Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60. Jahrgang. Nr. 44. Berlin, 30. Oktober 1696' Der Grmeittdelwte. Weilcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 25. Oktober. Wie alljährlich, so versendet auch diesmal wieder das bewährte Komitee für Channuka-Bescheerung den folgenden Aufruf, den wir allgemeiner Beachtung empfehlen: „Beim Nahen der rauhen Winterszeit wenden wir uns wiederum für eine Schaar von mehr denn 1000 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschulen besuchen, an das allezeit milde Herz unserer Glaubensgenossen um Spendung von Geld für die nöthigsten Kleidungsstücke. Diese Gabe schützt nicht nur die kleinen Körper vor Kälte, sondern erfreut auch ihr Herz und wirft in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst freudlosen Dasein die ermunternde Gewißheit bringt, daß sie von den Nebenmenschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Channukafeste laut unseres Berichtes vom Januar 1896 1100 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche und Lehrmittel. So wurde bitterste Noth an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie man uns aus Lehrerkreisen berichtete, einen moralischen Einfluß auf die Schüler zu üben, indem wir bei unseren Recherchen diejenigen Kinder bevorzugten, die sich durch Fleiß, Betragen und Sauberkeit auszeichneten. Beide Erfolge ermuthigen uns, alle Kinderfreunde, besonders die Frauen unserer Gemeinde, herzlichst zu ersuchen, durch eine freundliche Gabe an Geld, Stoffen, Jugendschriften oder dergleichen dies Liebeswerk wiederum fördern zu helfen." Vorsitzende dieses Komitees ist Frau Julie Neumann, Viktoriastraße 31. c/2 Berlin, 26. Oktober. Die Beerdigung des Justizraths Levy fand am 21. d. Mts. unter großer Theilnahme der Juristenwelt und der verschiedensten Klassen der Bevölkerung auf dem Friedhofe zu Weißensee statt. Von hochgestellten Justizbeamten bemerkten wir zunächst den Justizminister Schönstedt, den Staatssekretär des Reichs- Justizamts Nieberding, den Kammergerichtspästdenten Drenkmann, den weitaus größten Theil der Senatspräsidenten und der Räthe des Kammergerichts, zahlreiche Räthe der Land- und Amtsgerichte I und II und viele Beamte der genannten Gerichtsbehörden, sodann die Vorstandsmitglieder der hiesigen Anwaltskammer und des Berliner Anwaltsvereins, die sämmtlichen Mitglieder des Anwaltskollegiums bei dem Kammergericht und fast die gesummten bei den Land- und Amtsgerichten I und II beglaubigten Anwälte, Abordnungen verschiedener gemeinnütziger Institute, kaufmännischer und juristischer Korporationen, Banken u. s. w. Gesänge, die von einem im Hintergründe befindlichen Sängerchor ausgeführt wurden, leiteten die Feier stimmungsvoll ein. Das Wort nahm zunächst Rabbiner Dr. May bäum zur Trauerrede. Er knüpfte an den Vers aus den Klageliedern Jeremiä: „O schauet und sehet: Giebt es einen größeren Schmerz, als den meinigen, welchen der Herr mir ersonnen und angethan hat am Tage seines Grimmes!" an. Der Redner entwarf ein Bild des Entschlafenen in seiner Eigenschaft als hingebender Gatte und Vater, als unbeugsamer Vertreter und Wahrer des Rechts, als erfahrener und weltgewandter Anwalt, dessen Name in der Geschichte moderner Justizpflege in Ehren genannt werden wird. Dann wies er hin auf die Stelle im 5 Buch Mosis, worin das Volk Israel aufgefordert wird, hinauszugehen zu den Thoren und an der Leiche eines Erschlagenen die Hände zu waschen, zum Zeichen, daß es unschuldig sei an dem verruchten Verbrechen. Es sei schwer, unsere Zeit mit ihren Klassen- und Interessen - Kämpfen freizusprechen von der Schuld an solchen Thaten. Die Begierde werde schon angeregt in den Herzen der Jugend, die gar zu leicht auf den Pfad des Verbrechens gerathe Mit Worten des Trostes schloß der Redner seine eindrucksvolle Predigt, welche die Hörer tief ergriff. Nach einem Liede des Sängerchors ergriff das Wort der Geheime Justizrath Lesse, der Vorstand der Anwaltskammer, der mit dem Ausdruck der Hoffnung schloß, daß die juristische Jugend sich an einem solchen Manne ein Beispiel nehmen möge. Nachdem sodann noch Justizrath Wilke dem Verewigten einen warmen Nachruf gewidmet, schloß die Leichenfeier, und der Sarg wurde in der Reihe der Ehrengräber der Erde übergeben. — Der Berliner Anwaltsverein veranstaltet am 29. d. Mts., Abends 8 Uhr, eine Gedenkfeier für Justizrath Levy, bei welcher der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Justizrath Adel, ein Jugendfreund des Ermordeten, die Gedächtnißrede halten wird. Für die Feier ist dem Verein der Plenarsitzungssaal des Abgeordnetenhauses eingeräumt worden. — Es muß übrigens bei dieser Gelegenheit niedriger gehängt werden, daß der fromme „Reichsbote" — das einzige Blair der Residenz! — auch selbst diesen traurigen Anlaß zu einer antisemitischen Tirade benutzt hat, in dem er schlankweg behauptete, „daß der jüdische Rechtsanwalt schwerlich ein besonderer Verehrer der Sonntagsruhe gewesen sei, sondern wahrscheinlich seinen Schreiber gar oft auch am Sonntag im Büreau beschäftigt und schwerlich zu besonderer Achtung vor der Sonntagsruhe beeinflußt haben wird." Die weiteren Konsequenzen kann man sich ungefähr denken. «vt» Berlin, 28. Oktober. Aus den Litteraturvereinen. Im Berliner Verein fand gestern der erste Diskusstonsabend im Architektenhause statt. Dr. Hirsch Hildesheimer hielt einen sehr interessanten und belehrenden Vortrag über das Thema: „Griechische und römische Schriftsteller über Juden und Judenthum". Dann folgte die Beantwortung einiger Fragen und die Erledigung von Vereinsangelegenheiten. In Cöthen in Anhalt halber Verein seineThätigkeitebenfalls schon begonnen. Kommerzienrath Meyer hielt am vorigen Donnerstag, anknüpfend an die vom Bürgermeister Brinkmann in Königsberg bei dem Festmahle anläßlich der Einweihung der neuen Synagoge in Königsberg gehaltenen Rede, einen Vortrag über Lessings „Nathan der Weise". Es werden nun die Vorträge allmonatlich weiter folgen. o. Königsberg, 27. Oktober. Einen schweren, ja unersetzlichen' Verlust hat unsere Gemeinde durch das Hinscheiden des Herrn Rabbiners Dr. I. Bamberg er, der gestern Mittag um 12 Uhr nach langen und schweren Leiden im 63. Lebensjahre gestorben ist, erlitten. Ausgezeichnet durch hervorragende Gaben des Geistes und des Herzens, war der Verblichene nicht blos ein bedeutender Kanzelredner und treuer Seelsorger seiner Gemeinde, sein für die Noth der Armen warm schlagendes Herz trieb ihn auch dazu, auf dem Gebiete des Wohlthuns eine weitgehende Thätigkeit zu entwickeln, die zahlreichen, in dieser Richtung arbeitenden Vereinen zu Gute gekommen ist. Geboren zu Angenrod in Hessen, wurde Bamberger gleich nach Beendigung seiner Studien am jüd.-theol. Seminar zu Breslau als Rabbiner nach Königsberg berufen, und hier hat er länger als 30 Jahre hindurch in dieser Stellung mit reichem Erfolge gewirkt, nicht blos innerhalb des Kreises seiner Glaubensgenossen, sondern weit darüber hinaus ein gesegnetes Andenken hinterlassen. Hat er sich so in zahlreichen Herzen ein unsichtbares Denkmal gesetzt, so fehlt es ihm auch nicht an einem sichtbaren, denn die vor Kurzem eingeweihte prachtvolle Synagoge darf als fein Werk angesehen werden, mit dem sein Name immerdar verknüpft bleiben wird. Ein ausführlicher Nekrolog folgt in nächster Nummer. R. Posen, 25. Oktober Am 4. d. Mts. starb hier ein Mann, der das seltene Alter von 100 Jahren erreicht hatte und noch vor zwei Jahren als stadtbekannte Persönlichkeit sich ziemlich rüstig durch die Straßen bewegte, Herr Levy Sachs. Derselbe war stets stolz darauf, mit Kaiser Wilhelm I. genau im gleichen Alter zu stehen, er war nämlich ebenfalls am 22. März 1797 geboren. Er betrieb in früheren Jahren das Schneiderhandwerk und hat im Jahre 1833, als „die Verordnung betreffs des Judenwesens in der Provinz Posen" erschien, in der hiesigen Gemeinde eine hervorragende Stellung als Agitator gespielt. Als damals zum ersten Male hierorts Repräsentanten gewählt wurden, standen sich bereits Altfromme und Neue gegenüber; zu gleicher Zeit waren die Talmudisten mit den Amharazim (Ungelehrten) in Streit ge-