Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' —•— 532 ——!l UabLiner Ar. Isaar Bamberger. Von Dr. B. Rippner. önigsberg war, seitdem die Nacht der Unkultur im Judenthum zu weichen begann, stets ein Vorort jüdischer Aufklärung und Bildung; im äußersten Osten Deutschlands stieg die Sonne auf, als es für die Juden zu tagen begann; von dort kamen die ersten Strahlen des neuen Lichtes. Die Gemeinde in Königsberg hat diesen Rang behauptet durch Männer wie Saalschutz und Meklenburg, die als religiöse Führer durch Geist und Wissen sich auszeichneten, und Dr. Bamberger, dey jüngst nach langen, geduldig ertragenen Leiden von uns gegangen ist, hat diesen alten Ruhm der Königsberger Gemeinde aufrecht erhalten, indem er mit unermüdlichem, selbstlosem Eifer und mit hervorragendem Talent Organisationen geschaffen hat, die weit über die Grenzen der -Königsberger Gemeinde hinausreichen. So ist Bamberger ein Segen geworden für die jüdische Gesammtheit; er gehörte, obgleich er ein freisinniger Mann war, dennoch keiner religiösen Partei an; er war bei den Frommen so beliebt, wie bei den Aufgeklärten; Jeder wußte, daß jede wichtige jüdische Angelegenheit an ihm den wärmsten Anwalt hatte unb daß bald Keiner so wie er Mittel und Wege fand, um . ein berechtigtes Verlangen zu erfüllen. Seine Stimme fand Gehör in Kowno wie in Paris, denn es bestand bei Niemandem ein Zweifel darüber, daß das Judenthum die große Angelegenheit seines Lebens war. Königsberg war der geeignete Boden für eine solche Persönlichkeit. Die Stadt führt nicht ohne Grund den Titel „die Stadt der reinen Vernunft". Wer auch nur eine kurze Zeit.dort verweilt, der kennt sofort heraus, daß dort Luxus der Kleidung und Ueppigkeit des Genuffes bei weitem nicht so das Leben beherrschen als anderwärts; Ostpreußen ist arm, aber die Noth wird zur Tugend, zum Vorzug, indem die Pflege des Geistes eifrig betrieben wird, und während an manchen Orten die Universität nur für sich besteht und ohne Zusammenhang mit der übrigen Bevölkerung bleibt, greift die Universität Königsberg hinein in die bürgerlichen Kreise und trügt dorthin Bildung und edlere Sitte. Wer als Fremder nach Königsberg kommt, ist einmal überrascht durch das-schlichte, einfache Gewand auch der besseren Gesellschafts-, kreise und sodann durch die gediegene Keuntniß und das klare Urtheil besonders der Frauen, anstatt der sonst üblichen Flitterweisheit. Die Ostpreußen sind stolz darauf, daß bei ihnen die Antisemiten absolut keine Gegenliebe finden; ja sie behaupten sogar, daß von diesem Gifte angesteckte Beamte, die in jene Gegend komnien, dort desinfizirt werden. Auch die jüdische Gemeinde in Königsberg ist eigen geartet. Vielen Juden, die dort wohnen, stand die Wiege in Rußland und., Polen, viele einfache Leute besitzen ein gründliches Wissen in Bibel und Talmud und schreiben einen gewandten hebräischen Stil. Der große Handelsverkehr öffnet und schärst das Auge, und nicht Wenige haben den bei unseren östlichen Glaubensgenossen nicht seltenen Heißhunger nach Wissen. In der Königsberger Judengemeinde begegnen sich hochgebildete, deutsche Gelehrte und kluge Chassidim. Es konnte Vorkommen, daß bei Bamberger kurz. nach einander ein Professor vorsprach, der tiefe religionsgeschichtliche Probleme erörterte, und sogleich darauf kam ein Chassid mit der Bitte, daß den Anhängern seiner Sekte in Königsberg das rituelle Bad am Sabbath Morgen geöffnet werden möge. Es gehörte eine außerordentliche Versatilität des Geistes dazu, um beiden Besuchern gerecht zu werden, ohne die eigene Persönlichkeit zu verleugnen. Schon als junger Student verwirklichte Bamberger im Bunde mit einigen Freunden den organisatorischen Gedanken, der jetzt mit so großem Erfolg in vielen deutschen Gemeinden sich siegreich durchgerungen hat, er gründete in Breslau einen Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums, und er wußte so treffliche Männer dafür zu interessiren, er verstand so geschickt die Propaganda bei Jung und Alt, daß jetzt, nach mehreren Jahrzehnten, diese Vereinsabende noch Vielen in der angenehmsten Erinnerung sind. Sogleich von der Schule weg aus dem Breslauer Seminar kam er nach der Großgemeinde Königsberg; das war kein Glückszufall, denn in Königsberg war damals ein so umsichtiger Mann wie Dr. Kosch, der bekannte Abgeordnete und Volksmann, maßgebend, der sich von einem jungen Manne nichts vormachen ließ; überdies besaß Bamberger außer einer stattlichen Erscheinung gar keinen jener äußeren Vorzüge, wie etwa ein sehr klangvolles Organ, einen, stürmischen, hinreißenden Vortrag, die auch einem minderbegabten Menschen einen Augenblickserfolg bei der Menge verschaffen. Bamberger besaß eine Eigenschaft, die besonders seinen Gelegenheitsreden die Wirkung sicherte und die wir als die edelste Blüthe geselliger.Bildung bezeichnen möchten, nämlich Takt. Nur wer einen klugen Kopf und ein gutes Herz hat, ist taktvoll. Unsere Geistlichen sollten gerade auf die Gelegenheilsreden sehr Acht haben; es sind feierliche Anlässe in Freud und Leid; wenn da handwerksmäßige Waare geliefert wird, so geht der Eindruck der feierlichen Ceremonie verloren, und die Betheiligten werden dadurch der Religion überhaupt entfremdet. Auch bei Nichtjuden wird dadurch die Würde ullseres Glaubens herabgedrückt. Eiil hervorragender Mann war jüngst einmal in einer Großgemeinde Zuhörer einer Kasualrede; als er um sein Urtheil gefragt wurde, sagte er : Es war ein Omnibus, und nicht einmal sein eigener. Bamberger hat alle seine Reden auf Sorgfältigste erwogen; man konnte bei wichtigen Anlässen ihm unbedingt vertrauen, daß er nichts Unpassendes Vorbringen werde; sein guter Takt führte ihn auf sicheren Wegen. Deswegen war er auch so sehr geeignet, größere Versammlungen zu leiten; er war die Seele des Deutschen Rabbinerverbandes, und es ist wahrlich kein leichtes Geschäft, eine Versammlung von lauter Rednern zu leiten, die obendrein auf Gegenrede nicht eingerichtet sind. Bambergers Geschick, seine Milde, seine Versöhnlichkeit, die Autorität, die ihn: feine Kollegen willig eiuräumten, hielt, ohne irgendwie zu verletzen, die parlamentarische Ordnung ausrecht und führte die Verhandlungen zu erwünschtem Ziele. Wer zu reden versteht, dem fehlt oft das Talent, zuzuhören. Bamberger war ein guter Zuhörer und sprach nur, wenn er nmßte, wenn es galt, durch sein kluges Wort die hochgehenden Wogen zu glätten. Weit hinaus über seine Gemeinde und über den Kreis seiner Berufsgenossen drang sein Name, als er das Wohlthätigkeitswerk zu Gunsten der russischen Juden organisirte. Was sollte man zuerst bewundern und verehren: seinen nimmer rastenden, sich selbst vergessenden Eifer, die Unerschöpftichkeit seines Verstandes, stets neue Hilfsmittel zu entdecken, in allen Nöthen einen Ausweg zu finden, oder die Milde, die Herzenstöne, mit denen er die Unglücklichen und Gequälten tröstete, aufrichtete und belebte? Sein Name steht in der Reihe jener humanen Geister, welche wir in diesem Jahrhundert als die Wohlthäter der Menschheit Preisen. Auch für die jttdischeir Gemeinden der Provinz Ostpreußen hat er eine Organisation geschaffen, die von berufener Seite in anderen Provinzen ersehnt, geplant, als nothwendig erkannt wird, aber leider nicht verwirklicht werden kann. In Ostpreußen hat Bamberger einen Verband ins Leben gerufen, daß eine geordnete '