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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 diesen Mitteln hergestellten Hause der Segen Gottes erfleht wird für Eure Königliche Hoheit und das ganze Großherzogliche Haus." Dieser Bericht ist von dem geschäftsführenden Ausschüsse unterzeichnet. Von Schloß Baden, 20. September d. I., ist folgendes huldvolle Schreiben dem Vorstande zugegangen: „Werthgeschätzter Herr Rabbiner Dr. Adolf Lewin! Der Vorstand des Friedrichsheims für israelitische Sieche und arme Greise hat Mir in einer Adresse seine herzlichen Glückwünsche zu meinem siebzigsten Geburtstag dargebracht. Ich sage für diese freundliche Aufmerksamkeit meinen besten Dank und verbinde damit den wärmsten Wunsch für eine günstige Entwickelung dieser segensreichen Anstalt, die durch so große Opferwilligkeit zu Stande gekommen ist. Ihr wohlgeneigter gez. Friedrich p. m." Die Freude der Versammelten fand begeisterten Ausdruck in den Hochrufen auf den fürstlichen Protektor des Asyls. Nachdem die vom Großherzoglichen Ministerium des Innern behufs Ertheilung der Körperschaftsrechte geforderten formalen Abänderungen der Statuten einstimmig genehmigt waren, reihte sich der Generalversammlung die Vorstandssitzung an, in welcher eine Kommission (die Herren Dukas-Freiburg, Epstein - Eichstetten, Ettlinger-Mannheim, Bezirksrabbiner Loewenstein-Mosbach, Moos-Gailingen) ernannt wurde, die unter Zuziehung von Architekten die vier Orte (Kippenheim, Sulzburg, Randegg, Gailingen) besuchen soll, welche sich darum bewerben, Sitz des Friedrichsheim zu werden, und unter Berücksichtigung aller einschlagenden Faktoren Vorlage über den zu wählenden Ort und den Bauplan demnächst erstatten soll. r. Gießen, 25. Oktober. Einen in seiner Art wohl einzig dastehenden Fall hat unsere Gemeinde zu verzeichnen, die Feier des neunzigsten Geburtstages ihres hochverehrten Rabbiners, Dr. B. Levi, nach einer reich gesegneten, amtlichen Thätigkeit von 67 Jahren. Obschon dieselbe einem Wunsche der Familienangehörigen zufolge eine ganz interne sein sollte, ließ es sich der Vorstand der Gemeinde doch nicht nehmen, an dem dem Geburtstage voräufgehenden Sabbathe in dem Gotteshause, der Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit, eine kleine Gedenkfeier zu veranstalten. Zu diesem Zwecke war dasselbe reich geschmückt und von einer großen Zahl der Gemeindeangehörigen gefüllt« Der Synagogenchor verherrlichte die Feier durch Gesang, und Kantor Marx hielt die Festrede, welche tief ergreifend auf alle Zuhörer, namentlich aber auf den greisen Jubilar selbst wirkte. Redner schilderte in warmen, von Herzen kommenden Worten das schöne Berhältniß zwischen der Gemeinde und ihrem langjährigen Führer und flehte zum Schluffe Gottes reichsten Segen auf ihn herab. Tief bewegt ergriff nunmehr Herr Dr. Levi selbst das Wort unter Zugrundelegung des Textes: „Berge mögen weichen, Hügel mögen wanken, meine Liebe zu Dir wird nicht weichen." Der Inhalt seiner Worte gipfelte in dem Gedanken, daß seine Liebe zur Gemeinde bis zum letzten Athemzuge bestehen bleibe. „Ich bin zu bewegt," so schloß er, „als daß ich lange reden könnte, ich schließe Euch alle in mein stilles Gebet ein." Thatsächlich mußte Herr Dr. Levi den Gottesdienst vor Beendigung desselben verlassen, weil ihn die Feier doch zu sehr angegriffen hatte. Dagegen war er an dem eigentlichen Geburtstage in ausgezeichneter Verfassung und munterer denn je; wußte er sich doch umgeben von seiner ganzen Familie, seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, von der Liebe seiner Gemeinde und . aller Derer, die mit ihm in irgend welcher Verbindung standen. Zur Gratulation erschien der Gemeindevorstand in corpore und überreichte erne künstlerisch ausgestattete Glückwunschadresse und ein Geschenk. Dann gratulirte Oberbürgermeister Gnauth im Namen der Stadt und bemerkte u. A., daß nach seinen Feststellungen Herr Dr. Levi der älteste Bürger der Stadt sei. Die Zahl Derjenigen, welche persönlich zur Gratulation erschienen, war in berechtigter Weise mit Rücksicht auf die unausbleiblichen Strapazen des Tages eine sehr beschränkte; dagegen liefen zahllose telegraphische und briefliche Glückwünsche, herrliche Blumenspenden und sonstige Zeichen der Verehrung ein, die alle Zeugniß davon ablegten, welcher Beliebtheit sich Herr Dr. Levi in weiten Kreisen erfreut. Am meisten überrascht und erfreut hat ihn aber der Besuch der drei Herren Rabbinen von Mainz, Worms und Darmstadt, Dr. Saalfeld, Dr. Stein und Dr. Selver, welche es sich nicht nehmen ließen, ihrem greisen Kollegen persönlich anläßlich dieses seltenen Tages Glück zu wünschen. Dr. Stein aus Worms wußte diesen Gefühlen in herzlichen Worten Ausdruck zu verleihen und überreichte im Namen seiner Herren Kollegen eine wundervolle Palme. Während der Anwesenheit des Vorstandes waren wir Zeuge einer hübschen Szene. Der Sohn des Herrn Dr. Levi, Generalmusikdirektor Levi aus München, fragte: „Nun, meine Herren, sagen Sie mir mal: Ist mein Vater denn eigentlich noch im Amt oder ist er aus demselben?" Als ihm erwiedert wurde, daß das erstere noch der Fall sei, sagte er: „Dann möchte ich aber, daß er bald aus dem Amte scheide!" Die Regierung hat bekanntlich die Pensionirung des Herrn Dr. Levi bereits ausgesprochen, jedoch angeordnet, daß er noch bis zum Eintritt seines Nachfolgers im Amte verbleiben müsse. Bei dieser Gelegenheit wird alsdann auch seitens der Gemeinde eine größere Feier zu Ehren des scheidenden Seelsorgers veranstaltet werden. Am'Nachmittag fand in Steins Saal bau ein Diner im engsten Familienkreise statt, an welchem auch die Herren Rabbiner, der erste Vorsteher der Landjudenschaft, sowie der Kantor der Gemeinde theilnahmen. Herr KommerzieNrath Heichelheim, der 1. Vorsitzende, war wegen dringender Berufsgeschäfte verhindert, der an ihn ergangenen Einladung Folge zu leisten. Das Hoch auf Herrn Dr. Levi brachte Rabbiner Dr. Saalfeld in zündenden Worten aus. Gar zu schnell verflossen die schönen Stunden, und heute haben wir nur noch die Erinnerung an diesen seltenen Tag, der mit unauslöschlicher Schrift in der Geschichte der Gemeinde eingeschrieben sein wird. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 26. Oktober Die Verhandlung gegen den Redakteur Hugo Kraus, der angeblich dem Dr. Lueger bei dessen Ankunft in Bud weis ins Gesicht spukte und einen Faustschlag versetzte, endete mit dem Freispruche des Angeklagten; dagegen wurde der antisemitische Journalist Hoske verurtheilt. Hoske, ein Mitarbeiter des „Magyar Allam", hatte sich wider die Anklage der Aufreizung gegen eine Konfession zu verantworten. Hoske hatte in dem genannten Blatte zwei Artikel antisemitischer Tendenz veröffentlicht, derentwegen die Ober-Staatsanwaltschaft die Anklage wider ihn erhob. Die Geschwornen beantworteten die an sie gerichteten Schuldfragen in Bezug aus die Aufreizung gegen eine Konfession mit acht gegen vier, beziehungsweise zehn gegen zwei Stimmen in bejahendem Sinne, worauf der Gerichtshof den Angeklagten zu zwei Monaten Gefängniß und 20 Gulden Geldstrafe verurtheilte. — Der Stadt Tarnow war es Vorbehalten, das antisemitische Programm der konfessionellen Schule zu verwirklichen. Die Leiterin der Mädchenschule hah die zweite Klasse der Anstalt in zwei Parallelklassen getheilt. In die,.erste wurden die Kinder christlicher, in die zweite die Kinder der mosaischen Religion ein gereiht. Die erste Klasse wurde überdies einer christlichen, die zweite einer jüdischen Lehrerin übergeben. Der Bezirksschulrath hat diese Verfügung gebilligt und den Landesschulrath auf Grund des Beschlusses vom 17. d. um die Bestätigung derselben angegangen. Die fragliche Mädchenschule ist eine städtische Schule und wird als Volksschule aus öffentlichen Mitteln erhalten. — Frau Baronin Clara Hirsch hat jüngst den Lehrern der galizischen Baron Hirsch- Stiftung zur Erinnerung an ihren verstorbenen Gatten Gratifikationen im Betrage von 40 000 fl. gewährt. Für Abbrändler in Galizien ohne Unterschied der Konfession spendete Baronin Hirsch: für Delatyn 5000 fl., für Podwoloczyska 2532 fl., für Wielopole Skrzynka 1100 fl., für Uscie Zielone 8500 fl. Außerdem ließ Baronin Hirsch dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus den Betrag von 1000 fl zuwenden und hat für Schulbauten bedeutende Summen gewidmet. — Wie weit die von antisemitischer Seite getriebene Wahl-Agitation führt, zeigt u. a. die Wahl in Neusohl, wo es zu den ärgsten Ausschreitungen kam. In Erdököz griff der Pöbel den Gendarmerieposten an und brachte denselben in eine so kritische Lage, daß die Gendarmen ihre. Waffen gebrauchen mußten, wobei ein Individuum erschossen und elf schwer verwundet wurden. Der Pöbel zerstörte das Haus des Orlsrichters, zertrümmerte die Ankündigungstasel des Matrikenführers und den Postkasten, sowie die Fenster aller Häuser, in welchen Israeliten wohnen. — Gelegentlich der Demolirung des Hauses Spiegelgaffe 6, hier, kamen im Keller eingemauerte Bausteine mit Resten von vier alten hebräischen Grabinschriften zum Vorscheine, die sich derzeit noch in der Bauhütte des Neubaues befinden. Es sind im Ganzen sechs Fragmente, von denen drei zusammengehören. Allerdings fehlt bei allen vier Inschriften eine Zeitangabe, doch läßt schon die Buchstabenform auf ihr hohes Alter schließen. Die Fragmente find wenig umfangreich: das eine-weist nur die rechte, schön profilirte Ecke eines Grabsteines mit nur drei in zwei Zeilen erhaltenen Buchstaben auf, zwei andere erinnern an

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