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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
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523 Neben den Kramläden und Marktständen, deren Treiben am Donnerstag Abends durch den Einkauf der Sabbathbedürfnisie ein besonders lebhaftes ist, ziehen die sogenannten Schwitzbuden unsere Anfmerksamkeit auf sich. Diese Werkstätten sind der traurigste Anblick im ganzen Ghetto. Alle Uebel des modernen Erwerbslebens sind in ihnen in typischer Erscheinung vorhanden. Ungenügende Räumlichkeiten mit ihren natürlichen Konsequenzen, Schmutz und verpesteter Luft, lange Arbeitszeit, kärglicher Lohn und Kinderarbeit sind Thatsachen, welche den sprichwörtlichen Reichthum der Juden als eine Fabel erscheinen lassen. Und wie Viele würden sich glücklich schätzen, wenn sie diese kärglich bezahlte Arbeit erhalten könnten, und wie viele der hier beschäftigten Arbeiter wären froh, wenn diese Arbeitsgelegenheit das ganze Jahr hindurch eine gleichmäßige bliebe Und nicht jeder Chance unseres komplizirten Erwerbslebens ausgesetzt wäre, so daß oft mitten in der traurigsten Nothlage, mitten im Winter oder bei Krankheitsfällen in der Familie den Arbeiter noch Arbeitslosigkeit heimsucht. Diese Zustände im Schwitzbudenviertel sind oft genug Gegenstand der Berathung für gesetzgebende Körperschaften und humanitäre Organisationen gewesen. Die Lebensnoth ist aber stärker als das Moralische Gesetz. Die russischen Juden, welche fast ausschließlich das Arbeiterkontingent für die Schwitzbndett liefern, kommen bettelarm, mit großen Familien belastet, ohne Kenntniß der Landessprache und eines Gewerbes hierher; ihre körperlichen Kräfte reichen zu einer schweren Arbeit, wie sie der Slowak oder Italiener leisten kann, nicht aus. Und wenn er auch stark genug wäre, um in Bergwerken oder bei Eisenbahnbauten verwendbar zu sein, kann sich der russische Jude nicht entschließen, dahin gir gehen, wo es keinen Schächter, kein Tauchbad und kein Beth-Hamidrasch giebt. So füllen sie die großen Städte, und besonders New-Aork, und ihnen bleiben nur zwei Auswege, entweder das Gewerbe eines Hausirers, ein kärglicher, oft mit Lebensgefahren verbundener Erwerb, oder das des Arbeiters bei einem Kontraktor, der für Engros-Häuser Kontrakte zur Lieferung von Kleidern, Mützen, Hemden 11. s. w. übernimmt. Verdient er bei zehn- bis zwölfstündiger Arbeit sechs bis acht Dollar wöchentlich, ist er höchst zufrieden, denn die Bedürfnisse, die er aus seinem lithauischen Heimathsdorfe mitbcingt, sind äußerst geringe. Das Herabdrückeu des Arbeitslohnes nimmt aber stetig zu, während der Arbeiter selbst in der amerikanischer: Umgebung ein höheres Lebensniveau kennen lernt und in der freiheitlichen Atmosphäre des Landes zu einem Bewußtsein seiner Menschenrechte erwacht. Während nun der „grüne" Ankömmling von dem amerikanischen Arbeiter als ein alien verschrieen wird, welcher die amerikanische Arbeit auf das Niveau der europäischen Dürftigkeit herunterdrückt, wird sein vor längerer Zeit angesiedelter Landsmann als Sozialist und Anarchist verschrieen. Es ist die alte Klage der hebräischen Lohnarbeiter in Aegypten Dvsü "^22 njm* Die Prügel bekommt der arme Jude auf alle Fälle. Ob es jemals besser werden wird? Wer weiß es? Im Ganzen und Großen will es mir zwar scheinen, daß man einen Fortschritt im Wohlstände verzeichnen könnte, aber auf der anderen Seite scheint es doch, als ob die Welt auf dem alten Flecke bliebe. Ich kann mich in die Seele Rabbenu Tarms hineindenken, wenn er die UebertvetimQ der talmudischcn Wuchergesetze mit den behördlichen Erpressungen zu begründen sucht und wehmüthig ausruft: Bei dem Steuerdrücke, welchem wir ausgesetzt sind, ist selbst der höchste Prozentsatz doch nur TTI 'N22 gerade soviel, als wir zum Leben brauchen. (Toss. Mak. 70 b.) Ich kann mich in die Anschauungen meines eigenen Großvaters hineindenken, der durch eine Uebertretnng der jüdischen GefäUsgesetze sein ganzes Vermögen verlor. Ich kann. .mich in die Stimmung meiner Landsleute hineinleben, die in den interessanten, von Emanuel Baumgarten und David Kaufmann herausgegebenen Memoiren Abraham Brodas geschildert sind. Ich kann mir lebhaft vocstellen, daß diese sich sagten: Gebt uns keine Privilegien, gebt uns Menschenrechte, lastet uns mit gleichen Rechten in die Wettlaufbahn des Daseinskampfes eintreten, gestattet uns das Recht, unseren Wohnsitz zu wählen, unseren Erwerb zu bestimmen, unsere Kinder an dem Wissensschatze der Menschheit theilnehmen zu lasten, und alle ökonomischen Uebel sind gehoben. Und nun ist das alles erreicht. Trotzdem sind die Krösusse nicht zahlreicher geworden, als sie im 18. Jahrhundert waren; die große Mehrzahl hat noch immer schwere Mühe, sich den Weg durch das Leben Hahnen, und die Armuth hat nicht abgenommen. Nur eins hat sich^ erfreulicherweise geändert. Man versucht nicht mehr, die Armuth durch Stipendien für Psalmenbeter zu beheben. Einen Zug zeigt das New-Iorker Ghetto, der eigenthümlich amerikanisch ist, das ist das Zeitungswesen. Die im Jargon geschriebenen Blätter sind zahlreich und zeigen alle Schattirungen, selbst bis zu den Anarchisten hinab. Ich sah ein solches Blatt, das einen Artikel zum Versöhnungstage enthielt, mit der bezeichnenden Aufschrift TllSK •* Schrei zu der Wand. Auch in hebräischer Sprache ist vor einiger Zeit ein kurzlebiges Magazin erschienen, das dem entschiedensten Voltairecmismns gewidmet war. Im Allgemeinen sind aber diese Blätter recht fromm und unterhalten ihre Leser mit "rechtlebendigen Schilderungen von der Verderbtheit der Reformer. Echt großstädtisch, werden diese Blätter zumeist auf der Straße verkauft; in einer Manier, die mehr Bettelei als Geschäft ist, drängen sich Kinder an uns heran, um uns das jüdische Tageblatt oder die Gazetten aufzuzwingen. Natürlich werden diese Blätter auch in Zeitungsläden itub an Zeitungsständen verkauft. Das letztere Geschäft hat durch die russischen Juden in New - York während der letzten Jahre einen ungeheuren Aufschwung genommen; es hat sich sogar ein eigener Geschäftszweig, der der Makler mit Zeitungsständen, gebildet, der dieser Klaffe von Einwanderern seine Entstehung verdankt. Den Zeitungen steht das Theater als Volksbildungsmittel am nächsten, und „der jüdischer Theater" ist ein Faktor im Ghettoleben geworden. Es giebt deren drei, und ihr Repertoir, obwohl begreiflicherweise der Schmiere angehörig, von Kotzebue'schen Talenten für den Augenblicksbedarf zusammengekleistert. umfaßt Oper, Operette, Tragödie uud Lustspiel. Obwohl für unsereinen, der den Jargon nur zu komischen Effekten verwenden gelernt hat, das Urtheil ein schwieriges ist, läßt sich doch sagen, daß man unter den Schauspielern Bühnentalente und gute Stimmen findet. Ich habe der Vorstellung von Bar-Kochba beigewohnt. Bar-Kochba liebt Dinah, die Tochter Rabbi Eleasars aus Modiin, der in dem englischen Theile des Theaterzettels Eliezer Ha-moidin heißt. Dinah wird von Kaiser Nero geraubt; an solchen kleinen Anachronismen hat bekanntlich auch der Talmud keinen Anstoß genommen. Bar-Kochba Wird dadurch in die von dem verschmähten Liebhaber Zodek gestellte Falle gelockt, erscheint im Palaste des Kaisers, wird gefesselt, zerbricht die Fesseln, entreißt einem der Garden das Schwert, und Nero, der natürlich sehr betrunken ist und fortwährend gluckst, steigt auf Stühle und Bänke und ruft zitternd, bald zu den Garden gewendet : „Schmaßt's 'ehm arous" und bald zu Bar-Kochba gespendet : „Dü, gai aweg, es Hot keiner mischt noch dir geschickt." Der , Jubel, welcher diese Szene begleitete, ist unbeschreiblich. Man fühlte, daß die Zuhörerschaft sich in Nero einen Andern vorstcllte und in .^dem Hochgenüsse schwelgte, den mächtigen Herrscher vor einem Juden zittern zu sehen. Man erinnert sich an die Gymnasiasten, die im

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