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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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526 sprach Melancholie und Verfall zu mir. Die Sonne ging blutig roth am Horizont unter. Vereinzelt hörte ich die Wölfe heulen, — aber sie waren weit entfernt. Montag. — Sv — gerade eine Woche ist's her. Nikolaus Alexandrowitsch meint, ich dürfe noch nicht wieder schreiben, aber ich muß, wenn auch nur in wenig Zeilen, das Versäumte nachholen. Merkwürdig ist's doch, wie jede Gewohnheit, selbst das Tagebuch führen, uns zum Sklaven macht. Ach, gut denn! wenn ich krank gewesen bin, so war ich doch, glücklich während dieser Zeit, denn diese schrecklichen Stürme würden mich ans Haus gefesselt haben. Nikolaus Alexandrowitsch sagt, es sei ein milder Anfall von Influenza. Gott schütze mich vor einem ernsten! Und doch wäre es wohl besier gewesen, sie hätte mich gleich dahingerafst. Aber das ist ein feiger Gedanke! Ich muß der Zukunft tapfer entseßen sehen, meine eigenen Hände haben mein Schicksal geschmiedet. Wie das Schreiben mich quält, mich zittern macht! Ich muß Nikolaus' Vorsichtsmaßregeln befolgen. Er ist ein offener, gutherziger Bursche, ist unser Dorfarzt, und während ich im Bette lag, hatte ich zwei oder drei Unterhaltungen mit ihm. Ich glaube nicht, daß Nikolaus ein gläubiger Christ ist, sagte er doch ein oder zwei Dinge, die ich hätte ernst nehmen müssen, wenn ich das wäre, was er glaubt, so aber berührte es meine skeptischen Ohren sympathisch und ironisch. Wie komisch war die Geschichte von den Archimandriten von Czernowitz! Dieristag Nachmittag. — Meine Eile, außer Bett zu kommen, brachte mich wieder hinein. Aber der wirkliche Schmerz war Nicht groß. Ich habe Freundschaft mit Nikolaus Alexandrowitsch geschlossen und er hat mir versprochen, den Abend bei mir zu verbringen. Körperlich fühle ich mich jetzt wohler, aber mein Gemüth ist noch verstört. Pauls Stillschweigen bringt mir neue Sorge. Was mag die Ursache sein? Ich fürchte, er überarbeitet sich. Und nun will ich meine besten Cigaretten für Mr. le medecin hervorsnchen. Seltsam, daß die Krankheit mir einen Freund gebracht hat. Aber ach! nichts kann mir einen Vertrauten bringen! Erstaunliche Entdeckung! Nikolalls Alexandrowitsch ist Jude!lJch weiß nicht, wie es kam, aber plötzlich siel ein Wort; wir sahen uns an, und dann zuckte ein Blitz über uilsere Gesichter; lvir lasen uliser Geheinnnß einer in des anderen Augen; ein magnetischer Impuls schlang unsere Hände in freundschaftlichem Druck in einander, und lvir fühlten, daß wir Brüder seien. Trotzdem ift 9tiu: ns weit entfernt von meinem Fühlen, von meinen Ansichten. Wie merkwürdig lind geheimnißvoll ist die geheime Bruderschaft, die unsere Rasse trotz aller Ullterschiede des Ranges, des Landes, selbst des Glaubens verbindet. Denn Nikolalis ist ein Agnostiker voni reilisten Wasser und hat kaum so viel Sympathie für meinell nellgefulldenen Glauben wie irgend ein Christ, und doch ist meine Sympathie für ihn nicht nur wärmer, sondern von galiz anderer Art wie die, welche ich für irgeild einen Russen empfinde, selbst wie die für Catherillas Bruder. Ich habe ihm alles erzählt. Ja, kleines Buch, allch ihm habe ich alles erzählt, Und er spottet über mich. Aber in seinem Spott steckt mehr Brüderlichkeit wie in edm Beifall irgend eines Andern. Nikolaus verlacht die Annahme, daß der Judaismus lebensfähig oder lebenswerth sei. Er erklärt, daß das auserwühlte Volk zum Spielzeug des Schicksals auserwühlt worden sei, daß es mit Illusionen und leeren Versprechungen hingehalten worden und für seine Treue mit Tortur und Verfolgimg belohilt wordeil sei. Er bemitleidet es, wie er einen Hund bemitleiden würde, der zu seines Herrn Grab wandert lind vor Kuminer verhungert. Außer seinem Mitleid fühlt er genau so wie ich, bevor diese neuen Gefühle mich-^ergriffen. Aeußerlich ist er Christ geworden, weil ec sonst nicht behaglich leben konnte, dbet für die arüien Äauern- Bereu fieberheiße Stirnen et' mit fräueNhaft zarter Hand kühlt, fühlt er nur Verachtung. Er betrachtet sie als eine Art höheres Vieh und die hiesigen wohlhabenden Leute als Thiere mit den .Lastern der Muschiks (Bauern) und ohne ihre Tugenden. Für mein Sehnen nach dem Judaismus hat er nur gutmüthigen Spott und behauptet, ich kranke an dieser — Influenza. Alle Symptome seien körperlich, nicht geistig; Catherinas Verlust habe Mich darnieder gebeugt und zur Einsamkeit getrieben, Und die habe wiederunr auf meine Verstinnnung eingewirkt. Er glaube, die Religion sei nur eine Absonderung krankhafter Gemüther und mein Judaismus würde mit den letzten Spuren der Influenza verschwinden. In der That liegt in dem, was er sagt, viel, und die Diagnose und Analyse meiner Lage enthält viel Wahrheit. Er räth mir, häufig Ausflüge zu machen und wieder in einer der großen Städte zu leben. Zum Iudenthum zurückzukehren, hält er für einen Akt der Thorheit, der nur durch seine Nutzlosigkeit übertroffen würde. Die Welt wird in Bälde über all diese Formen und Vorurtheile hinweg gehen, ebenso ruhig wie er jetzt seine Cigarette pafft lind seinen Chartreuse schlürft. Er beweist mir, daß ich nicht der Einzige sei, der mit der Religion, die er bekenne, nicht sympathisire; denn wie er scharf ausführt, sind die größten Raskolniks (Dissidenten) doch Orthodoxe. Ja wohl, es gewährt einen gewissen Trost, in Gesellschaft verdammt zu werden, und sowenig ich in anderer Hinsicht einen solchen liebe, hierbei hat er mir gut gethau. Die schwarze Wolke hebt sich stellenweise, vielleicht war meine Unruhe doch nur — trotz alledem — eine körperliche. . Ich fühle mich freier und ruhiger, als seit langen Monaten. Nichtsdestoweniger kann ich es mir ganz ruhig ansnmlen, daß ich wieder -Jude werde. Selbst wenn ich Pauls Beobachtung ertragen könnte, würde es immerhin, wie Nikolatts mir vorhält, sehr gefährlich für mich sein, den orthodoxen Glauben abzulegeu. Ein Leichtes würde es ja sein» den Priester und die Behörden zu täuschen und meinen bisherigen Paß mir zu erhalten. Aber wo bliebe da das Opfer? Das wäre Heuchelei gegen Heuchelei ausgespielt. Und dann, was würde aus Pauls Zukunft werden, wenn es bekannt würde, daß sein Vater ein Zhid (Jude) sei? Aber ich vermag noch Glicht, all dieses auszudenken. Pauls Schweigen fängt an, mich furchtbar aufzuregen. Ein Vorgefühl von etwas Schlimmen lastet schwer auf mir. Meine liebe Taube, mein duscha Paul! Freitag Nachmittag. — Noch kein Brief von Paul. Sollte etwas passirt sein? Ich habe ihm geschrieben und ihm kurz mitgetheilt, daß ich krank sei. Ich werde nach Zlotow reisen und ihm von da telegraphiren, wenn ich in ein oder zwei Tagen nicht Nachricht von ihm erhalte. Sonnabend Morgen. All die geringfügigen und einfältigen Sorgen über meine eigene geistige Verfassung gehen unter in dem Gedanken an Paul. Selbstsüchtig wie immer, hatte ich ihm erlaubt, in einer weit entlegenen Stadt allein zu wohnen, allen Fährlichkeiten. des Lebens ausgesetzt. Sonnabend Abend. — Grausame Enttäuschung. Endlich ein Brief, — aber von meinem Agenten wegen Belegung südamerikanischer Werthpapiere. Ich habe ihm carte blanche gegeben. Was brauche ich jetzt Geld? Selbst für Paul könnte ich es nach der Erziehung,, die ich ihm gegeben, nicht gebrauchen. Ec taugt nur für die Mönchskutte. Er wird noch zum Klerus übertreten. Warum schreibt er nicht, mein armer St. Paul? Sonntag. — Gehorsam dem mahnenden Schall der Glocken,, begleitete ich Nikolaus Alexandrowitsch zur Kirche und flehte mechanisch die Heiligen um Hilfe an. Denn ich bin, lme.Nstolaus vorher gesagt.

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