Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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volle Stütze der liberalen Sache, ein aufrichtiger Patriot, ein Deutscher von echtem Schrot und Korn. Als er endlich, getragen von dem Vertrauen seiner Mitbürger, 1887 in den Landtag einzog, entwickelte er eine unermüdliche Ttiätigkeit. Sein Mandat wurde 1893 von seinen Wählern erneuert. Seine Arbeiten im Finanzausschuß sind noch in zu frischer Erinnerung, als daß wir hier auf eine detaillirte Schilderung seiner ersprießlichen Thätigkeit eingehen müßten. Wie er es verstand, trotz seiner unerschütterlich festen Prinzipien sich die Achtung aller Parteien durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und seine angenehmen Formen zu gewinnen, so war er auch für seine zahlreichen Freunde ein verlässiger, treuer Freund, ein stets hilfsbereiter Rathgeber. Seine Familie vollends verliert in ihm ihr unermüdlich thätiges, für ihr Wohl treu besorgtes, allzeit liebevolles Oberhaupt. Die liberale Partei in Stadt und Land betrauert in dem zu früh Entschlafenen eine stets bewährte Stütze, dessen Arbeitskraft unerschöpflich schien. Die politische Gemeinde verliert in ihm einen Bürger, der, wo immer er dazu Gelegenheit fand, mit -aller Wärme für die Interessen unserer guten Stadt München eintrat und sie mit aller Hingebung verfocht, die israelitische Gemeinde einen ihrer besten Söhne. Der Ruf seiner Thätigkeit drang auch über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus. Der König von Dänemark und der König von Schweden und Norwegen ernannten ihn im Jahre 1887,, zu ihrem Konsul, Se. königliche Hoheit der Prinz-Regent würdigte seine mannigfachen Verdienste im Jahre 1888 durch Verleihung des Kommerzienrathstitels. Der Verein Deutscher Geschäftsreisender erklärte ihn zu seinem Präsidenten. Wohin immer ja Maison seine Kraft verliehen, dort wird sein Scheiden als ein schier unersetzlicher Verlust empfunden werden. Maison war ein Mann in des Wortes bester Bedeutung, der, was er war, aus eigener Kraft, aus unermüdlichem Streben geworden, von warmem Herzen, klarem Verstände und praktischem Sinne. Au der offenen Bahre durchdringt seine zahlreichen Freunde, die ihm nahe gestanden, — Feinde dürfte der liebenswürdige, humane und hilfsbereite Mann kaum gehabt haben — zunächst nur der tiefe Schmerz über den schweren, unersetzlichen Verlust. Wie hoch Maison von allen seinem Mitbürgern geschätzt wurde, dafür zeugt schon genügend die Thatsache, daß seine Wahl zum Landtagsabgeordneten für München erfolgte, obwohl er Jude war und obwohl damals schon die antisemitische Bewegung auch dahier weitere Kreise ergriffen hatte. Sein Andenken wird hochgehalten werden und nicht so bald schwinden. Der dritte der großen Todten dieser Woche war der Baron Albert Sassoon in London. Sir Albert Sassoon war der Chef des großen gleichnamigen englischindischen Handelshauses. Er wurde am 15. Juli 1818 zu Bagdad geboren, wo seine Familie seit langer Zeit zu den ersten gehörte. Schon sein Vater hatte in Bombay ein Handelshaus errichtet und Verbindungen mit Indien, China und Japan angebahnt. Der Sohn brachte das Geschäft zu hoher Blüthe. Aber auch seinen Glaubensgenossen in Bombay und Bagdad war er ein treuer Freund und Berather. Große Wohlthätigkeitsanstalten in beiden Städten tragen seinen Namen. Im Jahre 1890 verlieh ihm die Königin in Würdigung seiner Verdienste um den englisch-indischen Handel die Baronetswürde. Seine Gattin, Lady Sassoon, ist streng religiös. Der älteste Sohn ist mit der Tochter von Baron Gustav Rothschild in Paris verheirathet. Das Wappen der Familie trägt die hebräische Inschrift: Emeth we-Emnnah und die lateinische: Candide et constanter. Getreu diesem Wahlspruch gestaltete sich auch das Leben und Wirken des Heimgegangenen Barons Albert Sassoon. ' *■ Eine hübsche Illustration zu dem Bilde: derJude als Prügelknabe aller Parteien, haben die Blätter in dieserWoche geliefert. Der sozialdemokratische „Vorwärts" griff die Juden an, weil der Prediger am Grabe des Jnstizraths Levy in dem Morde ein Symptom der immer zunehmenden Begehrlichkeit und der Klaffenkämpfe sah; die antisemitischen Blätter aber freuten sich darüber und erklärten, auch für die Sozialdemokraten sei der Judenschütz blos ein Handelsartikel. Die „Kölnische Zeitung" dagegen fand es für nöthig, bei den'bekannten Enthüllungen der „Hamburger Nachrichten" hervorzuheben, daß „zum Komplot auch galizische Handelsleute gehören" und einen Journalisten von jüdischer Abstammung, nicht aber Gesinnung, herauszugreifen. Und' schließlich kam noch die „Ostdeutsche Rundschau" und erklärte sehr treffend aus demselben Anlaß: „Das Judenthllm hetzt wieder einmal gegen den Dreibund." Also Prügel von allen Seiten — und dennoch, wir leben noch und hoffen, alle diese Parteien und Bedränger zu überleben! *' Heber die jüdischen Soldaten im englischen Heere bringt das statistische Jahrbuch des britischen Heeres über das Jahr 1895, das vor einigen Tagen erschienen ist, intereffante Daten. Vor allem verdienen die großen Erfolge des Obersten Goldsmid verzeichnet zu werden. Oberst Goldsmid ist in Cardiff stationirt, und es gelang ihm, 503 Rekruten für den Armeedienst ausznbilden, welche alle die Schlußprüfung zur definitiven Aufnahme in den Dienst strefflich bestanden, während der sonstige Durchschnitt der approbirten Rekruten Pro Regiment nur 237 betrug. Ein Vergleich mit den Daten früherer Jahre zeigt, daß die Zahl jüdischer Soldaten in stetiger Zunahme begriffen ist, und man darf konstatiren, daß sich alle ohne Ausnahme die Zufriedenheit und das Lob ihrer Vorgesetzten in hohem Grade erwerbem In einer der letzten Nummern der „Admiralitäts- und Kavallerie-Zeitung" („Admirality and Horse-Guard Gazette“) wird in offizieller Weise der jüdischen Soldaten auf das Schmeichelhafteste gedacht. „Wir haben unter den Offizieren der britischen Armee," sagt das genannte Blatt, „einige Angehörige jenes Stammes, welcher, wie wir aus der biblischen Geschichte wissen, ein so ausgezeichnetes Kriegsmaterial lieferte. Es ist sehr zu bedauern, daß wir ihrer nur < so wenige haben, denn es ist ja beinahe ein Gemeinplatz, wenn wir sagen, daß der Jude jede Laufbahn, die er einschlägt, mit Ausdauer und Glück verfolgt. Gleichviel, ob der Unterschied zwischen Juden und Christen auf dem Bekenntnisse beruht, oder im Blute begründet ist, der. jüdische .Soldat im englischen - Heere steht in keinem Punkte seinem christlichen Kameraden nach. Wir wiederholen es: „Je mehr Juden im englischen Heere, desto besser."" ' * Ein bemerkenswerthes Eingeständnis; hat jüngst ein hoher russischer Würdenträger gemacht. Bei der Grundsteinlegung des Gebäudes der medizinischen Fakultät in Odessa hielt der Gehilfe des Ministers für Volksaufklärung, Geheimrath N. M. Anitschkow, eine Rede, die bei der Stellung des Mannes ganz besondere Bedeutung verdient, da in ihr ein Verdammungsurtheil über das in Bezug auf die Ausbildung der Juden in Rußland befolgte System enthalten ist. In seiner Festrede sagte Geheimrath Anitschkow unter anderem, daß sich in Rußland ein besonderer Mangel an Aerzten bemerkbar mache,, wodurch die Volksgesnndheit erheblich leide. Bei uns komme ein Arzt auf 6000 Einwohner, während in Deutschland-bereits auf '3000 Einwohner je ein Arzt konnne, in Frankreich auf je 1800 und in England auf je 1600. Diese Armnth an Aerzten in Rußland Märt der Minister unter anderem dadurch, „daß die Universität, welche ihre Thore sperrweit allen Denjenigen öffne, die nach höherer, Ausbildung verlangen, sich gezwungen sehe, Vielen, welche sich . medizinischen- Studien zu widmen wünschen, Aufnahme zu verweigern zufolge von Ursachen, welche von der Hochschule ganz unabhängig sind."