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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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:-'l die in hebräischen Grabinschriften geläufige Formel: „Möge seine (ihre) Seele vereint sein im Bunde der (ewig) Lebenden", — in einem scheint der Name Jehüd erkennbar zu sein. Die Fragmente des vierten Grabsteines, der fich durch besonders scharfe und tiefe Schrift auszeichnet, dürften das Epitaph einer Frau, Magdalena — auf dem Stetste: Magdalena, Tochter oder Frau eines Joseph — gewesen sein. Tv'otz des spärlichen und historisch unwesentlichen Inhaltes entbehren diese jüdischen Grabinschriften nicht eines besonderen Interesses. Wann zum ersten Male sich Juden in Wien angesiedelt haben, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Camesina nimmt an, obwohl dafür keine Bellege beigebracht werden können, daß schon zur Zeit der RömerherrschAft Juden hier ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Urkundlich beglaubigt ist nach Wolf der älteste jüdische Friedhof vor dem Kärntnerthore (1$‘85 verkaufen Ulrich Bader und seine Erben ihre Badstube, gelegen vor dem Kärntnerthore zunächst dem Judenfreithofe). Diese Grabstätte dümte bis zum Jahre 1421. bestanden zu haben; von dort stammen wohll^me die nun gefundenen Fragmente, und dieselben gehören somit spätestens dem Anfänge des fünfzehnten, wahrscheinlich jedoch einem früheren Jahrhunderte an. — An der k. und k. Militär-Oberrealschule in MährisÄ)- Weißkirchen wurde der k. k. Landwehr-Rabbiner Herr Dr. Rab bin o w iez zum Religionslehrer bestellt. 81. Budapest, 25. Oktober. Peinliches Aufsehen erregt in allen Kreisen ein Fall, der bisher in Oesterreich-Ungarn nicht seinesgleichen hatte. Seitdem die Monarchie eine gemeinsame Armee und die Heiden I Reichshälften Honved- oder Landwehrtruppen erhalten, waren sämchtliche Theologen ohne Unterschied der Konfession vom aktiven Militärdienst befreit. Diese Begünstigung wurde den Hörern des Budapester Rabbinerseminars, der Preßburger Rabbinerschule und der WjMr. theologischen Lehranstalt bisher ohne Ausnahme ertheilt, so lange Sie ungarländische Judenschaft der Segnungen des Rezeptionsgesetzes nicht theilhaftig wurde. Die israelitische Landeskanzlei brachte das einzigen seiner Art dastehende Kunststück zu Stande, daß mit Hilfe eines GeseAs, das die vollkommene Gleichberechtigung einer Konfession ausspricht, ^ür dieselbe Konfession ein neuer Ausnahmezustand geschaffen wurde. In dem Bescheide, mit' dem ein Hörer der Wiener Lehranstalt abgewiesen wurde, erklärte der Honvedminister, daß dem Petenten auf Basis des Rezeptionsgesetzes die verlangte Begünstigung nicht ertheilt wird. Und dies geschah — doireriäum dictu — auf Antrag der , israelitischen Landeskanzlei, trotzdem andere ungarländische Hörer im Vollgenusse dieses Benefiziums sind. So haben wir seit dem 1. Oktober zum ersten Male einen einjährig-freiwilligen — Rabbinatskandidaten. (!!!!) — Dr. Victor Jstüczy, der schweigsam gewordene Antisemitenführer, macht in einem an seine Wähler gerichteten Schreiben folgende interessante Bemerkung: „Die ungarischen Politiker sagen, es gebe keine Judenfrage. Die Nation hat die Ansicht Jener, die sie als Führer acceptirt hat, bei den jüngsten zwei Wahlgängen auch faktisch gebilligt. Nun, ich wünsche ihnen viel Glück zu dieser Politik. Dabei wünsche ich zugleich den Betreffenden, sie mögen jeder Einzelne dieselbe Erfahrung machen, wie sie mir zu Theil geworden. Dann sind wir quitt. Sie werden diese noch erleben, und wenn sie nicht, ihre Kinder." — Von den Förderern der Millenniumsausstellung erwarb sich Motziz Gellöri die höchsten Verdienste. In Anerkennung derselben wurde er jetzt durch Verleihung des Titels eines königl. Rathes ausgezeichnet. — Der Großindustrielle Marcel Neuschloß wurde ebenfalls durch Verleihung dieses Titels, der Journalist Anton Deutsch durch Verleihung »Ses Ritterkreuzes des Franz-Josef-Ordens ausgezeichnet. Rußland. in. St. Petersburg, 10. Oktober. Aus Alt - Si'eniawa wird berichtet: Nicht weit von unserer Stadt, auf dem Gute des Grafen Stadicki, verrichten viele jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen Feldarbeit. 'Sie erhalten einen Taglohn von 40 Kopeken, womit sie bei ihrer Bedürfnißlosigkeit auskommen. Der Gutsverwalter des Grafen spricht sich anerkennend über die jüdischen Arbeiter aus. Leider naht der Winter, der sie bald brodlos machen wird. — In Rostow am Don ist eine merkwürdige Frage zur behördlichen Entscheidung gekommen; ob es nämlich gestattet ist, in jüdischen Kranken- und Asylhäusern jüdische Gottesdienste zu veranstalten. Die Polizei verbot die Abhaltung derselben, gestützt auf den Buchstaben des Gesetzes, nach welchem die Juden nur-in Synagogen und Talmudlehrhäusern gemeinschaftlich beten dürfen. Die jüdische Gemeinde Rostows hat sich nun an den Militärgouverneur des Don'schen Gebietes unter Berufung auf eine Gesetzesstelle mit der Bitte gewendet, daß er die Polizei anweise, den Gottesdienst in jüdischen Kranken-und Asylhäusern zu gestatten. Türkei. a. Konstantinopel, im Oktober. Daud Effendi, gegenwärtig Staatssekretär des Sultans, ist Jude und, wie ein zur Zeit in Konstantinopel weilender Berliner Schriftsteller von dort mittheilt, ein warmer Freund Deutschlands. Derselbe berichtet: „Daud Effendi ist der intimste Freund des Ministers des Auswärtigen, Tewfik Pascha, und beeilte sich, mich dem Minister vorzustellen. Der Minister Tewfik Pascha ist.den Berlinern kein Fremder, er war ja lange Jahre bei uns Botschafter. In dem duftigen Garten saßen dann wir vier: der Minister, Daud Effendi, Herr Bondy und ich, es war kein feierliches Interview, sondern ein zwangloses gegenseitiges Aussprechen. Der bemerkenswertheste Satz aus dieser Unterredung scheint der Ausspruch Daud Effendis zu sein: Die orientalische Frage kann nur durch Geduld und ernsthafte Arbeit gelöst werden, nicht durch Leidenschaft und Haß." Non Nah und Fern. — Wegen Beleidigung des Grafen Mirbach, Oberhofmeisters der Kaiserin, ist gegen Ludwig Schwennhagen und den Verleger des antisemitischen „Deutschen Generalanzeiger", Karl Sedlatzeck, Anklage erhoben worden. Beanstandet ist ein Artikel in der Nummer des vorerwähnten Blattes vom 24. Mai. betitelt: „Der Judengeldsammler für die Berliner Kirchenbauten", als dessen Verfasser Schwennhagen ermittelt wurde. — Bei der königlichen'Akademie der Künste gelangt durch den Senat für das Frühjahr 1897 der Preis der ersten Michael Beer-Stiftung in Höhe von 2260 Mark für jüdische Bildhauer zur Ausschreibung. Die Bewerber haben die Aufgabe zu lösen: „Verschmachtende finden eine Quelle." — Dem Privatdozenten in der philosophischen Fakultät der Universität zu Berlin Dr. H. Dessau ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. — Der Synagogen - Verein „Ahawas Scholaum" hat Herrn Dr. S. Stein zum Rabbiner und Prediger gewählt. Dr. Stein hat auch die Leitung der Religionsschule übernommen. — Am 10. November feiert der Landes - Oberrabbiner Dr. F. Hamburger in Strelitz i. M. seinen 70. Geburtstag. Von den Gemeinden des Großherzogthums werden schon Vorbereitungen getroffen, diesen Tag festlich zu begehen. — Die erledigte Stelle eines Distrikts-Rabbiners in Burgkunstadt wurde Herrn Dr. Goitein, seither in Marienbad, übertragen. — Der Lütticher Senator Herr Montefiore-Levi, der zur Begründung eines elektrotechnischen Institutes an der Staatsuniversität Lüttich 300 000 Frcs. gespendet hat, hat zur Beschaffung von Instrumenten diesem Institute weitere 150 000 Frcs. gewidmet. — Aus Paris berichtet man, daß der dortige russische Gesandte, Baron Mohren he im, der Enkel eines vom Kaiser Joses II. in den Adelsstand erhobenen, getauften Juden aus Oesterreich sei. — Baronin Hirsch hat Mr. Claude G. Montefiore, dem Präsidenten der Englisch-Jüdischen Allianz (Anglo- Jewish-Association), einen Beitrag von 200 Lstrl. gesendet. — Der Chovevi Zion-Berein (Chevevi Zion Association) in London hat ein Komitee zu dem Zwecke gebildet, eine jüdisch-palästinensische Ausstellung in London zu veranstalten, und eine Summe von 1000 Lstrl. wurde bereits gezeichnet. — Dr. Emil Berger, dem bekannten Augenarzt in Paris, ist vom König von Portugal der Adel verliehen worden. — Der König von Italien hat dem Maler Joses Israels in Amsterdam das Kommandeurkreuz des Ordens der italienischen Krone verliehen. — Petersburger Blätter melden, daß im Februar die Revisionsarbeit des Senats bezw. der Urschriften und Gesetze für die russischen Juden beginnen werde. Und wie lange wird sie dauern? — Der bekannte Reisende Ney Elias, Generalkonsul für Großbritannien in Meshed, wird nach einer, Dienstzeit von 22 Jahren bei der indischen Regierung seinen Abschied nehmen. Er war früher politischer Geschäftsträger in Beludschistan. Druck und Verlag von Nu v vif Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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