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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 Breslauer, die Professur in Bern erhalten, was um so größeres Aufsehen machte, da er als Jude keine Anstellung in Preußen finden konnte, obgleich Alexander v. Humboldt sich lebhaft für den jungen Gelehrten verwendet hatte. Unter den älteren Mitgliedern der medizinischen Fakultät genoß der würdige Professor Benedikt den Ruf eines gelehrten Sonderlings. Der alte Herr, welcher die chirurgische Klinik leitete, litt an mancherlei Vorurtheilen und abergläubischen Schrullen. So war es bekannt, daß er nicht leicht eine Operation vornahm, wenn er am Morgen bei seinem Ausgang einem alten Weibe, eiirem Schwein — oder seinem Kollegen Wendt begegnete. Außerdem lebte er in dem Wahn, daß er von seinen nur in. der Einbildung existirenden Feinden fortwährend verfolgt werde. Die Geschichte der Medizin trug der gelehrte, aber langweilige Professor Henschel vor, dessen Vater einst der geachtetste und humanste Arzt in Breslau war. Bei dem Besuch der Anatomie und Klinik lernte ich verschiedene tüchtige und begabte Studenten kennen, denen ich mich mehr oder minder eng anschloß. Unter diesen befand sich der leider früh gestorbene Viol, der sich schon damals durch seine allgemeine Bildung und musikalisches Talent hervorthat. serner der später bekannt gewordene Professor Hermann Friedberg, der sich auf dem Gebiete der Hygiene einen geachteten Namen erworben hat, und der ebenfalls durch seine Leistungen auf demselben Felde bekannte geistreiche Medizinalrath Pappen heim, mit dem ich schon in Oppeln befreundet war. Vor Allen aber verkehrte ich wieder mit Traube, mit dem mich trotz der immer wehr hervortretenden Verschiedenheit unserer Anlagen und Neigungen die innigste Freundschaft verband. Rastlos fleißig, schlug er mir die Bildung eines philosophischen Vereins vor, an dem sich außer uns beiden noch ein strebsamer Jurist und ein höchst talentvoller, aber zerfahrener Student der Philosophie betheiligten. Wir schwärmten für Spinoza, dessen Werke und Briefe wir mit wahrer Andacht lasen und stndirten. An bestilmnten Tagen der Woche kamen wir auf Traubes Stube zusammen. um bei einem Glase Bier und einem frugalen Abeudbrod uns an den Schriften des unsterblichen Denkers zu erbauen, der einen großen Einfluß auf unfere ganze Richtung ausübte. Schon damals imponirte uns Traube durch seinen scharfen Verstand, seinen unermüdlichen Fleiß und den sittlichen Ernst seines Charakters, obgleich er nach beendeter Arbeit sehr heiter sein konnte und daun einen frischen Humor entfaltete, der nur zuweilen eine scharfe ironische Färbung anuahm, wenn er sich mit dem konfusen philosophischen Jünger, der trotz seiner glänzenden Anlagen oft auf -bedenkliche Abwege gerieth, heftig herumstritt und dem begabten Bummler freundschaftlich den Text las. So sehr auch meine Zeit durch diese wissenschaftlichen Studien und meine Hauslehrerstelle in Anspruch genommen wurde, regte sich immer von Neuem meine Liebe zur Poesie, die jedoch damals in Breslau wenig oder gar keine Nahrung und Förderung fand. Im Ganzen herrschte daselbst nur ein geringes Interesse an der Litteratur, trotzdem gerade in jenen Tagen das junge Deutschland blühte, Börne und Heine eine förmliche Revolution der Geister hervorriesen und im Zenith ihres Ruhmes standen. Man kann sich heute kaum noch eine Vorstellung von dem Enthusiasmus machen, mit den: die genannten Schriftsteller besonders von der empfänglichen Jugend ausgenommen wurden. Man schwärmte für die Gedichte Heines, für diese originellen, entzückenden Lieder mit ihren witzigen Pointen; man bewunderte die kühne Prosa und patriotische Sprache Börnes, man verschlang die Schriften des jungen Deutschlands. Gegen das Alles verhielt sich Breslau auffallend kühl und theilnahmslos; woran wohl zum Theil seine ungünstige geographische Leige und die überwiegenden Interessen des hier vorherrschenden Handelsstandes die Schuld tragen mochten. Zwar fehlte es nicht an empfänglichen Gemüthern, an begabten Dichtern, aber sie hatten keinen Einfluß auf die Oeffentlichkeit und lebten weift unbeachtet, isolirt. Um so üppiger, wucherte die in Schlesien von jeher beliebte und gepflegte Gelegenheitspoesie, die von dem aljen, prächtigen Geisheim und dem heiteren Grünig in achtungsvoller Weise vertreten wurde. Zu den Genannten gesellte sich noch der würdige Stadtrath Pulvermacher und der biedere Destillateur Kudraß, der uicht nur vorzügliche Schnäpse, sondern auch Verse machte. Man würde jedoch diesen trefflichen Männern Unrecht thun, wenn man ihre Verdienste zu gering veranschlagen sollte. Außerdem kam ich noch mit einigen wirklichen litterarischen Notabilitäten Breslaus in Berührung, die vermöge ihrer Stellung oder ihrer Verhältnisse ein gewisses Ansehen genossen, darunter Herr Epstein, die „hundertjährige Aloe" genannt, weil er nur in großen Zeiträumen eine kleine Arbeit veröffentlichte und sich sonst in ein vornehmes Stillschweigen hüllte. Wohlhabend und unabhängig durch ein bedeutendes Vermögen, lebte er als alter Junggeselle in angenehmen Verhältnissen und schrieb nur zu seinem Vergnügen, ohne sich anzustrengeu. Als ich ihn zum ersten Mal in seiner eleganten, komfortabel eingerichteten Wohnung besuchte, zeigte er mir einen von Tiek an ihn gerichteten Brief, gleichsam sein poetisches Adelsdiplom. Zugleich vertraute er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß' er mit einer großen, epochemachenden Arbeit beschäftigt sei. In der That erwarteten seine Freunde von Jahr zu Jahr das angekündigte unsterbliche Werk, an dem er im Geheimen arbeitete und von dem sich die Welt einen großen Erfolg versprach. Leider starb darüber der Dichter, und in seinem Nachlasse wurde das Manuskript, das vielleicht nur in seiner Einbildung vorhanden war, nicht ausgefunden. Einstweilen aber genoß er während seines Lebens alle Ehren eines bedeutenden Poeten auf — Kredit. Im Uebrigen besaß Herr Epstein einen feinen Geschmack, eine für einen Dilettanten seltene Bildung und den Brief von Tiek, dem er hauptsächlich seinen Ruhm verdankte. *--1 '—"1 II--V-- 1-1 I-' l*. 1 FEUILLETON | ~*l! ZSUHniUUMIII <r-1 1— ----—| 1-1 i— 1 Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell. (Fortsetzung.) onntag. — Ein Tag schrecklicher Langeweile und Verzweiflung. Ich versuchte, im alten Testament zu lesen, natürlich auf russisch; denn ich besitze keine hebräischen Bücher, und es ist mir zweifelhaft, ob ich sie lesen könnte, wenn ich sie hätte. Aber die schwarze Wolke bleibt! Sie drückt mich nieder, während ich schreibe. Meine Glieder sind wie Blei, mein Kops schmerzt. Und doch weiß ich. das Uebel sitzt nicht im Körper. L. Montag. — Die Verstimmung dauert fort. Ich machte einen kleinen Ausfltlg aufs Land. Ich ruderte stromaufwärts. . Ich versuchte, alles außer den Farben des Waldes und dem Glitzern des Flusses zu vergessen. Die Luft war milder wie in den vorhergehenden Tagen, aber aus dem Rauschen der Fichtenzweige

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