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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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52,7 hat, in meine alte Gleichgiltigkeit zurückverfallen. Ich habe die nöthigen Anordnungen ertheilt. Der Paraklaänvi ist bereit. Morgen fahre ich nach Moskau. Wenn ich depeschire, antwortet er doch nicht die Wahrheit. . . . Das Wetter ist bitter kalt, und die Oefen hier sind so klein. . . . Mich fröstelt, aber ein Glas Wutki wird mich wieder auf den Damm bringen. . . . Man klopft. . . . Klara Petroffska läuft zur Thür. Wer mag da sein? Paul? Montag Nachmittag. — Nein, Paul.war es nicht Nur Nikolaus Plexandrowitsch. Er hatte tttt Dorf gehört, daß ich Vorbereitungen für eine Reise träfe, und wollte sich danach erkundigen unb mir Vorwürfe machen, daß ich ihm nichts davon gesagt habe. Er athmete wie erlöst auf, als er hörte, daß ich nur nach Moskau reisen wolle, um mich nach Paul umzusehen. Außer unserem Gastwirth giebt es keinen Juden im diesem wirklich gottverlassenen Nest. Natürlich zähle ich mich nicht mit. auch nicht den Doktor. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Pope auch ein Jude wäre. Ich muß lachen, — aber wer weiß? So sitze ich nun hier, in meinen dicksten Pelz gewickelt, während Nikolaus auf dem Weg nach Moskau ist. Er sprach wahr, als er sagte, daß ich zu schwach sei, um die Reise zu unternehmen. Der Parakladnoi allein schon kann einen gesunden Menschen niederwerfen; ob er die Wahrheit gesagt, daß er auch geschäftlich in Moskau zu thun habe, weiß ich nicht. Da! (Ja!) er ist ein guter Kerl, mein Bruder Nikolaus. Morgen werde ich wissen, ob meinem Sohn, meinem einzigen Kinde, etwas zugestoßen ist. Dienstag Abend. — Gott sei Dank! Eine Depesche von Nikolaus! „Habe Paul gesehen, keine Ursache zur Unruhe. Werde schreiben." Segen über Dich, mein Freund, daß Du die Unruhe mir genommen. Ich fühle mich schon wohler. Paul hat sich, wie ich mir denke, Hals über Kopf in seine journalistischen Arbeiten gestürzt und hat seinen Vater vergessen. Ueberdies ist es erst vierzehn Tage her, obgleich es mir Monate zu sein scheinen. So wird er doch schreiben' Jetzt werde ich in ein oder zwei Tagen von ihm hören. Aber — ein plötzlicher Gedanke. „Werde schreiben! Wer wird schreiben? Paul oder Nikolaus? Oh, Paul; Paul zweifelsohne. Nikolaus hat ihm von meiner Angst erzählt. Ja, morgen Abend oder den folgenden Morgen werde ich einen Brief von Paul haben.. Alles ist gut. Was Paul wohl sagen würde, wenn ich ihm die Wahrheit berichtete? Ich fürchte, ich werde es nie erfahren. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) ch will auf meine alten Tage Ruhe haben," war Rephoels stereotype Antwort. Und das hatte man gehört. Als nämlich in der Woche vor dem Neujahrsfeste Fanny mit ihrem Gatten und ihren Kindern in ihrer eigenen Equipage mit einem livrirten Kutscher aus der Stadt gekommen war, wie es hieß, um dem Alten Glück zu wünschen und um das Grab der Mutter zu besuchen, da wurden trotz der vielbewunderten Toiletten manche Zweifel an Fannys Glück laut. Benisch Glaser hatte gerade in der Küche eine zerbrochene Fensterscheibe durch eine neue ersetzt, als er im anstoßenden Zimmer ein heftiges Gespräch zwischen Reb Rephoel und seinem Schwiegersöhne hörte, von dem er soviel vernahm, daß der jüngere der beiden Männer sagte: . . bin ich auf dem Bcttelstecken," worauf der .Alte in seinem tiefsten Brummtone erwiederte: „Ich will auf meine alten Tage wenigstens Ruhe haben." Benisch hört durch Mauern, und Benisch sagt keine Lüge. Er sagt nur, was er weiß, und zwar thut er das sehr regelmäßig. Reb Rephoel merkte auch, daß man in der Khille ahnte, was ihn bedrücke, und daß that ihm besonders wehe, daß die verachteten Epigonen, welche die heutige Gemeinde bilden, mit innerer Genugthuung oder doch zum Mindesten mit Bedauern auf ihn blicken. Und Reb Rephoel will von Niemandem bedauert sein, am allerwenigsten von Jossel, dem Sohne der Milchausträgerin, von Löbele, dessen Vater -im Kriminal gesessen ist, von Meier Zaberditz, der seinen Namen weder auf deutsch noch auf jüdisch unterschreiben kann, und tute sie .saust heißen, welche die heutige Khille zusammeusetzeu. Sie wissen es aber doch! Darüber kann kein Zweifel herrschen. Als er dem Benisch für die Fensterscheibe zahlte, sagte dieser mit seiner widerlichen Höflichkeit, die mit seinen schielenden Augen und mit seiner rasselnden Stimme den denkbar abstoßendsten Eindruck machte: „Ihr habet zu Gutem Eure Kinder versorgt. Ihr könnt ein gering' Leben führen." Das war dem alten Reb Rephoel ein Stich durchs Herz. Sie hätten sich Alle geweidet an seinem Schmerz, wenn es in der Zeitung stand: Die Firma S. H. Noseubaum ist in Konkurs gegangen. Es dürfte nicht sein, aber — zehntausend Gulden! Eine schwere Qual, und das Schlimmste — aussprechen durfte er sich vor Niemandem. Und das war noch nicht alles, was ihn bedrückte. Seinen schwersten Kummer wollte er sich nicht gestehen. XEr kam von seinem Max, von dem er mit Stolz gesagt hatte, daß er dem Vater noch nie eine böse Stunde bereitet habe. Kurz vor dem Neujahrsfeste hatte ihn Herr Zdara, der Gutsverwalter des Grafen Ulrichstein, besucht, mit dem er gelegentlich noch Geschäfte zu machen pflegte. Herr Zdara hatte einen Bruder, der als Bergrath in demselben Orte ansässig war, in welchem Max praktizirte. Wie sich nun das Gespräch auf den jungen Doktor und seine Popularität in Beamtenltnd Bergmannskreisen lenkte und Reb Rephoel den Wunsch anssprach, daß Max in eine angenehmere Stadt ziehen möge, wo er sich eine eigene Häuslichkeit gründen könne. meinte der Verwalter scherzhaft: „Wer weiß, Herr Kohu. ob wir nicht noch einmal in die Verwandtschaft kommen! Mein Bruder hat hübsche Mädeln, und der Doktor scheint sich da sehr zu Hause zu fühlen." Reb Rephoel hatte ein Gefühl, als ob ihm Jemand den Daumen an die Kehle setzte. Vergebens rang er nach einer Antwort. Die Sache, obwohl als Scherz hingeworfen, schien nicht so unglaublich, ja nach manchen Indizien wahrscheinlich. Max stand hoch in den Dreißigern, hatte also schon lange die Altersgrenze überschritten, welche der Talmud dem jungen Manne als heirathspflichtiges Alter vorschreibt. Er war auch in der Lage, eine Frau ztl ernähren, und mllßte in dem stillen Bergstädtchen gewiß das Bedürfniß nach einer eigenen Häuslichkeit empfinden. Auch wäre es ihm ein Leichtes . gewesen, unter den Töchtern Israels zu wählen, obwohl die gesellschaftliche Jsolirung in dem kleinen Städtchen für eine jüdische Fratl empfindlicher werden mußte als für einen Mann. Und doch, wenn Reb Rephoel es sich überlegte, es war unmöglich! Sein Max, sein einziger Sohn, konnte ihm diesen Schmerz nicht anthun, er mußte - doch selbst in der jahrelangen Entfremdung das Gefühl haben, daß ein solcher Schritt den alten Vater in das Grab bringen müsse. Um diesem peinlichen Gefühl der Ungewißheit ein Ende zu .machen, setzte sich Reb Rephoel, gleich nachdem ihn der Verwalter . verlassen hatte, an seinen Schreibtisch und schrieb seinem Sohne einen hebräischen Brief, in welchem er ihm zum neuen Jahre -gratulirte. In künstlichem Musivstile wünschte er dem Sohne, daß er bis zum nächsten Jahre, von einer Mauer beschützt, von einer

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