Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 524

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228193--53216-3258883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

524 trauten tete ä tete einander die kühnen Antworten erzählen, die sie dem tyrannischen Ordinarius gegeben haben wollen. Im Uebrigen kam nur Zodek, der Intrigant, gut weg. dessen komischer Rolle dev Jargon gut angepaßt war, während der Heldenvater Eleasar trotz entschiedener schauspielerischer Begabung und trotz seiner trefflichen Mimik ebenso wenig zur Geltung kommen konnte, als Dinah, welche auf die feurige Werbung Bar-Kochbas die verschämte Antwort giebt: „Ech bin doch nor die orme Dineh aphille; Du host doch aber takke oileh gewe'n ligedülle." Das Haus jedoch war voll und schien sich trefflich zu amüsiren. Das Theater dauerte dis nach Mitternacht. Man sieht: der richtige Jude kann Genüsse ertragen, ob es Selichoß sind oder Theaterstücke. Vas Buch Hist». Von Georg Brandes. enn man die ältesten hebräischen Münzen betrachtet, die uns aufbewahrt geblieben sind, fühlt man, so späte Hinterlassenschaft sie auch sind, ihre Macht, in längst vergangene Zeiten zurückzuversetzen. Nicht, daß sie in künstlerischer Beziehung werthvoll sind; sie stehen darin im Vergleiche zu Münzen aus Athen oder Syrakus unendlich zurück; aber sie wirken wie sprechende Denkmäler. Man betrachte die Münzen aus der Zeit der Makkabäer und lese ihre Inschriften. Auf der einen Seite eine Lilie mit der Umschrift: Jerusalem, das heilige, auf der anderen Seite eine Vase mit Wohlgerüchen und dem Zeichen 1 (d. h.: ein Jahr nach der Befreiung Jerusalems), und auf der Vase steht: Schecke! für Israel. Oder man betrachte die folgende Medaille: Auf der einen Seite steht: Für Jerusalems Befreiung, auf der andern: Simeon, ein Korb mit Garben und einer Citronenfrucht. Ovtr jene mit einer Palme und der Umschrift: Simeon, Fürst von Israel; andere mit Weinstöcken und einem Traubenbüschel, wieder andere mit einem Zweig von dem Balsambaume. Man empfängt hier den Eindruck eines Volkes voll großer Naturfreude, großen Sinnes für die Schätze der Pflanzenwelt, das seine Palmen, seinen Wein, sein Korn, seinen Balsambaum und seine Balsameffeuzen als seine Sinnbilder angesehen hat. Aber im Uebergange zu der Zeit, wo all dies die Freude des Volkes wird, hat es den Blick aus die Tage des Nomadenzustandes zurückgewandt, die ihm noch schöner erschienen waren, die Zeit, wo das Volk nicht in Häusern, sondern in Zelten wohnte und der Reichthum nicht die Frucht des Ackers, sondern die großen Heerden waren. Diese Heerden bestanden aus Kameelen, Schafen, Ochsen und Eseln. Schweine werden nie unter dem Eigenthume der Patriarchen erwähnt. Die alten Hebräer hatten geradeso wie die Araber und Phönizier, Aegypter und Inder einen wahren Ekel vor dem Schwein, ebenso wie sie Abscheu vor dem Hunde hatten. Es war nicht die mosaische Gesetzgebung, die ihnen diesen Abscheu einprägte; dieser war um viele Jahrhunderte älter. Sie wohnten in Zelten, und die Zelte waren, wie noch heutigen Tages die der Beduinen, Zelte aus Ziegenfell, und sie scheinen, wie die der Beduinen in der Regel noch heute sind, immer schwarz gewesen zu sein. Darum singt im Hohenlied das Mädchen von Salem: „Schwarz bin ich wie die Zelte von Kedar." Das Zelt war durch Teppiche in mehrere Räume eingetheilt. In dem innerstenhatten die Frauen ihre Aufenthaltsstätte. Die Tracht war eine dicht anschließende Tunica aus Linnen, darüber fiel ein Mantel in der Form eines viereckigen Shawls. Auf dem Kopfe ein Turban : d. h. ein weißes Tuch, das mehrere Male um den Kopf gewunden wurde. An den Füßen Sandalen, die den obersten Theil des Fußes entblößt ließen; daher die stete Rede von der Fußwaschung. Die Gewänder waren für Männer und Frauen verschieden und in der Regel weiß; nur die Reichsten trugen rothe oder purpurfarbene Trachten. Wollen wir uns nun die Szene in Hiob denken, so müssen wir uns vier Personen vorstellen, annähernd ähnlich gekleidet, wie die Scheike der Beduinen heutigen Tages, die auf der Erde sitzen und in einem schwarzfarbigen Zelte sich unterhalten. Aus meinen Lebens-Erinnerungen. Von Max Ring. IV. trotz aller Zerstreuungen, wozu noch der Umstand kam, daß ich aus Rücksicht auf meine pekuniäre Lage eine Hauslehrerstelle angenommen hatte, verfolgte ich mit vielem Eifer meine wissenschaftlichen Studien. Ich besuchte fleißig die Kollegien und schrieb die Vorträge der Professoren anfänglich gewissenhaft nach, eingedenk des Goetheschen Spruches: „denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen." Zunächst interessirten mich die philosophischen Vorlesungen des geistvollen Brau iß, der sich durch große Klarheit und dialektischen Scharfsinn auszeichnete, während der berühmte Historiker Wachler, der einen großen Zuhörerkreis um sich versammelte, mich ungeachtet seiner Altersschwäche durch seine freisinnigen Urtheile und glänzende Beredtsamkeit fesselte. Weniger sagten mir die naturwissenschaftlichen Kollegien zu, woran wohl die trockene pedantische Methode der meisten Lehrer die Schuld tragen mochte, da ich später das Versäumte mit großer Lust und Liebe in Berlin nachholte. Im ersten Wintersemester besuchte ich die Anatomie, an deren unangenehmen Eindruck ich mich erst gewöhnen mußte. Mehrere Tage vermochte ich nicht zu essen, und selbst im Schlaf verfolgten mich die widerlichen Bilder. Mit der Zeit jedoch überwand ich diesen natürlichen Widerwillen, und schon nach einigen Wochen verweilte ich nicht nur zur bestimmten Stunde, sondern freiwillig bis zum späten Abend allein in Gesellschaft der Todten, um ein angefangenes Präparat zu beenden. Trotzdem habe ich mich nie dazu entschließen können, auf dem Sezirtisch mein Frühstück zu nehmen, wie dies einige von meinen Bekannten aus Renommage thaten. Die praktischen Uebungen in der Anatoinie leitete der Geheimrath Otto, der mit großer manueller Geschicklichkeit einen geistreichen, mit cynischen Witzen gewürzten Vortrag verband. Seine Vorlesungen wurden nicht nur von Medizinern, sondern auch von Juristen und selbst von Theologen besucht, welche in der gerichtlichen Medizin und in der Entwickelungsgeschichte zahlreich bei ihm hospitirten. Wie Otto die materielle Seite, so vertrat Professor Purkinje die ideale Seite der Wissenschaft. Der berühmte Physiologe, der durch seine Abhandlung „Ueber das Sehen in subjektiver Hinsicht" die Aufmerksamkeit Goethes erregt und sich durch seine Untersuchungen auf dem Gebiet der Embryologie einen bedeutenden Namen und unvergängliche Verdienste erworben hatte, war unstreitig einer der interessantesten Lehrer an der Breslauer Universität. Gerade zu jener Zeit hatte sein Schüler Valentin, ein geborener

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.