Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 nicht mit Hafer oder gar Häcksel, sondern mit Lebkuchen und Branntwein. - Jainkew hatte wohl einmal im Beth-Hamidrasch die talmudische Haggadah von der Großartigkeit der Gemeinde in Alexandrien (Sukkah 51b) aufgefangen — gelesen hat er sie jedenfalls nicht, denn seine Kenntniß der jüdischen Litteratur ging nicht Liberias Gebetbuch, die Psalmen und etwas Chumesch und Raschi für ^den Hausbedarf hinaus — und danach seine Schilderung Amsterdams gemodelt. Und wie armselig ist Jainkews Hyperbel gegen' die talmudische Schilderung Alexandriens! 1300 000 Menschen hatten in der Synagoge Platz, und einundsiebzig goldene Kanzeln waren dort errichtet, von denen jede einzelne aus einundzwanzig Talenten Goldes bestand, so daß das Material dazu allein 100 000 Mark kostete. Und der Ehasan, in jener kantorenlosen Zeit der Gemeütdediener, stand auf der Tribüne in der Mitte der Synagoge, um durch das Schwenken einer Flagge das Signal zum Amensagen zu geben. Azariah dei Rossi hat diese Schilderung schon zweihundertfünfzig Jahre vor Jainkew Matthisiens nicht mehr geglaubt; allerdings gründeten sich seine Zweifel weniger auf die enormen Zahlen-als auf den Umstand, daß Alexander der Große diese Gemeinde vernichtet haben soll. Wenn dei Rossi und Jainkew meine Schilderungen lesen sollten, wird der Erftere bedenklich den Kopf schütteln und der Letztere lustig ausrufen: Der kaun's noch besser als ich. Und doch bemühe ich mich, so nüchtern zu schildern, als ich es vermag. Die zahlreichste und am großartigsten organisirte Gemeind^-der Judenheit ist New-Port. Allerdings ist ihre Bevölkerungszahl nicht so groß, als die Alexandriens im Talmud geschildert wird, ckber sie soll nach ziemlich sorgfältigen Schätzungen — der Census nimmt hier Religionen nicht auf — 350 000 Seelen betragen, somit mehr als die Hälfte der gesummten jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Wie rasch das Wachsthum vor sich ging, kann man aus der Thatsache ersehen, daß bis zum Jahre 1821 eine einzige mäßig große Synagoge für die jüdische Gesammtbevölkerung genügte, während: es jetzt etwa fünfzig Synagogen giebt, die zahlreichen Betstuben Acht gerechnet. Dabei schließe ich weder das neulich annektirte Brooklyn, noch die thatsächlich mit New-Aork eine kommunale Einheit bildenden Vorstädte ein, welche jenseits des North-River im Staatsgebiete von New-Jersey liegen. Das religiöse Leben New-Yorks, soweit es in den Synagogen zum Ausdrucke gelangt, ist ein sehr mannigfaltiges. In dieser Richtung ist die Metropole ein wahrer Mikrokosmus des Landes. Von den Chassidim, die den Mitgliedern ihrer Gemeinden das Stutzen des Bartes verbieten, und den Portugiesen, welche bis jetzt noch — eine kürzlich aufgetretene Neformpartei ist mit ihren Anträgen in der Minorität geblieben — an dem Ritus festhalten, welchen die ersten aus Brasilien im Jahre 1654 herübergekommenen Einwanderer eingeführt haben, bis zu der Emanuelgemeinde mit ihrem Sonntagsgottesdienst und dem englischen Kaddisch, giebt es zahlreiche Zwischenstufen, die sich nach Gebetbuch, gemeinsamen Sitzen für die Männer und Frauen, Orgel und weiblichen Ehor Beibehaltung der Kopfbedeckung, absolutem Verbot derselben und Freigebung nach dem Ermesien der Mitglieder regeln. Was aber New-Iork Eigenartiges hat, eigenartig nicht nur vom amerikanischen Gesichtspunkte, sondern geradezu einzig dastehend in der ganzen Welt, ist sein Ghetto. Es ist ganz merkwürdig, daß gerade an den Orten, wo es eigentlich niemals eine Beschränkung für die Juden gegeben hat, soweit deren privates Leben in Betracht kommt : in Amsterdam und in New-Iork, sich das typische Ghetto mit all den typischen Zügen zeigt, die einem Ghetto zu eigen sind; es hat eine dichtgedrängte Bevölkerung in licht- und Xuftarmen Gassen, es zeigt uns den schmutzigen Kleinhandel in seiner abschreckendsten Gestalt, es zeigt uns die Bettelei in allen Graden, es zeigt den verwünschten Prinzen entzaubert am Sabbath, wenn er am Sommernachmittag vor der Thür sitzt, an der Seite seiner dicken Ehehälfte, mit ihrem weißen Sabbathhäubchen auf dem Kopfe, während ihre zahlreichen Sprößlinge sich in den Gäßchen jagen, wie es sich die. Phantasie des Propheten Secharjah nicht schöner vorstellen könnte. Daun geht der entzauberte Prinz ins Bethhamidrasch und hört dort einem Vortrage über die laufende Paraschah zu, in welchem aus Raschi bewiesen wird, wie gefährlich Philosophie sei, und wenn man erst Satan Gehör schenke, der mit philosophischen Gründen beweist, daß man sich am Sabbath kämmen dürfe, dann schwebe man schon mit einem Fuße über dem Abgründe, in welchem der glattzüngige Verführer lauert, der uns zuflüstert, daß es keine Sünde sein könne, . am Sabbath zu „rookeu", da ein Vergnügen keine Sünde sein könne, und mit dem „Rooken" am Sabbath sei mau auf dem tiefsten Abgrunde der Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit angelangt. Erschüttert kommt der fromme Bethhamidrasch-Besucher nach Hause, erzählt seinem Weibe, was er gehört, und sie beschließen, ihre Kinder auf den Weg Gottes zu leiten und ihnen das Kämmen erst an Wochentagen nicht anzugewöhnen, damit sie nicht in die Versuchung kämen, sich am Sabbath zu kämmen. Wie gesagt, das Ghetto in Amsterdam ist interessant, aber gegen Rew-Aork gehalten, ist es eine Röntgensche Photographie eines in einer.Börse enthaltenen Silberthalers verglichen mit dem Abdrucke einer Gravirung von Meisterhand. Man betrete dieses Stadtviertel, welches noch vor zwanzig Jahren dem bürgerlichen Mittelstände als Quartier gedient hat. Vorerst sehen wir die zahlreichen jüdischen Firmenaufschriften, die kein Europäer zu entziffern vermöchte. Wer sollte wissen, daß •»ytsfts Porzellan bedeutet, oder daß es ein Schneider ist, der zum Ankauf seiner einladet? Dann dieser Markt mit allen Sorten von Maaren, Heringe, welche sich erinnern, Washingtons Installation gesehen zu haben, Obst, daß jedenfalls durch viele Hände gegangen ist, Karren mit Knrzwaaren, Stände ans den Trottoirs, wie man derlei in Amsterdam sehen kann, aber in einem Maßstabe, der mich an die Geschichte jenes Ghetto-Idioten erinnert, der, aus dem Dorfe heimkehreud, seinem Vater erzählt: „Taate, in Pansche habe ich ein Pferd gesehen, da bist Du a Hund dagegen." Ja, es geht alles ins Große in diesem Laude, Flüsse und Laster, Seen und Bankerotte, Gemeinsiun und Bestechlichkeit', Geldstücke und Armuth, Wirbelstürme und Sommerhitze. Winterkälte und Heizanlagen, Bigotterie und Gottlosigkeit. Es sollte mich wahrlich nicht wundern, wenn derselbe unternehmende Aankee, der vor einiger Zeit ein zweihundert Stock hohes Gebäude aufführen wollte — bis jetzt haben sie es nur auf 26 Stockwerke gebracht — auf die Idee käme, das ganze Ghetto in so einen Thurm von Babel zu packen und damit eine Reise um die Welt zu machen; es würde sich verlohnen, diese Schaubude zu besichtigen. Ich spreche von einem Ghetto; es giebt eigentlich deren mehrere; vor allem das ungarische Viertel, dann das galizische, das rumänische und endlich das russische. Das letztere zeigt natürlich auch seine Abstufungen, denn man kann doch unmöglich von dem aristokratischen Miusker verlangen, daß er sich mit einem Barbaren aus dem Kowner „Gubernie" auf eine Stufe stelle, so wenig, als man dem Altbaiern zumuthen kann, den Rheinbaiern, oder dem Letzteren, sich den Elsässer ebenbürtig zur Seite zu stellen, oder als man dem Süddeutschen zumuthen könnte, den Pollacken als gleichberechtigten Menschen auzuerkennen, und für den Süddeutschen ist Jeder ein „Bollag", der nördlich vom Main und östlich vom Inn zu Hause ist..