutsch - Israelitische Gemeiudebund anstrebt. Dabei bieten die Verhältnisse in Ostpreußen weit größere Schwierigkeiten als sonstwo; die Gemeinden sind nur klein, der Verkehr umständlich und durch die großen Entfernungen kostspielig; aber der ernste Wille eines redlichen Mannes hat diese Schwierigkeiten überwunden und auch die rechten Helfer gefunden, so daß die Zukunst des Verbandes auch nach dem Tode des Gründers gesichert ist. Vollends in feiner Gemeinde war er der wahre Seelsorger; wer - ein beschwertes Herz hatte, trug feine Sorge zum Rabbiner, und der schaffte Rath; er war bei den reichen Israeliten ein ebenso häufiger als kostspieliger und dennoch gern gesehener Gast. Die Armen waren die Genossen seines Hauses; den ließ er ftubiren, den ließ er Handwerker werden, dem errichtete er ein Geschäft, und zudem fanden die Hungrigen bei der frommen Hausfrau stets einen gedeckten Tisch; die Frau und die Tochter waren seine treuen Helferinnen in allen guten Werken. Das herrliche Gotteshaus, das jüngst eingeweiht worden ist, wird dauernd dafür zeugen, daß Bamberger die wichtigste Aufgabe einer jüdischen Gemeinde, die Pflege des öffentlichen Gottesdienstes, nicht versäumt hat; er wirkte in innigster Eintracht mit dem Vorstande der Gemeinde, zumal mit dem ersten Vorsitzenden, dem Professor Samuel, der nicht nur ein gelehrter Arzt ist, sondern nach universaler Bildung strebt und selbst ein hervorragender Redner ist. Weil Bamberger ein gutes Herz hatte, hatte er auch ein fröhliches Herz, das selbst in Leiden Stand hielt. Noch in den letzten bösen Zeiten vergaß man es in der Unterhaltung mit ihm, daß man bei einem- Schwerkranken sei, so sehr beherrschte er sich, so mächtig strömte der Quell seines Humors. Welch ein Schatz von Lebenserfahrung, von Menschenkenntnis, welch ein Schatz von Liebe wird mit ihm begraben; um mit dem amerikanischen Dichter 311 sprechen, er haßte nur den Haß, er war ein rechter Menschenfreund. Von Abraham sagten die Chetiten: ein Gottessürst bist du mitten unter uns; d. h. du bist nicht stolz, du lebst unter uns, du behandelst uns wie deines gleichen und bist dennoch ein Höherer, ein Besserer. Aehnliches darf zum Ruhme Bambergers gesprochen werden; er war ein edler, selbstloser Manu, er war mehr als gelehrt, er war weise, er lächelte nur über die Schlauen, die ihm etwa ihre Künste vorspielten, er durchschaute sie bis auf den Grund ihrer Seele; er hatte eine heilige Begeisterung für Wissenschaft und Wahrheit, für den Glauben der Väter; aber er verkehrte mit Jedermann wie mit einem Gleichgeordneten; darum öffneten sich ihm alle Herzen. Bamberger hatte auch eine glänzende soziale Stellung, obgleich er nach solchen Triumphen nicht lüstern war; sein Wort galt auch bei den Behörden; das haben viele russische Inden, die ausgewiesen werden sollten, zu ihrem Segen erfahren. Wir be- {(oßen den Tod eines Führers, eines Vorbildes, eines guten und frommen Mannes. Nie Herrschaft der südischrn Banken. 1 Von Dr. S. Kayserling. fie Macht des jüdischen Kapitals und der hierdurch gewonnene Einfluß auf alle Verhältniffe, staatliche wie private, ist eine der Schreckgestalten, welche der Antisemitismus in seinem Kampfe gegen Juden und Judenthum mit, eiserner Stirn immer von Neuem vorführt. In Verbindung mit dieser Macht wird die Solidarität der Juden gebracht, und die Ausgeburt der erhitzteu Phantasie, die Weltherrschaft der Juden, ist fix und fertig. Die Macht des Kapitals auf das ihm gebührende Maß zurttckzuführen und die Solidarität der Juden in rechtem Lichte zu zeigen, bemüht sich der berühmte Sozialpolitiker Anatole Leroy-Beaulieu in seinen Studien: Le regne de l’argent, die seit Monaten in der Revue des deux Mondes erscheinen, und ein kurzes Resüme seiner eingehenden, mit großer Unparteilichkeit geführten Untersuchungen dürfte der aus ihnen gezogenen Folgerungen wegen auch in diesen Blättern am Platze sein. Das Kapital ist nach Ansicht des Verfassers in einem gewissen Sinne in der That eine kosmopolitische Macht geworden. Wenn aber behauptet wird, eine neue Form der Plutokratie, „die Bankokratie, die Herrschaft der Banken", führe die Zügel der Zeit: „das Gold ist der Herrscher der Gegenwart, es hat sich die Nationen und Regierungen unterworfen, die Banken halten, offen oder geheim, Monarchien und Republiken in Abhängigkeit; ehemals gehörte die Herrschaft dem Muthe, der Lanze, den tüchtigen Schwertschlägen, heute gehört sie dem Gelde, der Börse, der Spekulation; die Völker sind nicht mehr zu besiegen, sie sind zu verkaufen") — so ist das eine Anschauung von dem öffentlichen Leben, die dieses im Goldknltus, im Materialismus und im Genuß versunkenen Jahrhunderts würdig ist. Zum Glück ist es aber nicht so. „Es sind bei ben alten christlichen Nationen, es sind selbst in Frankreich noch Menschen und Dinge geblieben, die nicht zu verkaufen sind. Man muß unterscheiden, die Thatsachen präzisiren und sich vor übereiligem Verallgemeinern — der Methode der antisemitischen Broschürenschreiber — hüten." Es ist nicht einmal sicher und gewiß, daß die Macht des Geldes in Beziehung auf das Staatswesen übermäßig gestiegen ist; sie war auch in alten Zeiten gewaltig. Wenn sie heute größer scheint oder größer ist, so liegt es in den modernen Regierungsformen begründet, nach denen der Staat in industrielle, kommerzielle und finanzielle Verhältniffe eingreift; ohne dies dürste man sogar annehmen, daß die Macht der Finanz lind der Finanziers sich verringert hätte. Der moderne Staat ist nicht gezwungen, wie die römische Republik, wie die Staaten im Mittelalter, seine Einnahmen Generalpächteru zu übertragen oder sie zu verkaufen, sondern er ist überall durch ein geordnetes System der Abgaben und Steuern so gestellt, daß er im. gewöhnlichen Lauf der Dinge der Hilfe der Geldmänner entbehren kann. Wenn ein Staat in Abhängigkeit von Fiuanzmännern geräth, so ist das die natürliche Folge seiner Verwaltung, die über ihre Verhältniffe hinaus wirtschaftet. „Bei Völkern wie bei Einzelnen gehört die Verschwendung zu den Sünden, die nicht ungestraft begangen werden. Eine weise Regierung, ein gut verwaltetes Land läuft keine Gefahr, unter die Vormundschaft der Geldmänner zu gerathen." „Es mag im Orient oder in Süd-Amerika Staaten geben, die von Bankiers ausgesogen sind, wie es auch Söhne von reichen Familien giebt, die von Wucherern ausgewuchert werden; es ist daun meistens die Schuld der Staaten selbst. Sie haben Großmacht spielen wollen, sich den Luxus eines großen Heeres mit prächtiger Ausrüstung geleistet oder sich in kurzer Zeit ein theueres Netz von Eisenbahnen bauen laffen und sind über ihre Kräfte hinaus in Schulden gerathen." Kann nun aber eine weise und ehrliche Regierung niemals in die Lage kommen, die Dienste der Finanziers in Anspruch nehmen zu muffen? Sicherlich. Es können Umstände — Krieg. Revolution, Hungers- -üoth, Krisen in der Industrie und in der Landwirthschaft — e'uri) Revue des deux Mondes. Tome cent trente anquieme (1. Mai 1896) S. 42.

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